Diffizile Aufarbeitung: »Der Abend vor dem Danach« am Schauspiel Frankfurt

Der Abend vor dem Danach ~ Schauspiel Frankfurt ~ Luca (Isaak Dentler), Irene (Manja Kuhl), Gabriel (Sebastian Kuschmann), Alexandra (Eva Maria Nikolaus) ~ Foto: Jessica Schäfer

Im Schauspielhaus eröffnete das Schauspiel Frankfurt die neue Spielzeit mit einer ausgefallenen und spektakulären Inszenierung (dem Klassiker „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“). Einen Tag später starteten die Kammerspiele in einem deutlich kleineren Rahmen mit der Uraufführung von „Der Abend vor dem Danach“ der österreichischen Dramatikerin Lisa Wentz (* 1995). Schon dessen Titel ist ein Zugpferd, suggeriert er doch Spannung pur. Irgendetwas muss passiert sein, damit von einem „Danach“ gesprochen werden kann. Nur was?

Zwei Paare treffen sich zu einem Abendessen

Lisa Wentz´ Stück beginnt zwanglos wie im Boulevardtheater. Zwei Paare treffen sich zu einem Abendessen, das schnell einen anderen Verlauf nimmt als geplant. Hier sind es der erfolgreiche und windige Geschäftsmann Gabriel (Wolf im Schafspelz: Sebastian Kuschmann) und seine neue Liebe, die junge Alexandra (facettenreich und Selbstgespräche mit der Oma führend: Eva Maria Nikolaus), die Gabriels wichtigsten Mitarbeiter Luca (reserviert und schnell reizbar: Isaak Dentler) und seine Ehefrau, die Unfallärztin Irene (stets versuchend einen kühlen Kopf zu bewahren: Manja Kuhl) empfangen.

Der Abend vor dem Danach
Schauspiel Frankfurt
Luca (Isaak Dentler), Gabriel (Sebastian Kuschmann), Irene (Manja Kuhl), Alexandra (Eva Maria Nikolaus)
Foto: Jessica Schäfer

Regisseurin Susanne Frieling präsentiert das Stück als spannendes und packendes Kammerspiel. Äußerlich wirken die beiden Paare mit ihrer Abendkleidung die in kräftigen, tiefen Violett- und Rottönen auf Blut anspielt, als eine harmonische Gruppe, doch der Schein trügt (Kostüme: Elisabeth Weiß).

Büchse der Pandora

Die vier Darsteller:innen thematisieren innerhalb der pausenlosen 90-minütigen Spielzeit ein noch immer viel zu wenig beachtetes Thema. Steht beim „Schwejk“ der kleine Mann im Mittelpunkt, sind es bei Wentz die Opfer von sexuellem Missbrauch. 2024 erlangte das brutale Schicksal der Französin Gisèle Pelicot internationale Bekanntheit. Dass sie kein Einzelfall ist, steht außer Frage. Die Dunkelziffer ist hoch. Hier setzt „Der Abend vor dem Danach“ an, ohne an dieser Stelle die dramaturgisch gut aufgebaute Geschichte nachzuerzählen.

Der Abend vor dem Danach
Schauspiel Frankfurt
Luca (Isaak Dentler), Alexandra (Eva Maria Nikolaus)
Foto: Jessica Schäfer

Für die mondäne Wohnung von Gabriel mit ihren Glasfronten hat Florian Schaumberge einen abstrakten und nahezu leeren Raum geschaffen. Im Mittelpunkt befindet sich eine große schwarze Box, die sich langsam erhebt und dann eine weiße, reine Fläche Bodenaussparung zeigt, deren Ränder als Sitzmöglichkeiten dienen. Gleichsam kann die Box auch abstrakt als eine Büchse der Pandora gesehen werden (die geöffnet lang Verdrängtes zu Tage bringt).

Am Ende steht die Frage nach einem auch im Opfersinn gerechten Strafmaß für einen Vergewaltiger im Raum. Wenn sich „Pandoras Büchse“ schließlich wieder senkt, wäre sie fähig, den auf den Boden liegenden Täter zu liquidieren.

Viele neue Stück geraten schnell in Vergessenheit, „Der Abend vor dem Danach“ hat Potential, auch an anderen Bühnen gespielt zu werden. Intensiver Schlussapplaus.

Markus Gründig, September 26


Der Abend vor dem Danach

Von: Lisa Wentz (* 1995)

Premiere / Uraufführung am Schauspiel Frankfurt: 12. September 26 (Kammerspiele)

Regie:
Susanne Frieling
Bühne, Musik & Licht: Florian Schaumberger
Kostüme: Elisabeth Weiß
Dramaturgie: Alexander Leiffheidt
Lichttechnische Umsetzung: David Schecker

Besetzung:

Irene: Manja Kuhl
Alexandra: Eva Maria Nikolaus
Luca: Isaak Dentler
Gabriel: Sebastian Kuschmann

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