Die Stadt Frankfurt am Main trauert um Prof. Felix Semmelroth. Der frühere Kulturdezernent der Stadt ist am vergangenen Donnerstag, 6. August, gestorben. Er wurde 76 Jahre alt. Über Jahrzehnte hinweg war Semmelroth der Stadt und ihrer Kultur eng verbunden – als Kulturdezernent sowie als leidenschaftlicher Kenner und Liebhaber von Literatur und Kunst. Die Stadt Frankfurt spricht seiner Familie, seinen Freunden und all denjenigen, die ihm nah standen, ihre Anteilnahme aus.
„Als Felix Semmelroth vor fast 40 Jahren nach Frankfurt kam, lockte ihn die ‚Kultur für alle‘, das politische Leitbild des legendären Frankfurter Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann. Er fühlte sich diesem Motto zeitlebens verpflichtet. Alle sollen sich an der Kultur partizipieren können, auch jene aus bildungsfernen Schichten. Dafür bin ich ihm bis heute dankbar“, sagt Oberbürgermeister Mike Josef. „Was ich besonders an ihm bewunderte, war, wie er noch die härteste Kritik in ausnehmend gute Umgangsformen kleidete. Wenn es um sein Thema, die Kultur, ging, war er unerbittlich. Gerade als die finanziellen Zeiten schwieriger wurden, stand er wie eine Eins. Einschneidende Einsparungen in der Kultur ließ er in seiner Amtszeit nicht zu. Darüber können wir froh sein.“
Josef ergänzt: „Felix Semmelroth hat die Frankfurter Kulturlandschaft nachhaltig geprägt. Er hat das Museumsufer gestärkt und mit wichtigen Neubau- und Erweiterungsprojekten weiterentwickelt. Zugleich aber immer auch den Blick über einzelne Häuser hinaus auf die kulturelle Entwicklung unserer Stadt gerichtet. Mit seiner Überzeugungskraft hat er Projekte wie das Romantikmuseum und den Cantate-Saal als Spielort für die Frankfurter Volksbühne vorangebracht und Menschen nach Frankfurt geholt, die unsere Kultur weit über die Stadtgrenzen hinaus sichtbar gemacht haben. Besonders wichtig war ihm dabei, dass Frankfurt kulturell nicht nur baut, sondern auch Programm und Persönlichkeit entwickelt: mit Künstlerinnen und Künstlern, Intendanten und Museumsdirektoren, die unsere Stadt geprägt haben. Dass das Schauspiel Frankfurt heute national eine so starke Ausstrahlung besitzt und die Oper Frankfurt sich zu einem führenden Haus in Europa entwickelt hat, ist auch mit seiner Arbeit verbunden. Felix Semmelroth hat Frankfurt kulturell selbstbewusster gemacht – eine großartige Leistung, wie ich finde.“
„Es ist sehr traurig, dass wir uns nun von dem großen Frankfurter Kulturpolitiker Felix Semmelroth verabschieden müssen“, sagt Stadtverordnetenvorsteherin Claudia Korenke. Felix Semmelroth habe die Frankfurter Bühnen durch schwierige Zeiten gebracht, unter anderem die Erweiterung des Jüdischen Museums sei in seine Amtszeit gefallen, hart gekämpft habe er um die städtische Unterstützung des Romantik-Museums. „Semmelroth war ein kultivierter Mann mit Umgangsformen, die er auch in der schärfsten Auseinandersetzung wahrte“, er werde Frankfurt fehlen. „Wir sind dankbar für das, was er für unsere Stadt geleistet hat und trauern mit seiner Familie.“
Felix Semmelroth wurde am 30. August 1949 in Kassel geboren. Dort wuchs er auch auf. Sein Weg in die Frankfurter Kulturpolitik begann 1989. Der damalige Kulturdezernent Hilmar Hoffmann holte den promovierten Literaturwissenschaftler als Referenten für Literatur und Grundsatzangelegenheiten in das Kulturdezernat. Zuvor hatte Semmelroth Anglistik, Literaturwissenschaft und Politikwissenschaft studiert, bei Radio Bremen gearbeitet und wissenschaftlich an der Technischen Hochschule Darmstadt geforscht. Seit 1998 war er dort Honorarprofessor für englische Literaturwissenschaft.
Die Literatur blieb ihm auch über seine wissenschaftliche Arbeit hinaus eine persönliche Leidenschaft. Semmelroth war ein Intellektueller, der sich für Kunst nicht aus professioneller Pflicht interessierte, sondern aus echter Begeisterung. Eine gute Theateraufführung, eine anregende Ausstellung oder auch ein Konzert konnten ihn ebenso unmittelbar erreichen wie ein gutes Buch.
