
Vor knapp 100 Jahren erschien Hans Falladas Roman „Kleiner Mann – was nun?“. Darin schildert er anhand der Figur Johannes Pinneberg die Zeit der schweren Wirtschaftskrise in Deutschland um 1930. Bei einer ohnehin schwächelnden Konjunktur verstärkte der US-Börsencrash vom Oktober 1929 („Black Friday“) die wirtschaftliche Situation hierzulande. Steuererhöhungen, Lohnkürzungen und eine äußerst hohe Arbeitslosenquote bereiteten dann den Boden für den Nationalsozialismus.
Jetzt, knapp einhundert Jahre später, hat Deutschland zwar keine ähnliche Situation, doch bedrohliche Parallelen. Der Hang zu extremen Parteien nimmt rasant zu, insbesondere bei der jungen Generation herrscht eine erhebliche Verängstigung (teures Wohnen, Kriegskonflikte, Klimakollaps). Demzufolge passt Hans Falladas Roman auch heute noch, auch wenn viele der darin beschriebenen moralischen Vorstellungen heute überholt sind. Für das Schauspiel Frankfurt hat Luise Voigt jetzt eine eigene Fassung erstellt und diese auch inszeniert. Mit Björn SC Deigners „So langsam, so leise“ stellte sie sich September 25 in den Kammerspielen dem Frankfurter Publikum vor.
Revue im diametralen Gegensatz zur wirtschaftlichen Not
„Kleiner Mann – was nun?“ trägt den Untertitel „Eine Revue nach dem Roman von Hans Fallada …“. Revuen waren in den 1920er Jahren sehr beliebt. Die oftmals aufwendigen Bühnenshows verbanden Musik, Tanz, Gesang, Erotik und Glamour. Sie spiegelten mit Vergnügungslust, Emanzipation, luxuriöser Mode und Glamour eine Welt wider, die dem jungen Paar Pinneberg und Lämmchen gänzlich verwehrt war und somit im diametralen Gegensatz zu deren Lebenssituation steht. Damit wird die retrodystopische Welt in ihrer Widersprüchlichkeit jedoch nur allzu deutlich.

Schauspiel Frankfurt
Else (Christina Geiße), Ältere Dame (Michael Schütz), Heilbutt (Stefan Graf), Mia Pinneberg (Katharina Linder), Ein Herr (Tanja Merlin Graf), Johannes Pinneberg (Arash Nayebbandi) und Tänzer:innen (hintere Reihe)
Foto: Jessica Schäfer
Wobei es in Luise Voigts gestraffter Umsetzung nur eine typische Revuenummer mit Glitzer gibt (Paul Linckes Operetten-Lied „Berliner Luft“; Kostüme: Maria Strauch). Ansonsten fühlt man sich eher an ein Musical erinnert, denn ständig sind Songs in die Handlung eingeschoben (Songs und Musik: Björn SC Deigner). Sie steigern den ohnehin hohen Unterhaltungswert zusätzlich. Besonders intensiv: Lämmchens Klage „Was ist der Mensch ohne Arbeit“ vor der Pause (die es nach 100 Spielminuten gibt).

