Excellente «Carmen» begeistert erneut an der Oper Frankfurt

Carmen ~ Oper Frankfurt 2024 ~ Carmen (Varduhi Abrahamyan) ~ © Barbara Aumüller (szenenfoto.de)

Es ist eine gute Nachricht, dass Bizets Carmen in der Inszenierung von Barrie Kosky nunmehr zum 5. mal an der Oper Frankfurt wiederaufgenommen wurde. Sie wurde inzwischen 48 Mal gegeben. Eine schlechte Nachricht für Interessierte ist, dass fast alle Vorstellungen der Serie ausverkauft sind. Lediglich für die Vorstellung am Ostermontag (1. April 24) gibt es noch wenige Restkarten (Stand vom 3. März).

Aus der Perspektive der Titelfigur

Das besondere an Barrie Koskys Carmen ist u. a., dass er die Oper aus der Perspektive der Bohemien Carmen erzählt. Dabei verzichtete er auf eine örtliche und zeitliche Fixierung. Verortungen wie Zigarrenfabrik, Kaserne, Schenke, Gebirge oder Stierkampfarena in und um Sevilla sucht man im Bühnenbild von Katrin Lea Tag vergeblich (es besteht nur aus einer riesigen Treppenanlage). Viele Informationen zur Handlung werden nicht gespielt, sondern ertönen als (Carmens) Hinweise aus dem Off (mit Zusatztexten). Kosky und Constantinos Carydis erarbeiteten 2016 eine eigene Version der Oper. Zu den populären Hauptnummern gibt es auch unbekannte Nummern (ermöglicht durch die vielen Überarbeitungen der Oper seitens Bizets), die Rezitative und die gesprochenen Dialoge wurden gestrichen.

Carmen
Oper Frankfurt (2024)
Mercédès (Cecilia Hall), Remendado (Andrew Kim), Carmen (Varduhi Abrahamyan), Dancairo (Liviu Holender), Frasquita (Elena Villalón)
© Barbara Aumüller ~ szenenfoto.de

Anders als herkömmliche Inszenierungen, hat diese Inszenierung mit ihrem Revue-Charakter einen starken Bezug zur Urgestalt als Opéra comique. Dazu passen die an den Art-Déco-Modestil angelehnten Kostüme der Bevölkerung (auch Katrin Lea Tag). Optische Highlights sind die Terrortrachten. Sie sind eine der wenigen Bezüge zur spanischen Atmosphäre.

Ein hervorragendes, kleines Tanzensemble begeistert mit seinen einheitlichen agilen Bewegungen, seiner überbordenden Energie und einzelnen solistischen Einlagen (Johanna Berger, Madeline Ferricks-Rosevear, Richard Oberscheven, Rouven Pabst, Evie Poaros, Robin Rohrmann, Juan Camilo Rojas Arévalo). Es vermengt sich immer wieder harmonisch mit dem Ensemble. Die Choreografie von Otto Pichler schließt das Ensemble ein und bietet, gemeinsam mit Licht von Joachim Klein, einprägsame Bilder (beispielsweise wenn die Meute auflauernd von einer auf die andere Seite wechselt). Dazu gefällt das präzise Timing aller Beteiligter.

Hausdebüt für Mezzosopranistin Varduhi Abrahamyan

Ihr Debüt an der Oper Frankfurt gab bei der aktuellen Wiederaufnahmepremiere die gebürtige Armenierin Varduhi Abrahamyan. Sie sorgt vom stimmlichen Ausdruck und mit ihrer Ausstrahlung für viel Empathie. Ihre warmtönende Mezzostimme passt sehr gut zur Figur der Carmen.
Kurzfristig fiel krankheitsbedingt leider das Rollendebüt des Don José von Abraham Bretón aus (es steht nunmehr für die nächste Aufführung am 8. März an). Für diese Partie konnte die Oper Frankfurt spontan den Tenor Leonardo Caimi gewinnen (er war hier bereits in Puccinis Tosca und Verdis Les vêpres siciliennes zu erleben). Den von der Regie als armer Tropf dargestellten Sergeanten gibt er mit dramatischer Kraft und eindrucksvollen Spitzentönen.

