
Dicke Blutkleckse und -streifen überdecken den Schriftzug „MAZEPPA“ auf dem Werbeplakat zur Produktion der Oper Frankfurt. Das verheißt nichts Gutes. Drama gehört zum Genre Oper dazu, es ist gewissermaßen ihr Lebenselixier. Doch in nur sehr wenigen Opern geht es so heftig zu wie in Tschaikowskis „Mazeppa“. Insbesondere in der Inszenierung von Matthew Wild, der die im Stück vorhandenen gewalttätigen Momente plakativ zur Schau stellt. Wobei es nicht so ist, wie manch blutverschmierte Wand, Kleidung und Teddybären es vermuten lassen: Blut spritzt auf offener Bühne nur ein einziges Mal. Wilds Inszenierung, die auch mit zahlreichen kontemplativen Situationen aufwartet, war bereits 2024 bei den Tiroler Festspielen Erl zu sehen.
Bandenboss und skrupelloser Politiker
Mit „Mazeppa“ setzt die Oper Frankfurt die Vorstellung unbekannter Musikdramen von Tschaikowski fort (2018 war „Iolanta“ und 2022 „Die Zauberin“ hier zu sehen). „Mazeppa“, nach Alexander S. Puschkins Gedicht „Poltava“, nimmt nur sehr lose Bezug zur historischen Figur des Iwan Stepanowytsch Masepa (1639 – 1709). Der gebürtige südafrikanische Regisseur Matthew Wild sieht in ihm einen modernen Machtmenschen. In seiner Inszenierung ist Mazeppa zunächst ein Bandenboss, dann ein skrupelloser Politiker.

Oper Frankfurt
Ljubow (Karolina Makuła), Kotschubej (Alex Birkus)
© Xiomara Bender
Dezente Bezüge zur Legende der historischen Mazeppa-Figur gibt es per Videoprojektionen. Ein sich aufbäumendes Pferd spielt auf die Legende um den historischen Mazeppa an. Dieser soll nach einem Ehebruch nackt auf einem wilden Pferd gefesselt in die Ukraine gelangt sein, wo er dann zu einem Hetmann (eine Art Hauptmann der Streitkräfte) emporstieg. Ausführlichere Anmerkungen zur Figur finden sich in einem Essay von Dramaturg Maximilian Enderle im Programmheft. Während des Intermezzos „Schlacht von Poltawa“ werden moderne Kriegsbilder aus einer Großstadt auf die Rückwand projiziert (Video: Bibi Abel).
Eine problematische Liebesbeziehung und das Problem von Macht
Dreh- und Angelpunkt der Oper ist Mazeppas Beziehung zur wesentlich jüngeren Maria. Sie ist die Tochter des erfolgreichen Geschäftsmanns Kotschubej. Dieser sieht Marias Ansehen durch die Beziehung mit Mazeppa als verletzt an und denunziert ihn deshalb beim Zaren. Das hätte er jedoch besser nicht getan. Der Zar steht weiterhin zu Mazeppa. Kotschubej und Marias Jugendfreund Andrej, der die Denunzierung beim Zaren überbrachte, sterben durch Schergen Mazeppas. Maria verliert daraufhin den Bezug zur Realität und fällt in den Wahnsinn. So thematisiert die Oper aktuelle Themen wie Loyalität, Macht und Machtmissbrauch. Gleichsam ist sie hochemotional mit einer persönlichen Tragödie verknüpft.
Spannend als großes Drama inszeniert
Trotz knapp vier Stunden Spieldauer (inklusive zweier 25-minütiger Pausen) ist die Oper durchweg spannend als imponierendes Drama inszeniert. Die Bühne von Herbert Murauer verbindet dabei geschickt Innen- und Außenräume in einem einzigen Bild. Der nicht allzu tiefe Grundraum hat mit hohen Wänden im Wellblech-Stil eine kühle Atmosphäre. Er strahlt zudem Nüchternheit und Armut aus. Die Rückwand kann ausschnittsweise geöffnet werden und gibt dann Blicke in das noble Zuhause von Kotschubej frei (mit wechselnden Ansichten auf Wohnzimmer, Bad und Kinder-/Schlafgemach). Die Wohnbereiche sind hinter vertikalen Streben sichtbar, wodurch auch ein gewisser Gefängnischarakter entsteht („Die Elite ist Gefangene ihrer selbst“).

