Kelsey Lauritano sorgsam an der Oper Frankfurt

Liederabend Kelsey Lauritano ~ Oper Frankfurt, 3. November 26 ~ Kelsey Lauritano ~ © Barbara Aumüller (szenenfoto.de)

Die in San Francisco geborene japanisch-amerikanische Mezzosopranistin Kelsey Lauritano zeigt einmal mehr, wie gewissenhaft Sänger:innen an der Oper Frankfurt in ihrer Entwicklung unterstützt werden. Zur Spielzeit 2018/2019 begann sie im Frankfurter Opernstudio, seit 2020/2021 zählte sie zum Ensemble der Oper Frankfurt.

Hier begeistert und verzaubert sie immer wieder das Publikum, wie zuletzt als Dorabella in Mozarts Cosi fan tutte und in zahlreichen Hosenrollen, wie Cherubino in Mozart’s Le nozze di Figaro, Paolo in Mercadante’s Francesca da Rimini und Fragoletto in Offenbach’s Die Banditen.

Jetzt hatte sie die Gelegenheit erhalten, eine weitere Facette ihres Könnens zu zeigen: als Liedinterpretin. Gemeinsam mit dem in Florida geborenen Dirigenten, Repetitor und Coach Alden Gatt, Kapellmeister und Assistent von GMD Thomas Guggeis, gestaltete sie einen Liederabend auf der großen Bühne im Opernhaus. Den Zwischenschritt über die lose und leider nur noch selten stattfindende Reihe „… singt Lieder im Holzfoyer“ übersprang sie damit.

Programmatisch stand der Abend unter dem Titel „Awakening“ (Erwachen). Wie Lauritano im Programmheft zitiert wird, prägte sie ihre bisherige Zeit in Frankfurt sehr. Sei es der distanzierte Blick auf ihre Heimat oder die mit ihrem Beruf verbundenen Eindrücke mit stets neuen „Lebensweisen, Kulturen und spirituellen Perspektiven“. So spiegelte der Abend ihr persönliches „Erwachen“ wie auch die überzeitlichen Erfahrungen des „Erwachens“ musikalisch wider. Dabei spannte sie einen weiten Bogen vom Barock (Henry Purcell) bis zu den 1980er Jahren (John Harbison).

Im zweigeteilten Abend präsentierte sie zunächst besinnlich wirkende englischsprachige Lieder, wie für ein sanftes Erwachen am Morgen, danach expressivere Lieder auf Deutsch, für das Erwachen von Leben und Leidenschaft. Von Anfang an wirkte sie in sich ruhend und selbstsicher. So, als hätte sie bisher nichts anderes gemacht, als graziös Kunstlieder zu präsentieren.

Liederabend Kelsey Lauritano
Oper Frankfurt, 3. November 26
Alden Gatt, Marie Daniels, Kelsey Lauritano
© Barbara Aumüller (szenenfoto.de)

Eröffnet wurde der Abend mit Purcells Solokantate „The blessed Virgin’s Expostulation“ in einer Bearbeitung für Klavier von Benjamin Britten. Das vielschichtige und knapp acht Minuten dauernde Werk handelt von der Klage der um ihren verloren gegangenen Sohn sich sorgenden Jungfrau Maria.

Dem schloss sich Benjamin Brittens Zyklus „A Charm of Lullabies“ (Reigen von Wiegenliedern) an. Hierbei handelt es sich allerdings nicht um klassische Einschlaflieder. Die fünf Lieder dieses Zyklus sind sehr unterschiedlich: tiefgründig, emotional und energetisch. „Sephestia´s Lullaby“ flott, gesteigert von „A Charm“. Voller Hingabe dann „The Nurse´ s Song“, die liebevolle Aufforderung des Kindermädchens, jetzt doch endlich einzuschlafen.

Mit John Harbisons Zyklus „Mirabai Songs“ aus dem Jahr 1982 präsentierte Kelsey Lauritano eine Rarität. Mirabai war eine indische Mystikerin im 16. Jahrhundert. Als Witwe verweigerte sie die von ihr verlangte Selbstverbrennung und wandte sich Krishna zu. Ekstase, Liebe und Hingabe, die sechs Lieder weisen viele Facetten auf. Lauritano gab sie mit einer großen Innigkeit.

Aaron Coplands „Why do they shut me out of heaven“ aus seinem Zyklus „Twelve Poems of Emily Dickinson“ beendete den ersten Programmteil.

Den zweiten Programmteil eröffnete Kelsey Lauritano mit einem Klassiker: „Ganymed“ von Franz Schubert. Das Erwachen des Frühlings führt auf Grundlage von Goethes Gedicht fast schon zu einem ekstatischen Zustand.

Eine Überraschung gab es bei den beiden Liedern „Zwei Gesänge“ von Johannes Brahms. Hier begleitet zusätzlich die Bratschistin Marie Daniela (vom Frankfurter Opern- und Museumsorchester). Bei diesen zwei Liedern nimmt die Bratsche (Viola) mit ihrem warmen, dunklen und leicht melancholischen Klang eine größere Rolle als nur die einer Begleitung ein. Sie fungiert als ein Gegenüber für die Singstimme.

Zum Abschluss wandte sich Lauritano einem weiteren Klassiker zu: Gustav Mahlers Zyklus „Rückert-Lieder“. Damit kehrte Sie zur Innerlichkeit des Anfangs zurück.

Feine Nuancierungen und Schattierungen zeichnen Lauritanos Stimme aus, womit sie die dargebotenen Lieder eindringlich präsentierte. Alden Gatt begleitete Sie am leicht schräg stehenden und weit geöffnetem Klavier diskret, sich selber, bis auf wenige Stellen, stark zurücknehmend.

Am Ende intensiver Beifall und eine Zugabe.

Markus Gründig, November 26


Die Zugabe:

Gustav Mahler (1860-1911): „Liebst Du um Schönheit“ (Rückert-Lied Nr. 2 (Klavierausgabe von 1905)