Ich und die Gesellschaft

Selbstbezichtigung. Hanke ~ Theater Willy Praml ~ Jakob Gail, Anna Staab, Muawia Harb, Birgit Heuser ~ Foto: Seweryn Zelazny

„Selbstbezichtigung. Hanke“ beim Theater Willy Praml

Selbstbezichtigung ist nicht gerade angesagt. Wer beantragt auch schon ein Strafverfahren gegen sich selbst oder klagt sich an? Peter Handkes Theaterstück „Selbstbezichtigung“ handelt ausschließlich von der Selbstbezichtigung. Das 1966 entstandene Stück widerspricht einem klassischen Theaterabend. Es gibt keine Handlung, keine Figuren. Geschrieben wurde es für einen Sprecher, eine Sprecherin. Für das Frankfurter Theater Willy Praml hat jetzt Michael Weber eine eigene Textfassung erstellt und es ausgefallen inszeniert (Bühne und Regie).

Selbstbezichtigung. Hanke
Theater Willy Praml
Muawia Harb, Eleonora Gobena Wolf, Anna Staab, Jakob Gail
Foto: Seweryn Zelazny

In einem schier endlosen Redeschwall vollzieht rund 90 Minuten lang ein „Ich“ Selbstbezichtigung: „Ich bin geworden … Ich bin bußpflichtig geworden … Ich bin steuerpflichtig geworden …“ Die Selbstbezichtigungen gehen quer durch alle Alter, Lebensumstände und gesellschaftlichen Regeln. Dabei geht es um Getanes oder Unterlassenes, um richtiges oder regelwidriges Verhalten. Schließlich gibt es kein Entkommen von den Selbstbezichtigungen. Das Publikum ist hierbei eine Art Gerichtsinstanz, ohne selbst in die Handlung einzugreifen. Es ist vielmehr gefragt, eigenständig für sich die Fragen zu beantworten: Was ist richtig, was ist falsch?

Text vital in Szene gesetzt

Den Text hat Michael Weber grazil zum Leben erweckt und vital in Szene gesetzt. Die Selbstbezichtigungen werden nicht nur gesprochen, sondern von den Darsteller:innen sehr plastisch illustriert. Er nutzt dafür die besondere Atmosphäre der Naxos-Halle mit ihrem zauberhaften rauen Industriecharme voll aus. Das Publikum sitzt nicht auf einer Tribüne, sondern mitten in der weiten Halle. Dies nicht in mehreren Reihen hintereinander, sondern um einen aufwendig erstellten geraden Waldweg herum (der auch einen ausgefallenen Laufsteg für GNTM abgeben könnte). Durch die spezielle Sitzanordnung werden nicht nur die Darsteller:innen, sondern auch die Zuschauer gegenseitig angeschaut. Pro Vorstellungen können maximal 70 Zuschauer:innen teilnehmen.

Selbstbezichtigung. Hanke
Theater Willy Praml
Jakob Gail, Elin Staab
Foto: Seweryn Zelazny

Für die sehr gut gelungene naturalistische Nachbildung des Waldwegs wurden 20 Tonne Lehm aus dem Stadtwald in die Naxos Halle gebracht, dazu Äste, Laub und Wurzeln. Ein Wald war für Handke stets ein Sinnbild für den Rückzug aus der Öffentlichkeit, für Entschleunigung und Kontemplation.
Am Anfang des Waldwegs befindet sich der eigentliche Bühnenvorhang, aus dem die Darsteller;innen in das Leben heraustreten und herauskrabbeln. Am Ende steht eine Tür. Bild für das Ende, den Übergang in eine vollkommen andere Welt. Aber auch als ein Sinnbild für die vielen Möglichkeiten die es gibt und das Entscheidungen für oder gegen etwas, auch stets Konsequenzen haben. Gehe ich durch die Tür und betrete Neues oder bleibe ich im Alten verhaftet.

Starke Ensembleleistung

Es spielt das Ensemble des Theater Willy Praml: Jakob Gail, Muawia Harb, Birgit Heuser, Anna Staab, Elin Staab (als Gast) und Eleonora Gobena Wolf. Den stets ähnlich anfangenden Sätzen („Ich habe …“, „Ich bin …“) verleihen sie eine ungeheure Authentizität und Vielfalt und legen dabei intensive körperliche Einsätze vor. Elin Stab, äußerlich fast ein wenig an die junge Taylor Swift erinnernd, zeigt dabei trotz ihres jungen Alters eine erstaunliche Präsenz. Apropos jung. Als ein Musterbeispiel einer Sozialisation steht hier die Holzpuppe Pinocchio aus Carlo Collodis Kinderbuch. Ergänzend dazu werden mehrfach kurze dynamische Sequenzen aus dem Soundtrack „Le avventure di Pinocchio“ aus 1972 eingespielt. Die Melodie erklingt auch in einem Remix von Totò und einem euphorisierenden Rave Mix. Die anfänglich getragenen weißen Oberteile bleiben nicht lange rein, Spuren des Lebens haften schnell an ihnen (Kostüme: Paula Kern).

Am Ende aller Selbstbezichtigungen hat sich nicht nur ein festes Gebilde herauskristallisiert, sondern auch die Chance, das zu tun, was eine KI nicht kann: über sich selbst reflektieren.

Lang anhaltender und intensiver Beifall.

Markus Gründig, August 26


Selbstbezichtigung. Handke

Sprechtheater
Von: Peter Handke (* 1942)
Uraufführung: 22. Oktober 1966 (Oberhausen, Städtische Bühnen Oberhausen)

Premiere beim Theater Willy Praml: 28. August 26 (Produktionshaus Naxos)

Regie, Textfassung, Bühne: Michael Weber
Kostüme: Paula Kern
Lichtdesign: Simon Möllendorf
Regieassistenz: Eleonora Gobena Wolf

Mit: Jakob Gail, Muawia Harb, Birgit Heuser, Anna Staab, Elin Staab, Eleonora Gobena Wolf

Gefördert von Kulturamt Frankfurt am Main, Kulturfonds Frankfurt RheinMain, Stiftung Kulturelle Erneuerung, FAZIT-Stiftung, Stiftung Polytechnische Gesellschaft

theaterwillypraml.de