Schauspiel Frankfurt
Ensemble
Foto: Jessica Schäfer
Ein energetisches achtköpfiges Tanzensemble (Asmaa Alasso, Emelie Aschmann, Valentina Ávila Hurtado, Angelo Berber, Ana Prevoznik, Daiaana Sergucheva, Leonie Wessling) setzt die emotionale Gefühlslage von Pinneberg und Lämmchen visuell um (Choreografie: Minako Seki). Ein weiteres besonderes Stilmittel der Inszenierung ist die Einrahmung durch einen Conférencier mit zynischen Kommentaren (eloquent und trocken: Matthias Redlhammer; auch Schauspieler Schlüter).
Von Wolke sieben kommend
Zu Beginn schweben Pinneberg und sein Lämmchen von ihrem Liebesglück auf Wolke sieben in eine Hochhaussiedlung herab (in die ländliche Stadt Ducherow der Gegenwart). Natascha von Steigers Bühne zeigt kulissenhaft zwölf Hochhäuser. Die gesamte Aufführung ist in ein nächtliches Schwarz gehüllt. Dabei leuchten einzelne Wohnungen je nach Stimmung bunt oder in weißer Farbe, mitunter ziehen per Videoprojektionen Vögelschwärme vorüber und die Häuser verändern ihre Fassade. Als Kulissen gibt es lediglich ein Bett und einen antiquiert anmutenden Frisiertisch. Für die Szenen in der Wohnung von Lämmchens proletarischen Eltern, auf dem Amt oder auf der Arbeit wurden grotesk anmutende Kurzfilme vorbereitet, die auf herabgelassenen Tafeln gezeigt werden. Darin wirken die Figuren Mutter, Vater, Amtsfrau oder Arbeitgeber mit ihren Köpfen auf verkleinert dargestellten Körpern drollig und stark überzeichnet (Video: Stefan Bischoff).
Ensemble verfremdet und in vielen Rollen
Der zunehmend erfolglose Verkäufer Johannes Pinneberg des Arash Nayebbandi handelt oftmals impulsiv und unüberlegt. Als „kleiner Mann“ hat er das Herz aber auf dem rechten Fleck. Nina Wolf gibt Emma Mörschel, genannt Lämmchen, als selbstbewusste junge Frau. Als überlegene, egozentrische hedonistische Mutter Mia Pinneberg fährt Katharina Linder groß auf. Die vielen weiteren Figuren werden in Mehrfachbesetzung von fünf Ensemblemitgliedern:innen gegeben (Christina Geiße, Stefan Graf, Tanja Merlin Graf und Anna Kubin). Sie zeigen sich oftmals genderfluid und ausdrucksstark, gleichwohl können sie wegen der Beschränkung auf kleine Auftritte ihr volles Potential nur andeuten. Nicht zu übersehen ist Michael Schütz, der schnell zum Publikumsliebling wird, sei es als Mutter und Vater Mörschel, als ältere Dame oder als zwielichtiger und Pinneberg unterstützender Jachmann.

Schauspiel Frankfurt
Mia Pinneberg (Katharina Linder)
Foto: Jessica Schäfer
Mit imposanter Bühnenoptik, bitterbösen Komik und virtuosen Tanzszenen wird man blendend unterhalten. Bleibt auch die Lebenssituation für Pinneberg und Lämmchen bis zum Schluss prekär, geben sie nie auf. Immerhin haben sie sich und ihre Liebe zueinander. Der Song „Komm, schlaf bei mir“ beendet harmonisch den Abend.
Markus Gründig, November 26
Kleiner Mann – was nun?
Eine Revue nach dem Roman von Hans Fallada (1893 – 1947) in einer Bühnenfassung von Luise Voigt
Premiere am Schauspiel Frankfurt: Freitag, 30. Oktober 26 (Schauspielhaus)
Regie: Luise Voigt
Bühne: Natascha von Steiger
Kostüme: Maria Strauch
Choreografie: Minako Seki
Musik: Björn SC Deigner
Video: Stefan Bischoff
Dramaturgie: Lukas Schmelmer
Licht: Jan Walther
Besetzung:
Lämmchen: Nina Wolf
Pinneberg: Arash Nayebbandi
Conférencier /Schlüter: Matthias Redlhammer
Mia Pinneberg: Katharina Linder
Jachmann, Herr und Frau Mörschel, ältere Dame, Passanten: Michael Schütz
Heilbutt, Mariechen, Else, Passanten: Stefan Graf
Scharrenhöfer, Schulz, Herr Friedrichs, Jänecke, freundliche Frau, KK-Angestellter, Passanten, Schwägerin: Anna Kubin
Kleinholz, Lehmann, älterer Verkäufer, Keßler, Emil, Krankenschwester, Schupo: Christina Geiße
Lauterbach, Puttbreese, Seifenfrau, Passanten, ein Herr: Tanja Merlin Graf
Tänzer:innen: Asmaa Alasso, Emelie Aschmann, Valentina Ávila Hurtado, Angelo Berber, Ana Prevoznik, Daiaana Sergucheva, Leonie Wessling
Die Produktion wird unterstützt von der Speyer´schen Hochschulstiftung.
