Neu arrangierte »Geschlossene Gesellschaft« am Schauspiel Frankfurt

Geschlossene Gesellschaft ~ Schauspiel Frankfurt ~ Kellner (Heidi Ecks), Estelle (Anna Kubin), Inès (Patrycia Ziolkowska) Garcin (Matthias Redlhammer) ~ Foto: Thomas Aurin

Die in den hohen Vorverkaufszahlen ausgedrückten Erwartungen des Publikums an die Neuinszenierung von Sartres Existenzialismusklassiker Geschlossene Gesellschaft am Schauspiel Frankfurt sind enorm. Wie auch der Bekanntheitsgrad des Stücks generell, der nicht von einem hohen Ranking in der Aufführungsstatistik herrühren kann, denn dafür wird das Stück inzwischen viel zu selten gespielt.

Für die aktuelle Neuinszenierung ist die Opern- und Theaterregisseurin Johanna Wehner an das Schauspiel Frankfurt zurückgekommen. Sie begann im Herbst 2013 an der Seite von Alexander Eisenach und Ersan Mondtag als Mitglied des damals neu gegründeten REGIE-Studios (und stellte sich mit Die Geierwally vor). Für ihre Inszenierung Die Orestie am Staatstheater Kassel bekam Wehner 2017 den Theaterpreis DER FAUST für die beste Schauspiel-Regie verliehen.


Geschlossene Gesellschaft
Schauspiel Frankfurt
Kellner (Heidi Ecks), Garcin (Matthias Redlhammer), Estelle (Anna Kubin)
Foto: Thomas Aurin

Eigene Fassung, aber Originaltext

Geschlossene Gesellschaft ist Wehners erste Inszenierung im Schauspielhaus des Schauspiel Frankfurt. Hierfür hat sie sich sehr gründlich mit Sartres Text auseinandergesetzt. Die fünf Kapitel hat sie auseinandergenommen („zerhackt“, wie sie im Pressegespräch verlautbarte), neu arrangiert und so in eine eigene Fassung gebracht. Als Stilmittel verwendet sie eine besondere Art von affektiertem Humor (ähnlich wie Roger Vontobel 2018 in Klotz am Bein) und exzessiv Wiederholungen einzelner Worte und Sätze, sodass das an sich relativ kurze Stück, dann doch pausenlose 1 ¾ Stunden geht.

Transitbereich als Bühne

Eine große Guckkastenbühne dient als Spielfläche für das kammerspielartige Stück. Statt eines Salons im Second-Empire-Stil gibt es einen imposanten, sich zum Publikum weit öffnenden, abstrakten „Höllen“-Raum mit fünf schmalen Ebenen, umsäumt von großen Metallbögen. Es ist ein Transitbereich, eine Schleuse für die Protagonisten. Eine Klingel, eine Bronzefigur auf einem Kamin und Sofas sucht man hier vergeblich. Wie auch Türen. Es ist ein offener Käfig ohne eindeutiges oben/unten und hell/dunkel (Bühne: Volker Hintermeier; Licht: Ellen Jaeger). Fluchtmöglichkeiten sind nach allen Seiten gegeben, aber Sartres traurige Figuren sind viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um klar zu sehen. Der hitzige Disput wird öfters von kurzen stimmungsvolle Klangpassagen unterbrochen (Musik: Felix Johannes Lange).


Geschlossene Gesellschaft
Schauspiel Frankfurt
Garcin (Matthias Redlhammer), Kellner (Heidi Ecks), Estelle (Anna Kubin), Inès (Patrycia Ziolkowska
Foto: Thomas Aurin

Selbsterkenntnis am Ende

In Johanna Wehners Inszenierung kommen die drei Toten nicht nacheinander, sondern gemeinsam mit dem Kellner an. Es sind illustre Persönlichkeiten als Sinnbilder für heutige Menschen, die in ihren Gewohnheiten und Gebräuchen stark gefangen sind. Ihr Selbstbild ist durch die Urteile der anderen über sie geprägt. Sie sind unfähig, diesen Zustand zu verändern oder gar zu durchbrechen (also sind sie in Sartres Augen tot). Dieses Festhalten exerzieren sie hier als Getriebene mit rauschhaften Zügen und überzogenem Humor. Patrycia Ziolkowska als lesbisches Fräulein Inès Serrano im schwarzen Anzug, Anna Kubin als Luxusweib und Kindsmörderin Estelle Rigault in einem Ballkleid mit großen Federboakopfschmuck und Matthias Redlhammer mit violettem Hemd und einem Jackett mit farbigen Blumen als Deserteur Joseph Garcin (Kostüme: Ellen Hofmann). Die gehetzte, endzeitliche Dekadenzgesellschaft ist hier ein Quartett, bereichert um den Kellner der Heidi Ecks, die mit trockenem Humor und wenigen Gesten viele Akzente setzt (üblicherweise ist diese Rolle wesentlich kleiner).
Die Dauerschleife in der sich diese Zwangsgemeinschaft befindet (“So ist das”, “Das Wichtigste ist, dass man die gute Laune nicht verliert” oder „Was für eine Hitze“), drückt ihr Unvermögen aus, über sich selbst zu reflektieren. Erst als zum Ende das Tempo angenehm ruhiger wird, kommen einem die Figuren näher. Und Sartres häufig missverstandenen Satz wird von Ines korrigiert (wenn sie scheinbar ihren Spiegel gefunden hat): „Die Hölle, das sind nicht die anderen”.

Starker Applaus.

Markus Gründig, Dezember 19


Geschlossene Gesellschaft

(Huis clos)

Von: Jean-Paul Sartre
Deutsch von: Traugott König

Premiere am Schauspiel Frankfurt: 30. November 19 (Schauspielhaus)

Regie: Johanna Wehner
Bühne: Volker Hintermeier
Kostüme: Ellen Hofmann
Musik: Felix Johannes Lange
Dramaturgie: Ursula Thinnes

Besetzung:

Inès: Patrycia Ziolkowska
Estelle: Anna Kubin
Garcin: Matthias Redlhammer
Kellner: Heidi Ecks

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