
Seit 2008 Jahren haben im Opernstudio der Oper Frankfurt junge Nachwuchssänger die Gelegenheit, unter professioneller Unterstützung berufsbegleitend ihre künstlerische und praktische Kompetenz weiter auszubauen. Inzwischen ist es gewissermaßen volljährig. Seit Bestehen hat ein Drittel der Stipendiaten den Weg ins Ensemble gefunden (25 von 75).
Über Ihr Engagement an der Oper Frankfurt, sei es auf der großen Bühne oder bei einer der zahlreichen Extra-Veranstaltungen, haben die Stipendiaten auch Gelegenheit, sich außerhalb der Oper Frankfurt zu präsentieren. So war die Mezzosopranistin Ruby Dibble im September in der Titelpartie von Bizets „Carmen“ am Grand Opera House in Belfast (Nordirland) zu erleben. Tenor Finn Sagal wird im März 2027 als Harlekin in Strauss´ „Ariadne auf Naxos“ an der Lyric Opera of Chicago (USA) zu erleben sein (er ist Alumni des dortigen Ryan Opera Centers).
Die jetzt gegebene Soiree stand unter keinem expliziten Motto. Die Auswahl an anspruchsvollen und oftmals recht langen Arien war ein bunter Querschnitt aus populären Opern. Dabei zeigten die drei neuen Stipendiaten beeindruckende Darbietungen, die von denen der fünf „alten Hasen“ noch getoppt wurden.
Der aus Kalifornien stammende Bariton Finn Sagal eröffnete als Opernstudio-Debutant den 90-minütigen Vortragsabend im Holzfoyer mit der herausragenden Opera-buffa-Arie des Guglielmo „Rivolgete a lui lo sguardo“ aus Mozarts „Cosi fan tutte“. Hier stellte Sagal sowohl seine stimmliche Flexibilität wie auch sein darstellerisches Talent in gelöster Stimmung vor. Seriös, ruhig und getragen bot er später das Lied „Silent noon“ von Ralph Vaughan Williams vor.
Sopranistin Daniela Zib hat sich innerhalb eines Jahres wahrnehmbar positiv weiterentwickelt. Egal ob mit der ernsten Arie der innerlich zerrissenen Ilia „Padre, germani, addio“ aus Mozarts Idomeneo oder der melancholischen Arie der Desdemona „Assia a piè d´un salice“ aus Rossinis Otello, sie überzeugte mit ihrer kraftvollen und aufblühenden Sopranstimme.
Neu im Frankfurter Opernstudio ist auch der südkoreanische Tenor Seonghyeon Kim. Vokale Stärke bewies er mit fließenden Phrasen und virtuosen Koloraturen bei der Arie des Don Ottavio „Il mio tesoro intanto” aus Mozarts “Don Giovanni”. Gelöst zeigte er sich mit einem Lied von Tosti (s. u.).
Selbstbewusst präsentierte die Sopranistin Alina Avagyam einen der absoluten Opernhits: die ergreifende Arie der Almirena „Lascia ch´io pianga“ aus Händels „Rinaldo“. Dagegen wirkte die ein hohes Maß an stimmlicher Agilität verlangende Arie der Juliette „Je veux vivre“ aus Gounods „Roméo et Juliette“ dann fast schon heiter (wozu allerdings auch der 3/4-Takt beiträgt).
Konträr zu Finnn Sagal präsentierte sich der aus China stammende Bassbariton Gan Lin bei seinem Opernsoiree-Debüt sehr gefestigt und in sich ruhend. Die virtuose Arie des Philosophen und Prinzenlehrers Alidoro „Là dek ciel nell´arcano profondo” aus Rossini “La Cenerentola” trug er mit einer sonoren Grundtiefe vor. Mit Anmut und Erhabenheit gab er zudem die Arie des sizilianischnr Arzt und Anführer Procida „O tu, Palermo“ aus Verdis „I vespi siciliani”.
Sopranistin Younji Yi bestach mit technischer Virtuosität beim Koloraturlied „Les filles de Cadize» von Delibes und mit der anspruchsvollen Arie der Gilda „Caro nome“ aus Verdis „Rigoletto“.
Mezzosopranistin Ruby Dibble wirkte bei diesem Oktett erneut als die erfahrenste, lässig und doch hochprofessionell. Carmens fatalistische Arie „En vain pour éviter les réponses amères“ aus Bizets gleichnamiger Oper schüttelte sie förmlich aus dem Handgelenk (sie sang wie erwähnt ja erst jüngst die ganze Partie). Einer Herausforderung stellte sie sich mit der düstere Endzeitstimmung beschwörenden Arie der Waltraute „Höre mit Sinn, was ich dir sage!“ aus Wagners Götterdämmerung. Hier zeigte sie ihr Potential für große dramatische Partien. Bei der Wiederaufnahme von Wagners „Die Walküre“ ab 26. März 27 wird sie die Siegrune geben.
Südländische Leidenschaft mit Tendenz zum Mitschunkeln zeichnet die volksliedhaften Lieder von Francesco Paolo Tosti aus. Dass es dafür keine waschechten Italiener bedarf, bewiesen die südkoreanischen Tenöre Jihun Hong und Seonghyeon Kim mit leidenschaftlichem Engagement bei drei Liedern.
Zum Abschluss wurde erstmals in der 18-jährigen Geschichte des Opernstudios das Quartett aus dem 3. Akt aus Verdis „Rigoletto“ gegeben („Bella figlia dell´amore“). Mit viel Leidenschaft präsentierten dies die Paare Seonghyeon Kim (Herzog von Mantua) und Ruby Dibble (Maddalena) sowie Alina Avagyam (Gilda) und Gan Lin (Rigoletto).
Am Klavier begleiteten diesen Abend sorgfältig Felice Venanzoni und Takeshi Moriuchi.
Am Ende gab es intensiven Beifall und als gemeinschaftliche Zugabe das populäre Trinklied „Libiamo ne’ lieti calici“ aus Verdis „La traviata“.
Markus Gründig, Oktober 26
