
Ende Oktober startete das vom Künstler*innenhaus Mousonturm (Fankfurt/M) und dem Hessischen Staatsballett veranstaltete 11. Tanzfestival RheinMain. Unter dem Motto „A Body of Many – Moving Democracy“ lädt es noch bis zum 15. November 26 zu vielseitigen Tanzvorstellungen in Frankfurt, Darmstadt, Offenbach und Wiesbaden ein. Ein Höhepunkt des Festivals waren jetzt zwei Aufführungen von „Nachtträume“ des spanischen Choreografen, Theaterregisseurs und Designers Marcos Morau (* 1982) am Staatstheater Wiesbaden. Er hatte das Stück 2022 für das Zürich Ballett kreiert. Das Hessische Staatsballett hat diese Produktion übernommen und eröffnete damit im September die Spielzeit 2026/2027 (am Staatstheater Darmstadt). „Nachtträume“ wurde mit den eigenen Tänzer:innen neu einstudiert (Choreographische Assisistenz / Restaging: Marina Rodríguez, Fabio Calvisi, Shay Partush). Marcos Morau und das Hessische Staatsballett arbeiten bereits seit einigen Jahren zusammen.
Macht und Verführbarkeit
Marcos Morau ist Gründer der Compagnie La Veronal aus Barcelona. Seine Arbeiten sind stets ein Gesamtkunstwerk aus Tanz, Bühne, Licht, Kostüm, Musik und Video. Er wurde in Spanien mit dem „Premio Nacional de Danza“ und von der Fachzeitschrift Tanz als „Choreografen des Jahres“ (2023 und 2025) ausgezeichnet. Das französische Kulturministerium ernannte ihn 2023 zum „Chevalier de l’Ordre des Arts et des Lettres“.

Hessisches Staatsballett
Foto: Sinah Osner
Bei „Nachtträume“ entführt er das Publikum in eine Zwischenwelt, in der Realität und Traumwelt ineinander verschmelzen. Träume sind für den menschlichen Körper unverzichtbar, werden hierbei doch Eindrücke der Vergangenheit abgearbeitet. Am Tag Verdrängtes wird in der Nacht sichtbar. Davon erzählt „Nachtträume“ mit prägnanten Bildern, die stets um die Themen Macht und Verführbarkeit kreisen. Bei Entstehung des Stückes war die Corona-Epidemie gerade vorbei und der Ukraine-Krieg hatte begonnen. Große gesellschaftliche Themen wirken auch heute noch immer nach, bewusst und unbewusst.
Rund um den grünen Tisch
Das Stück führt visuell rund einhundert Jahre zurück, in die Zeit der Weimarer Republik. Die Kostüme im Stil eleganter Abendkleidung in Schwarz und Weiß von Silvia Delagneau zeigen viel Glitzer. Markant in Szene gesetzt sind Strumpfhalter, die alle auf der Bühne tragen (eine Andeutung an die teilweise frivole Zeit der goldenen 1920er Jahre).
Ausgangspunkt für Morau war Kurt Jooss’ Anti-Kriegs-Dramolett „Der grüne Tisch“ aus dem Jahr 1932: Am Vorabend des Ersten Weltkrieges sind anonymen Mächten ausgelieferte Tänzer:innen um einen Tisch versammelt und entscheiden über das Schicksal von Millionen. Bei „Nachtträume“ zeigt die Bühne von Max Glaenzel einen großen Saal, in dem zu Beginn im hinteren Bereich ein überdimensional großer runder Tisch steht. In den Seitenwänden spiegeln sich Videoprojektionen der Rückwand: Sternenhimmel, vorüberziehende Nebelwolken und abstrakte kaleidoskopartige Doppelungen (Video: Tieni Burkhalter).

Hessisches Staatsballett
Foto: Sinah Osner
Über dem Tisch senkt sich später ein überdimensionaler Kronleuchter herab. An den Art-déco-Stil anspielend, kann man sich auch an ein Jahrmarktkarusell erinnert fühlen. Hier steigt zwar niemand ein und nimmt Platz, gleichwohl werden einzelne Leuchtelemente herausgelöst und temporär einer anderen Nutzung zugeführt (Originallichtgestaltung: Martin Gebhardt; Licht: Klaus Krauspenhaar). Als absurdes Element zieht eine Schafherde über die Szenerie.
„Nachtträume“ ist ein großartiges Ensemblestück über fremdgesteuerte und uniforme Untergebene (mitunter kopflos und in einem Überwachungsstaat gefangen). Die szenenartige Collage ohne lineare Erzählung bietet viel Interpretationspotential (über autoritäre Systeme hinaus beispielsweise auch über soziale Hierarchien, ökonomische Abhängigkeiten, Profitgier und Sozialdarwinismus). Es gibt nur kurze solistische Momente, nur wenige Szenen für Duos. Entscheidend ist hier die Präzision und Synchronität der Gruppe, die sich ständig neu findet und auflöst. Dabei werden viele verschiedene Stile gezeigt. Großartig arrangierte und akkurat gegebene Bewegungsabläufe stehen dabei im Vordergrund.

