Extravagante Komödie »Il viaggio a Reims« bei den Salzburger Festspielen

Il viaggio a Reims ~ Salzburger Festspiele ~ Ensemble ~ © Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus

„Bon Voyage!“ lautete das Motto der diesjährigen Salzburger Pfingstfestspiele. Reisen ist nicht nur für die meisten freischaffenden Künstler ein ständiges Thema. Reisen gehören für viele zum Leben dazu. Das war auch schon im 18. Jahrhundert, zu Zeiten von Rossini, der Fall. Als Gelegenheitsoper anlässlich der Feierlichkeiten zur Krönung von Karl X. komponierte er „Il viaggio a Reims, ossia L’albergo del giglio d’oro“ (Die Reise nach Reims oder Das Hotel zur Goldenen Lilie). Sie ist sein letztes Werk in italienischer Sprache und stellt den Abschluss seines erfolgreichen Buffo-Repertoires dar. Einen Teil des Materials verwendete er später für seine Oper „Le Compte Ory“.

„Il viaggio a Reims“ passt bestens zum Motto „Bon Voyage!“. Nach der Premiere bei den Salzburger Pfingstfestspielen erfolgte jetzt im Rahmen der Sommerfestspiele eine Wiederaufnahme. Es ist atemberaubend zu sehen, mit welchem Tempo hier von Beginn an von allen Beteiligten, und derer sind es sehr viele, mit schier unendlicher Energie über die Bühne gewirbelt wird.

Ein Feuerwerk an Slapstick

Regisseur Barrie Kosky erweist sich als Meister seines Fachs: Herrlich überzogen lässt er regelrecht ein Feuerwerk an Slapstick abfeuern, bei dem jede Pointe sitzt. Die vielen Beteiligten sind stets zur rechten Zeit am rechten Ort. Allein das verdient bei dem umtriebigen und ausgedehnten Geschehen Respekt. Seine Inspirationsquelle war u. a. der französische Dramatiker Georges Feydeau (1862-1921). Dessen Werke zeichnen eine präzise Dramaturgie, temporeichen Witz und eine Situationskomik sondergleichen aus (zusätzlich lenkten sie Blicke auf gesellschaftliche Konventionen und menschliche Schwächen).

Il viaggio a Reims
Salzburger Festspiele
Tänzer (Julen Pazos), Barone di Trombonok (Misha Kiria), Tänzer (Rouven Pabst), Don Alvaro (Peter Kellner), Marchesa Melibea (Marina Viotti), Conte di Libenskof (Dmitry Korchak), Corinna (Cecilia Bartoli), Don Profondo (Florian Sempey), Madama Cortese (Tara Erraught)
© Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus

Bei „Il viaggio a Reims“ will eine bunt gemischte Gruppe von einem Hotel in der Provinz zu Feierlichkeiten nach Reims reisen. Doch dazu kommt es nicht. Im ganzen Ort gibt es keine Pferde, eine pünktliche Abreise ist unmöglich. So muss länger im Hotel zur Goldenen Lilie verblieben werden als gedacht. Kurz gesagt: Es geht um Menschen im Hotel. Ein Thema, das viele Möglichkeiten bietet: unterschiedliche Menschen treffen für kurze Zeit aufeinander, Geheimnisse kommen ans Licht und Beziehungen entstehen oder zerbrechen. Die Popularität des Themas „Hotel“ zeigt sich auch in zahlreichen anderen Werken aus Film, Literatur und Musical (wie beispielsweise „Grand Hotel“, „Menschen im Hotel“ oder „Im weißen Rössl“).

10 Hauptrollen, darunter „La Bartoli“

Rossini setzte in dieser Oper auf eine große Personenausstattung. Knapp 20 Sänger:innen sind beteiligt, darunter 10 Hauptrollen. Hinzu kommt ein Chor (hier der von Stefano Visconti einstudierte Chœur de l’Opéra de Monte-Carlo) und ein achtköpfiges Tanzensemble (Fanny De Ponti, Marco Arzenton, Matt Emig, Joaquin Fernández, Roland Géczy, Hugo Olagnon, Rouven Pabst, Julen Pazos). Letzteres hetzt zu Beginn als Page durch eine sich rasend schnell drehende Karusselltür und ist fortan an als solches strahlend und mit viel Energie dabei, die Gäste zu unterstützen und bestmöglich zu verwöhnen.

Gesungen wird auf Festspielniveau. Allen voran glänzt „La Bartoli“, die Sopranistin Cecilia Bartoli, in der Partie der römischen Dichterin und Improvisationskünstlerin Corinne (bei der sie sich auch nicht vor Selbstironie scheut). Bartoli zu Ehren wurde die Geschichte leicht geändert. Anstelle der Krönung von Karl X. geht es hier um eine Königin Ceci.
Cecilia Bartoli feierte im Juni ihren 60. Geburtstag. Aus diesem Anlass sind für die Vorstellung am 8. August nicht nur Ehrengäste angekündigt (Plácido Domingo, Rolando Villazón, Pretty Yende, Antonio Pappano und Maxim Vengerov), im Anschluss gibt es ein „Bonne fête“, ein Galadinner und Geburtstagsfest (im DomQuartier – Prunkräume der Residenz).