Oper Frankfurt
Kotschubej (Alex Birkus), Mazeppa (Petr Sokolov; im Spiegel)
© Xiomara Bender
Optisch wirken die unterschiedlichen Spielebenen beeindruckend. Für die Sänger:innen bedeutet es allerdings, dass sie aus den erhöhten (hinteren) Räumen stets etwas mehr geben müssen, um normal gehört zu werden. Ihre Position ist weiter vom Orchestergraben entfernt als meist üblich.
Ein kontinuierlicher musikalischer Sog
Ob des turbulenten Bühnengeschehens und dem Lesen der Übertitel lohnt es sich, auch ganz besonders auf Tschaikowskis hochdramatische Musik zu hören. Sie wirkt trotz einzelner Gesangsnummern, Duette und Chöre wie ein kontinuierlicher dramatischer Fluss von lyrischen Passagen und kräftigen Ausbrüchen. Karsten Januschke am Pult des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters sorgt für eine große orchestrale Dramatik und viel Feingefühl. „Mazeppa“ leitete er bereits bei den Festspielen Erl.

Oper Frankfurt
Andrej (John Findon)
© Xiomara Bender
Dort sangen auch bereits Petr Sokolov die Titelpartie und Nombulelo Yende die Partie der Maria. An der Oper Frankfurt stellt sich der Bariton Petr Sokolov hier erstmals vor. Den machtbesessenen und skrupellosen Mazeppa gibt er mit edler Attitüde, stimmlich wie darstellerisch. Emotionales Zentrum dieser Oper ist die ausdrucksstarke Sopranistin Nombulelo Yende. Die Maria gibt sie exzellent und in jeder Phase authentisch wirkend.
Als vornehmer und rechtschaffener Unternehmer Kotschubej ist der weißrussisch-französische Bass Alex Birkus ebenfalls erstmals in Frankfurt zu erleben. Obwohl ihm in der Folterszene gerade das rechte Ohr abgeschnitten wurde, singt er in schönsten lyrischen Tönen rege weiter. Erstmals in Frankfurt zu erleben ist auch der britische Tenor John Findon in der Partie des Andrej. Die Figur entwickelt sich von einem schüchternen und unglücklich verliebten jungen Mann zu einem kämpferischen Gegner Mazeppas. Vom Ensemble der Oper Frankfurt beteiligt sind Bariton Jarrett Porter als verwegener Handlanger Mazeppas (Orlik) und Mezzosopranistin Karolina Makuła als Kotschubejs besorgte Frau Ljubow, sowie Tenor Kudaibergen Abildin als betrunkener Kosak (und alternierend als Andrej). Das Frankfurter Opernstudio ist mit Tenor Jihun Hong als Mazeppas Gefolgsmann Iskra vertreten.

Oper Frankfurt
v.l.n.r. Orlik (Jarrett Porter) und Kotschubej (Alex Birkus) sowie Torpedo (Stephen Louis) und Iskra (Jihun Hong)
© Xiomara Bender
Der von Manuel Pujol einstudierte Chor der Oper Frankfurt ist zunächst nur aus dem Off zu hören, später zeigt er sich als trist gekleidete Volksmasse (Kostüme: auch Herbert Murauer), die beteiligungslos zuschaut, wenn ein Tanzpaar (Eleonora Ricci, Gabriel Capizzi; Choreografie: Christiana Stefanou) von Rowdys belästigt wird oder die die öffentliche Hinrichtung Kotschubejs voyeuristisch am Fernseher verfolgt. Stimmlich ist der Chor jedoch umso vitaler und auf dem Punkt kraftvoll präsent.
Am Ende des ergreifenden Abends intensive Beifallsbekundungen.
Markus Gründig, September 26
Mazeppa
Oper in drei Akten und sechs Bildern
Von: Pjotr Iljitsch Tschaikowski (1840 – 1893)
Text von: Victor P. Burenin und Peter I. Tschaikowski nach Alexander S. Puschkin
Uraufführung: 15. Februar 1884 (Moskau, Bolschoi-Theater)
Premiere an der Oper Frankfurt: 13. September 26 (Opernhaus)
Übernahme einer Produktion der Tiroler Festspiele Erl
Besuchte Vorstellung: 18. September 26
Musikalische Leitung: Karsten Januschke
Inszenierung: Matthew Wild
Bühnenbild, Kostüme: Herbert Murauer
Licht: Jan Hartmann
Video: Bibi Abel
Choreografie: Christiana Stefanou
Kampfchoreografie: Stephen Louis
Chor: Manuel Pujol
Dramaturgie: Maximilian Enderle
Besetzung:
Mazeppa: Petr Sokolov
Maria: Nombulelo Yende
Kotschubej: Alexander Roslavets / Alex Birkus (18., 20., 26.9, 4.10.)
Andrej: Mikhail Pirogov / John Findon
Ljubow: Karolina Makuła
Orlik: Jarrett Porter
Iskra: Jihun Hong°
Betrunkener Kosak: Kudaibergen Abildin
Torpedo: Stephen Louis
Tanz: Eleonora Ricci, Gabriel Capizzi
°Mitglied des Opernstudios
Frankfurter Opern- und Museumsorchester
Chor der Oper Frankfurt
Statisterie und Kinderstatisterie der Oper Frankfurt