Hessisches Staatsballett
Foto: Sinah Osner
Die zugespielte Musik aus Klassik, elektronischen Sounds und Live-Elementen ist ein Klangteppich von enormer Bandbreite. Die unterschiedlichen Werke gehen dabei nahtlos ineinander über (Musik: Clara Aguilar).
Drei Monologe und Bühnenmusik
Als weiteres tragendes Element kommt bei „Nachtträume“ die Sprache hinzu. Die zusätzliche Figur der Königin spricht während des gut 90-minütigen Programms drei Monologe, darunter ein Auszug aus Pedro Calderón de la Barca’ s Versdrama „Das Leben ein Traum“. Diesen Part gestaltet der Schauspieler Christian Klischat (alternierend: Jorge Moro Argote).

Hessisches Staatsballett
Königin (Schauspieler Christian Klischat)
Foto: Sinah Osner
Das Stück wurde damit um eine theatralische Handlung erweitert. Als gestandener Mann des Theaters fährt Klischat dabei darstellerisch groß auf, fordert zu Beginn und am Ende lautstark „Liebe mich“, fügt sich aber auch nahtlos in die tanzende Masse ein. Zusätzlich gibt es Bühnenmusiker:innen, die in das Geschehen eingebunden sind (Trompete: Monika Harder, Klavier: Waldemar Martynel).
Live-Audiodeskription
Bei der besuchten Folgevorstellung wurde für blinde und sehbehinderte Menschen eine Live-Audiodeskription angeboten (mit zusätzlicher vorheriger Tastführung zum Stück im Ballettsaal). Der Rezensent hatte die Gelegenheit eingeräumt bekommen, daran teilzunehmen. Über Kopfhörer wird ein vorbereiteter Text, der das Bühnengeschehen in knappen Worten umschreibt, live verlesen (mit zusätzlichen Service-Hinweisen). Das insbesondere bei „Nachtträume“ hochkomplexe Bühnengeschehen mit 29 Tänzer:innen kann dabei natürlich nur teilweise umschrieben werden, steigert jedoch die visuelle Vorstellungskraft. Eine weitere Vorstellung mit Audiodeskription im kommenden Jahr wird angestrebt.
„Wie lange noch?“
Außergewöhnlich ist das Ende, wenn die auf den abgedeckten Orchestergraben getretenen Tänzer:innen aus ihrer eigentlichen Rolle ausbrechen, eine Art von Widerstand gegen das System zeigen und singend ein Stück Menschwerdung offenbaren (mit Kurt Weills antifaschistischen Song „Wie lange noch?“). Während sich der Orchestergraben wieder senkt, bricht ein Sänger aus und eilt zur despotischen Königin zurück: Nicht alle sind bereit, sich zu ändern.
Bei der sehr gut besuchten Folgevorstellung gab es am Ende lang anhaltende und intensive Beifallsbekundungen (mit stehenden Ovationen).
Markus Gründig, November 26
Für alle ab 12 Jahren ist im Rahmen des Tanzfestival Rhein-Main noch eine weitere Arbeit von Marcos Morau (La Veronal) zu erleben: Firmamento. Am 11. (mit „Meet the Artists“ im Anschluss an die Vorstellung) und am 12. November 26 im Kleinen Haus des Staatstheaters Darmstadt.
Nachtträume
Uraufführung: 30. September 2022 (Ballett Zürich im Opernhaus Zürich)
Premiere am Staatstheater Darmstadt mit dem Hessischen Staatsballett: 12. September 26 (Großes Haus)
Premiere am Staatstheater Wiesbaden mit dem Hessischen Staatsballett: 6. November 26 (Großes Haus)
Besuchte Vorstellung: 7. November 26
Choreografie: Marcos Morau
Choreographische Assisistenz / Restaging: Marina Rodríguez / Fabio Calvisi / Shay Partush
Bühnenbild: Max Glaenzel
Kostüme: Silvia Delagneau
Musik: Clara Aguilar (sowie Einbindungen von Franz Schubert, Sergei Rachmaninow / Pierre-Yves Plat, Kaizers Orchestra, Friedrich Hollaender / Grausame Töchter, BFRND, Gustave Rudman, Kurt Weill)
Originallichtgestaltung: Martin Gebhardt
Licht: Klaus Krauspenhaar
Video: Tieni Burkhalter
Dramaturgie: Israel Solá/Michael Küster
Königin: Christian Klischat, Jorge Moro Argote (alternierend)
Trompete: Monika Harder, Andrea Braun, Christine Dobmeier (alternierend)
Klavier: Waldemar Martynel
Tanz: Eden Beckerman / Mathilde Belin / Enzo Boffa / Carley Brooks / Edoardo Brovardi / Daniela Castro Hechavarría / Peng Chen / Gorka Duran Villar / Jackson Haywood / Ramon John / Sayaka Kado / Masayoshi Katori / Bridget Lee / Milica Mučibabić / Marcos Novais / Aurélie Patriarca / Alessio Pirrone / Anthony Michael Pucci / Marie Ramet / Julian Sanchez / Sofie Vervaecke / Luke Watson / Benjamin Wilson / Pere Mauriz González / Naia Nieto Villanueva / Elena Pineda Ortiz / Zoe Jameson/ Shu Ya Wang
staatstheater-wiesbaden.de / staatstheater-darmstadt.de / hessisches-staatsballett.de
