»Warten auf heute« mit Musik von Schönberg & Martin wieder an der Oper Frankfurt

Eine besondere Schöpfung feierte im Januar 2022 Premiere an der Oper Frankfurt: das montierte Bühnenwerk „Warten auf heute“. Damals galten noch verschärfte COVID-19-Präventionsmaßnahmen. So war unter anderem die Zuschaueranzahl im Opernhaus auf 250 beschränkt (anstelle von möglichen 1.375). Es stand wohl allein deshalb außer Frage, dass diese besondere Kammeroper-Collage zu einer späteren, „normalen“ Zeit wieder in den Spielplan aufgenommen wird. Jetzt im September 2026 war es soweit.
Vier eigenständige Werke von Schönberg & Martin
„Warten auf heute“ erzählt lose die Geschichte eines jungen Paares über zwei Lebensabschnitte. Versuchungen, Treue, Wandel und tiefe Verzweiflung begleiten das Leben von zwei Menschen, die zwar ein gemeinsames Kind miteinander verbindet, die sich schließlich aber immer mehr voneinander entfernen. Es ist eine zeitlose Parabel über Grundfragen des Lebens: Was bestimmt das Heute? Was bewegt das Morgen? Zugrunde liegen vier eigenständige Stücke, die in David Hermanns Inszenierung auf nahezu wundersame Weise eine geschlossene Erzählung bilden.
Von heute auf morgen
Zu Beginn steht Arnold Schönbergs 1930 in Frankfurt uraufgeführte einaktige Oper „Von heute auf morgen“. Sie handelt von den glücklicheren Tagen der jungen Familie, zu denen auch Versuchungen zählen. Hier arbeitet Regisseur David Hermann auch mit Symbolik. Hinter dem wankelmütigen Mann steht ein großer Hase als Bild für sein verdrängtes sexuelles Begehren. Nachdem die Frau (pfiffig: Sopranistin Elizabeth Reiter) dem Mann (unbekümmert und einsichtig: Bariton Sebastian Geyer) eine Lektion in Beziehungsfragen erteilt hat, erkennt er die Vorzüge seiner Frau und verzichtet auf ein Leben „von heute auf morgen“.

Oper Frankfurt
Ehefrau (Elizabeth Reiter) und Ehemann (Sebastian Geyer)
© Barbara Aumüller (szenenfoto.de)
Schönberg und seine zweite Frau Gertrud Kollisch-Schönberg, die unter dem Pseudonym Max Blonda das Libretto schrieb, waren in moralischen Fragen, entgegen dem Zeitgeist, sehr konservativ. Zum Ende erscheinen die jeweiligen angehimmelten Traumpartner als nicht totzukriegende Zombies. Es ist eine grotesk und fast schon heiter anmutende Warnung an die Frau und den Mann, einander treu zu bleiben. In ihren Kostümen, Perücken und starker Maske nicht zu erkennen: Sopranistin Juanita Lascarro als die schräge Freundin und Tenor Theo Lebow als der Tenor. Spätestens bei dieser Szene wird deutlich, warum „Von heute auf morgen“ als die erste komische Oper in Zwölftontechnik gilt.
Begleitmusik zu einer Lichtspielszene
In der rein musikalischen expressionistischen neunminütigen „Begleitmusik zu einer Lichtspielszene“ (ebenfalls von Schönberg) entfremdet sich das Paar im Alltag immer mehr. Schließlich verlässt die Frau den Mann und das Kind. Beim Vorüberziehen der Jahreszeiten per Videoprojektionen verwahrlost das Haus der Familie. Unkraut zieht sich die Fassade hoch, das Dach bekommt eine große Delle und wirkt immer stärker verschmutzt.
Sechs Monologe aus ‚Jedermann‘
Nach der Pause ist das Paar deutlich gealtert. Der Mann (eindringlich und verstört wirkend: Bariton Simon Neal) haust einsam in einem Berg aus Essensverpackungen und sinniert über das Ende (Frank Martins rund zwanzigminütiger Liedzyklus „Sechs Monologe aus ‚Jedermann‘“). Der schweizerische Komponist Frank Martin ließ sich in seinem Œuvre zwar von Schönbergs Zwölftontechnik inspirieren, nicht aber bei seinen „Sechs Monologen…“.

