Stilvolle Betrachtungen zu Loyalität und Identität

Single Spies (An Englishman Abroad) ~ English Theatre Frankfurt ~ Coral Browne (Augustina Seymour), Guy Burgess (Theo Fraser Steele) ~ © Martin Kaufhold

Doppelabend »Single Spies« am English Theatre Frankfurt

kulturfreak Bewertung: 4 von 5

Ob „James Bond“, „Mission: Impossible“ oder „Austin Powers“, das Thema Agenten fasziniert ein breites Publikum. Unter dem Titel »Single Spies« gibt es jetzt zwei Spionage-Einakter von Alan Bennett am English Theatre Frankfurt zu sehen. Dabei handelt es sich um die erste Neuinszenierung zur neuen Spielzeit. Sie steht unter dem Motto „Hush, Hush: Hidden Worlds“.

Erzählt werden keine klassischen Agentenstorys. Im Mittelpunkt der beiden Stücke „An Englishman Abroad“ und „A Question of Attribution“ stehen zwei Mitglieder des legendären Spionagerings „Cambridge Five“, den es wirklich gegeben hat. In den 1930er Jahren warb der russische Geheimdienst fünf junge Männer in Cambridge an. Innerhalb von zwei Jahrzehnten lieferten diese den Russen zahlreiche streng geheime Dokumente.

Sehnsuchtsvolle Blicke von Moskau nach London

Im ersten Stück, „An Englishman Abroad“, geht es um den ehemaligen Spion Guy Burgess, der einst für die BBC, den britischen Auslandsgeheimdienst MI6 und das britische Außenministerium arbeitete. Ende der 1950er Jahre lebt er im Moskauer Exil. Stalin ist schon mehrere Jahre tot, dennoch hängt ein großes Konterfei von ihm über der Wohnungseingangstür. Seine Bleibe in Moskau ist eher pragmatisch als liebevoll eingerichtet (Bühne und Kostüme: Peiyao Wang). Im Exil vermisst der trinkfreudige Burgess am meisten Klatsch und Tratsch aus seiner Heimat, den britischen Kleidungsstil und die Straßen Londons. In Moskau ist er genügsam und kann sich für Tomaten mit Knoblauchzehen begeistern. Bei einem Theatergastspiel mit Shakespeares „Hamlet“ nimmt er Kontakt zur Schauspielerin Coral Browne auf. Ihr Besuch in seiner unordentlichen Bude ist Gegenstand der Handlung.

Theo Fraser Steele gibt ihn selbstbewusst, schlagfertig und mit dezent exaltierter Attitüde. Mit seinem ehemaligen „Kollegen“ Donald Maclean kann er hingegen nichts anfangen, der ist für ihn ein Langweiler. Augustina Seymour ist eine charmante Darstellerin, die bei dem tragikomischen Burgess erst einmal das ihr angebotene Glas abwischt, da dieser es mit der Sauberkeit scheinbar nicht so genau nimmt. Im Laufe ihres Gesprächs wird deutlich, dass Burgess, trotzdem er sein Land verraten hat, noch immer eine starke emotionale Verbindung zu England hat. Ergänzend zu diesen beiden gibt Angus Roughley den aufgeweckten Boyfriend und möglichen Spitzel Tolya und Michael Ayiotis einen zuvorkommenden Schneider.

Wer spielt mit wem?

Bei „A Question of Attribution“ steht der Doppelagent Anthony Blunt (stets einen kühlen Kopf bewahrend: Christopher Naylor) im Mittelpunkt. Homosexuell wie Burgess, schaffte er es trotz seiner bekannt gewordenen Spionagetätigkeit, im Land zu bleiben. Er war ein anerkannter Kunsthistoriker, war fest im britischen Establishment integriert und gehörte in seiner Eigenschaft als Surveyor of the Queen’s Pictures formal zum königlichen Haushalt. Obwohl er die Kunstwerke der Königin bewachte, verriet er sein eigenes Land. Aufgrund seiner besonderen Stellung wurde er stets beobachtet, aber nie verhaftet. Er genoss Immunität (erst Margaret Thatcher entlarvte ihn 1979 öffentlich).

Single Spies (A Question of Attribution)
English Theatre Frankfurt
Chubb (Nigel Allen), Anthony Blunt (Christopher Naylor)
© Martin Kaufhold

Im Stück geht es um die Begutachtung von Gemälden. Die Frage einer korrekten Zuordnung („question of attribution“) ist dabei durchaus doppeldeutig zu verstehen. Denn wie das per Videoprojektion gezeigte Gemälde „Allegory of Prudence” (Allegorie der Klugheit) des italienischen Künstlers Tizian und seines Assistenten hinterfragt werden kann, ist es auch Blunt selbst. Welche Rolle spielt er und was weiß die Königin über ihn?

Single Spies (A Question of Attribution)
English Theatre Frankfurt
Anthony Blunt (Christopher Naylor), HMQ (Augustina Seymour)
© Martin Kaufhold

Bei einem Besuch in der königlichen Galerie treffen er und HMQ, Her Majesty the Queen (ebenfalls Augustina Seymour), zu einem kultivierten Gespräch aufeinander. Später führt er einen ausführlichen Dialog mit Chubb, dem Ermittler des britischen Geheimdienstes MI5 (eloquent: Nigel Allen). Dabei vermischen sich Befragung und Kunstgeschichtliches. Die vornehme britische Form der Höflichkeit wird währenddessen stets gewahrt. Das Stück endet mit der Frage, wer sich wirklich hinter einer Person verbirgt.

Regisseurin Rosie Tricks, die hier bereits an der Seite von Tom Littler im Frühjahr „Churchill in Moscow“ inszenierte, zeigt die beiden Konversationsstücke als ein faszinierendes Spiel mit Wörtern.
„Single Spies“ ist am English Theatre Frankfurt noch bis zum 7. November 26 zu sehen.

Markus Gründig, September 26


Single Spies

Doppelabend mit zwei Spionage-Einaktern

Von: Alan Bennett (* 1934)
Uraufführung: 1. Dezember 1988 (London, Lyttelton Theatre/National Theatre)

Premiere am English Theatre Frankfurt: 19. September 26

Director: Rosie Tricks
Set & Costume Designer: Peiyao Wang
Lighting Designer: David Howe
Sound Designer: Max Pappenheim

Besetzung:

Chubb / Shop Assistant: Nigel Allen
Colin / Tailor: Michael Ayiotis
Guy Burgess / Restorer: Theo Fraser Steele
Anthony Blunt: Christopher Naylor
Tolya / Phillips: Angus Roughley
Coral Browne / HMQ: Augustina Seymour


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