Diese persönliche Nähe zur Kunst prägte auch sein Verständnis von Kulturpolitik. Für Felix Semmelroth war Kultur kein bloßes Instrument für andere Zwecke. Er war überzeugt von der Bedeutung ästhetischer Bildung, von der Freiheit und Eigenständigkeit der Künste und von der besonderen Rolle kultureller Institutionen für eine Stadt. Kultur sollte Menschen bereichern, ihren Horizont erweitern und einer Stadt Räume für geistige Auseinandersetzung und gemeinsame Erfahrung geben. Gerade die kommunale Kulturpolitik stand für Felix Semmelroth in einem produktiven Spannungsfeld zwischen der Auseinandersetzung mit einer aufgeklärten fortschrittlichen Moderne und der damit verbundenen künstlerischen Aneignung neuer Technologien und dem in den Frankfurter Kulturinstitutionen ebenso erkennbaren Bekenntnis zu Werktreue, Texttreue und dem Respekt vor dem Original und seinen Schöpferinnen und Schöpfern.
1996 wechselte Semmelroth ins Büro der damaligen Oberbürgermeisterin Petra Roth – zunächst als Referent, später als Leiter ihres Büros. 2006 wurde er dann zum Kulturdezernenten der Stadt Frankfurt gewählt und gestaltete zehn Jahre lang die Frankfurter Kulturpolitik maßgeblich mit. In diese Zeit fielen wichtige Weichenstellungen für die Kulturstadt: der Neubau des Historischen Museums, die Erweiterung des Jüdischen Museums, die Entwicklung des Deutschen Romantik-Museums sowie die Erweiterung und Sanierung des Städel Museums und Fertigstellung des Deutschen Filminstituts & Filmmuseums.
„Der Tod meines unmittelbaren Vorgängers als Kulturdezernent, Prof. Dr. Felix Semmelroth, macht mich sehr betroffen“, sagt Ina Hartwig, Dezernentin für Kultur und Wissenschaft. „Von all den Meriten seines jahrzehntelangen Engagements für die Kultur in Frankfurt am Main möchte ich besonders dasjenige für die Buch- und Literaturstadt hervorheben. Als Anglist war er ein leidenschaftlicher Leser, der für die Literatur gebrannt hat. Noch als Büroleiter im Amt der Oberbürgermeisterin Petra Roth hat er sich mit Erfolg für den Verbleib der Buchmesse in Frankfurt eingesetzt. Unter seiner Ägide als Kulturdezernent entstand unter anderem OPEN BOOKS, das städtische Lesefest zur Frankfurter Buchmesse, ein Meilenstein im deutschsprachigen Literaturbetrieb.“
Dabei zeichnete Semmelroth nicht nur sein kultureller und wissenschaftlicher Anspruch aus, sondern auch seine Fähigkeit, diesen Anspruch politisch durchzusetzen. Semmelroth orientierte sich am Machbaren, ohne seine Überzeugungen aufzugeben. Er war beharrlich, argumentationsstark und scheute auch schwierige Auseinandersetzungen nicht. Zugleich blieb er im Umgang mit anderen von einer persönlichen Höflichkeit und Verbindlichkeit geprägt, die selbst seine schärfste Kritik begleiten konnte. Mit der Verleihung des Theodor-W.-Adorno-Preises an die US-Philosophin Judith Butler und seiner Entscheidung, trotz der heftigen öffentlichen Kontroversen an der Ehrung festzuhalten, unterstrich Semmelroth zugleich sein Verständnis von Frankfurt als Ort der freien Debatte und des offenen kulturellen Austauschs.
Wer mit Felix Semmelroth zu tun hatte, erlebte deshalb einen Menschen mit klarer Haltung und eigenem Urteil. Er konnte leidenschaftlich für eine Sache eintreten, war seinen Weggefährten und den von ihm geschätzten Persönlichkeiten der Kultur eng verbunden und bewahrte sich dabei eine große intellektuelle Neugier.
Auch nach seiner Zeit als Frankfurter Kulturdezernent übernahm er öffentliche Verantwortung. Von 2016 bis 2019 war er Antisemitismus-Beauftragter der Hessischen Landesregierung. Sein Engagement für Erinnerungskultur und gegen Antisemitismus führte damit eine Haltung fort, die ihn auch als Kulturpolitiker geprägt hatte: die Überzeugung, dass Bildung, Kultur und eine offene Gesellschaft nicht selbstverständlich sind, sondern immer wieder verteidigt und gestaltet werden müssen.
Die Stadt Frankfurt hat Felix Semmelroth viel zu verdanken. Viele Orte und Institutionen, die heute zum kulturellen Gesicht der Stadt gehören, tragen auch die Spuren seiner Arbeit. Noch stärker aber bleibt er als Mensch in Erinnerung: als leidenschaftlicher Kulturfreund, als kenntnisreicher und streitbarer Gesprächspartner und als jemand, der von der Bedeutung der Künste für das Leben einer Stadt zutiefst überzeugt war.
Die Stadt Frankfurt am Main wird Felix Semmelroth in dankbarer und würdevoller Erinnerung behalten.
Quelle & ©: Stadt Frankfurt/M