Jedermann (Simon Neal)
Oper Frankfurt
© Barbara Aumüller (szenenfoto.de)
Das lyrische Werk fußt auf Hugo von Hofmannsthals Theaterstück „Jedermann“ und handelt von den Sterbestunden des reichen Jedermanns. In sechs kurzen Monologen geht es um Einsamkeit, Aufbegehren, Andenken an die Mutter, Qualen der späten Reue und Gebete.
Erwartung
Schließlich kehrt die Frau (bis zum Schluss einen eleganten Stil wahrend: Sopranistin Anna Gabler) verstört zurück. Sie findet einen toten Mann und fällt langsam in einen sanften Wahnsinn (Arnold Schönbergs halbstündiges Monodrama in einem Akt „Erwartung“). Das Werk wurde 1924 uraufgeführt, entstand aber bereits 1909.

Oper Frankfurt
Eine Frau (Anna Gabler)
© Barbara Aumüller (szenenfoto.de)
Es ist nach Dietmar Holland „das erste freudianische Musikdrama“ und nach Theodor W. Adorno eine „ seismografische Aufzeichnung traumatischer Schocks“. Mit seinem steten Wechsel zwischen scharfen Dissonanzen, grellem Fortissimo und innerlichen Momenten im Pianissimo ist es sehr anspruchsvoll.
Ein sonderbares Haus
Eine besondere Rolle spielt zudem ein kleines Wohnhaus auf der dunkel gehaltenen Bühne. Es spielt auf ein US-amerikanisches Idyll der 1950er Jahre an. Zur damaligen Zeit war dort das Leben für viele Frauen noch prekär. Für den USA-Bezug spricht auch, dass Schönberg 1933 in die USA emigrierte.
Das leer gehaltene Haus wirkt mit seinen relativ niedrigen Raumhöhen und engen Spitzböden nicht nur grotesk, es kann auch auseinandergestellt und neu zusammenarrangiert werden. Dadurch entstehen viele zusätzliche Spielräume (Bühne und Video: Jo Schramm), womit indirekt auch die Tragfähigkeit von Beziehungen und vom Leben generell hinterfragt wird.
Teilweise ausgefallen sind die Kostüme von Sibylle Wallum (wie der nach oben gefaltete Rock der Frau).
Vor Schönbergs Zwölftontechnik-Musik muss man sich nicht fürchten. Sie klingt anders als Musik von Mozart oder Verdi. Aber sie ist ungemein intensiv, ausdrucksstark und berührt auch emotional (insbesondere die „Begleitmusik zu einer Lichtspielszene“). Angenehmer Nebeneffekt des reichlich vorkommenden Sprechgesangs ist eine gute Textverständlichkeit.
Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester spielt unter der Leitung von Gastdirigent Tim Anderson impulsiv und mit feinsten Nuancen. Es gibt lediglich zwei weitere Vorstellungen dieses besonderen Abends (am Fr., 2. und Sa., 17. Oktober 26).
Markus Gründig, September 26
Warten auf heute
Arnold Schönberg (1874–1951)
Frank Martin (1890–1974)
VON HEUTE AUF MORGEN
Arnold Schönberg
Oper in einem Akt
Text von Max Blonda (Pseudonym für Gertrud Schönberg)
Uraufführung: 1. Februar 1930 (Frankfurt/M, Oper Frankfurt)
BEGLEITMUSIK ZU EINER LICHTSPIELSZENE OP. 34
Arnold Schönberg
Uraufführung: 6. November 1930 (Berlin, Krolloper)
SECHS MONOLOGE AUS »JEDERMANN«
Frank Martin
Liederzyklus für Bariton und Orchester
Text von Hugo von Hofmannsthal
Uraufführung: 9. September 1949 (Venedig, Teatro La Fenice)
ERWARTUNG
Arnold Schönberg
Monodram in einem Akt
Text von Marie Pappenheim
Uraufführung: 6. Juni 1924 (Prag, Neues Deutsches Theater)
Premiere an der Oper Frankfurt: 16. Januar 2022 (Opernhaus)
1. Wiederaufnahme: Samstag, 19. September 26 (Opernhaus)
Besuchte Vorstellung: 27. September 26
Musikalische Leitung: Tim Anderson
Inszenierung: David Hermann
Szenische Leitung der Wiederaufnahme: Nina Brazier
Bühnenbild und Video: Jo Schramm
Kostüme: Sibylle Wallum
Licht: Joachim Klein
Dramaturgie: Mareike Wink
Besetzung:
Von heute auf morgen
Ehefrau: Elizabeth Reiter
Ehemann: Sebastian Geyer
Freundin: Juanita Lascarro
Sänger: Theo Lebow
Sechs Monologe aus »Jedermann«
Jedermann: Simon Neal
Erwartung
Eine Frau: Anna Gabler
Frankfurter Opern- und Museumsorchester