Kateryna Kasper beglückt das Publikum als schüchternes Dorfmädchen Micaëla (vor allem mit der Arie „Je dis que rien ne m’épouvante“). Bassbariton Liam James Karai ist derzeit Stipendiat des Internationalen Opernstudios der Staatsoper Hamburger Opernstudios. Er gibt den Torero Escamillo mit stimmlicher und szenischer Autorität (wie auch parallel am Staatstheater Mainz).

Carmen
Oper Frankfurt (2024)
Escamillo (Liam James Karai), links von ihm Mercédès (Cecilia Hall), rechts von ihm Frasquita (Elena Villalón), Ensemble
© Barbara Aumüller (szenenfoto.de)

Kerniges Stimmmaterial bringt Liviu Holender ein, sei es als Sergeant Moralès oder Schmugger Dancaïro. Keine Wünsche offen lassen Elena Villalón als Frasquita und Cecelia Hall als Mercédès, die Karten legenden Freundinnen von Carmen. Souverän verkörpern Tenor Andrew Kim (Schmuggler Remendado) und Erik Van Heyningen (Leutnant Zuniga) ihre Partien. Stark ist der Chor der Oper Frankfurt (unterstützt vom Extrachor; Einstudierung: Tilman Michael) und temperamentvoll der Kinderchor (Álvaro Corral Matute).

Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester spielt, in relativ kleiner Besetzung, groß auf. Dabei sind es unter der musikalischen Leitung von Giuseppe Mentuccia weniger die auftrumpfenden expressiven Stellen, sondern die filigran aufgefächerten und einfühlsam dargebotenen ruhigen Töne, die berühren.

Hinweis: Während dieser Aufführungsserie wechseln die Besetzungen für einzelne Partien (s. u.).

Bereits während der Aufführung gab es viel Zwischenapplaus, am Ende verdientermaßen einen intensiven Schlussapplaus.

Markus Gründig, März 24


Carmen

Opéra comique in drei Akten

Von: Georges Bizet (1838–1875)
Text von: Henri Meilhac und Ludovic Halévy nach Prosper Mérimée
Uraufführung: 3. März 1875 (Paris, Opéra-Comique)

Premiere an der Oper Frankfurt: 5. Juni 2016
5. Wiederaufnahme: 2. März 24

Musikalische Leitung: Giuseppe Mentuccia
Inszenierung: Barrie Kosky
Szenische Leitung der Wiederaufnahme: Alan Barnes
Bühnenbild, Kostüme: Katrin Lea Tag
Choreografie: Otto Pichler
Licht: Joachim Klein
Chor: Tilman Michael
Kinderchor: Álvaro Corral Matute
Dramaturgie: Zsolt Horpácsy

Besetzung:

Carmen: Varduhi Abrahamyan
Don José: Leonardo Caimi (2.3.) / Abraham Bretón°
Micaëla: Kateryna Kasper (2., 8.3., 13.4.) / Nombulelo Yende° (17., 28.3., 1., 5.4.)
Escamillo: Nicholas Brownlee / Kihwan Sim (17.3.) / Liam James Karai (2. & 8. März)
Moralès / Dancaïro: Liviu Holender (März) / Iain MacNeil ( April)
Remendado: Andrew Kim°
Frasquita: Elena Villalón
Mercédès: Cecelia Hall (2., 8., 17.3.)/ Elizabeth Reiter (28.3., 1., 5., 13.4.)
Zuniga: Erik Van Heyningen (2., 8., 17.3.)/ Božidar Smiljanić (28.3., 1., 5., 13.4.)

Tänzer*innen: Johanna Berger / Madeline Ferricks-Rosevear / Richard Oberscheven / Rouven Pabst / Evie Poaros / Robin Rohrmann / Juan Camilo Rojas Arévalo
Tänzerin (Swing): Marion Plantey

Chor und Kinderchor der Oper Frankfurt
Frankfurter Opern- und Museumsorchester


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