Il viaggio a Reims
Salzburger Festspiele
Maddalena (Helena Rasker), Contessa di Folleville (Mélissa Petit), Antonio (Rafał Pawnuk), Don Prudenzio (Giovanni Romeo)
© Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus

Jede(r) der beteiligten Sänger:innen sorgt mit Verve für eine lebhafte Darstellung der stereotypen Figuren. Wie die Mezzosopranistin Marina Viotti als junge Witwe Marchesa Melibea, Sopranistin Mélissa Petit als modebegeisterte und exzentrische französische Gräfin Contessa di Folleville, Mezzosopranistin Tara Erraught als Hotelbesitzerin Madama Cortese, Tenor Edgardo Rocha als französischer Offizier und Charmeur Cavalier Belfiore, Tenor Dmitry Korchak als impulsiver russischer Graf Conte di Libenskof, Bass Ildebrando D’Arcangelo als englischer Lord Lord Sidney, Bariton Florian Sempey als Gelehrter und Sammler Don Profondo, Bariton Misha Kiria als deutscher Baron Barone di Trombonok und Bass Peter Kellner als spanischer Grande Don Alvaro.

Am Pult des Barockensembles Les Musiciens du Prince, dem Residenzorchester der Opéra de Monte-Carlo, sorgt der Chefdirigent Gianluca Capuano für einen perlenden Rossiniklang.

Vier Räume im Einakter

Das bunte Treiben im Hotel, zu nächtlichen Zeiten ist es auch leicht frivol, wird optisch von farbintensiven Kostümen untermauert. Die prachtvollen Kleider der Damen spielen auf die Mode des späten 18. Jahrhunderts an (Kostüme: Victoria Behr).

Il viaggio a Reims
Salzburger Festspiele
Corinna (Cecilia Bartoli, mittig), Ensemble
© Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus

Rossinis Einakter wurde für die Inszenierung der Salzburger Festspiele in vier Teile gegliedert. Jeder Teil hat dabei ein eigenes Bühnenbild. Welches stets von einem großen Rahmen umgeben ist. Ihnen gemeinsam ist ein abstrakter schwarz-weißer Hintergrund. Anfangs in der Hotellobby ist es ein dynamisch wirkender Wolkenhimmel, im Bettentrakt zieren große, spiralförmig wirkende Objekte die Wände. Hierbei könnte es sich auch um vergrößerte Fingerabdrücke handeln, als Ausdruck für die Individualität der Charaktere. Bäume deuten nach der Pause einen Gartenbereich an, im Schlussbild spielen große dunkle Vorhänge im Festsaal auf die Ringe aus dem ersten Teil an (Bühne: Rufus Didwiszus).

Weitere Vorstellungen des extravaganten und vergnüglichen Opernerlebnisses gibt es noch am 8., 11., 13. und 16. August 2026.

Markus Gründig, August 26


Il viaggio a Reims

ossia L’albergo del giglio d’oro
(Die Reise nach Reims oder Das Hotel zur goldenen Lilie)
Dramma giocoso in einem Akt

Von: Gioachino Rossini (1792-1868)
Libretto: Luigi Balochi, teilweise basierend auf dem Roman Corinne, ou L’Italie von Madame de Staël
Uraufführung: 19. Juni 1825 (Paris, Théâtre-Italien)

Premiere bei den Salzburger Festspielen: 22. Mai 26 (Haus für Mozart)
Wiederaufnahme: 5. August 26
Besuchte Vorstellung: 3. Augsut 26 (GP)

Musikalische Leitung: Gianluca Capuano
Regie: Barrie Kosky
Bühne: Rufus Didwiszus
Kostüme: Victoria Behr
Licht: Franck Evin
Dramaturgie: Christian Arseni

Besetzung:

Corinna: Cecilia Bartoli
Marchesa Melibea: Marina Viotti
Contessa di Folleville: Mélissa Petit
Madama Cortese: Tara Erraught
Cavalier Belfiore: Edgardo Rocha
Conte di Libenskof: Dmitry Korchak
Lord Sidney: Ildebrando D’Arcangelo
Don Profondo: Florian Sempey
Barone di Trombonok: Misha Kiria
Don Alvaro: Peter Kellner
Don Prudenzio: Giovanni Romeo
Maddalena: Helena Rasker
Briand Zefirino: Rodolphe
Antonio: Rafał Pawnuk
Modestina: Federica Spatola
Delia: Galia Bakalov
Don Luigino: Salvatore Taiello

Tanzensemble: Fanny De Ponti, Marco Arzenton, Matt Emig, Joaquin Fernández, Roland Géczy, Hugo Olagnon, Rouven Pabst, Julen Pazos

Chœur de l’Opéra de Monte-Carlo
Choreinstudierung: Stefano Visconti
Les Musiciens du Prince, Monaco

salzburgerfestspiele.at