Lust auf Kafka: »Zirkus Kafka« am Schauspiel Frankfurt

Zirkus Kafka ~ Schauspiel Frankfurt ~ Max Brod (Torsten Flassig), Hungerkünstlerin (Rokhi Müller), Josefine (Anabel Möbius), Bauchredner (Isaak Dentler) ~ Foto: Felix Grünschloß
kulturfreak Bewertung: 4 von 5

Der in Prag geborene Schriftsteller Franz Kafka zählt mit Werken wie „Die Verwandlung“, „Der Prozess“ und „Das Schloss“ zu den bedeutendsten Vertretern der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts. Dass sein umfangreiches Œuvre weltweit bekannt ist, ist allerdings keine Selbstverständlichkeit. Seinen besten Freund, Max Brod, hatte er schließlich beauftragt, den Großteil seiner bisher unveröffentlichten Manuskripte im Feuer zu vernichten (Kafka verstarb im Alter von 40 Jahren an den Folgen einer Tuberkuloseerkrankung).

Mit einem auf dem Boden neben einem Kamin sitzenden Max Brod (besonnen und empathisch: Thorsten Flassig) beginnt die Uraufführung von Roy Chens „Zirkus Kafka“ in den Kammerspielen des Schauspiel Frankfurt (ursprünglich angekündigt unter dem Arbeitstitel „Kafka on Fire“). Kafkas Tod liegt erst eine Woche zurück und noch muss Alkohol helfen, die Trauer zu überwinden. Wehmütig liest Brod einzelne bekannte Schlüsselverse aus Kafkas Texten, bereit, die Notizen in das lodernde Feuer zu werfen. Doch irgendetwas hindert ihn. Schließlich ist Brod selbst Schriftsteller und kann die Qualität von Kafkas Texten nur zu gut beurteilen. Schon immer hat er ihn ermutigt und angespornt, zu schreiben.

Was macht Kunst wertvoll?

Zum Verbrennen kommt es nicht. Denn inzwischen ist die Sängerin Josefine (erhaben: Anabel Möbius) erschienen, die Brod kritische Fragen stellt. Weitere Figuren treten hinzu: der Bauchredner (bedächtig: Isaak Dentler; nebst an ihm hängender „kleinen Frau“) und die Hungerkünstlerin (selbstbewusst: Rokhi Müller). Die Szenerie öffnet sich zu einem großen Zirkuszelt mit Lichtgirlanden. Auf einem Trapez agiert ein Trapezkünstler (agil: Mitja Over). Das (Haupt-)Spiel beginnt (Bühne: Marlene Lockemann).


Zirkus Kafka
Schauspiel Frankfurt
Max Brod (Torsten Flassig), Joefine (Anabel Möbius)
Foto: Felix Grünschloß

Die konträren Figuren stammen aus Kafkas „Ein Hungerkünstler“. Dabei handelt es sich um vier Kurzgeschichten unterschiedlichen Umfangs („Erstes Leid“, „Eine kleine Frau“, „Ein Hungerkünstler“ und „Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse“). Drei der vier Hauptfiguren sind Künstler. Dabei geht es nicht nur um die Stellung des Künstlers und seine isolierte Stellung, sondern auch um Grübeleien und Unsicherheiten, um die Zerbrechlichkeit einer Identität, die nur auf Leistung aufgebaut ist, und was Kunst überhaupt wertvoll macht.

Anpassung an gesellschaftliche Erwartungen und Normen

Der in Tel Aviv geborene Dramatiker Roy Chen hat daraus ein kompaktes Stück geschaffen. Dabei nehmen die vier Kurzgeschichten nur einen Teil ein. Denn gewissermaßen Kafkas Wunsch entsprechend, verabschieden sich die Figuren. Sie kommen als Theaterleute zu einem inszenierten Nachgespräch unter der Leitung der Dramaturgin (auch Anabel Möbius) zurück, zu dem sich dann auch der Übersetzer (dominant: Andreas Vögler) gesellt. Ein neuer Blick auf das Œuvre Kafkas ist angesagt, losgelöst vom Ballast bisheriger Deutungen und Interpretationen. Der Affe Rotpeter aus Kafkas „Bericht für eine Akademie“ erweitert in seinem Epilog den Blick auf den Künstler, auf die Menschen schlechthin, und reflektiert kurz die Anpassung an gesellschaftliche Erwartungen und Normen.

Zirkus Kafka
Schauspiel Frankfurt
Trapezkünstler (Mitja Over), Bauchredner (Isaak Dentler)
Foto: Felix Grünschloß

Regisseur Dor Aloni hat Roy Chens „Zirkus Kafka“ mit starken Bildern und rasantem Tempo umgesetzt. Er weckt die Lust, sich mit Frank Kafkas zeitlosen Werken zu beschäftigen.

Markus Gründig, Mai 26


Zirkus Kafka

Von: Roy Chen

Premiere/Uraufführung am Schauspiel Frankfurt: 22. Mai 26 (Kammerspiele)

Regie: Dor Aloni
Bühne: Marlene Lockemann
Kostüme: Svenja Gassen
Musik: Thomas Moked Blum
Dramaturgie: Katja Herlemann

Besetzung:

Max Brod: Torsten Flassig
Josefine / Dramaturgin: Anabel Möbius
Trapezkünstler: Mitja Over
Bauchredner: Isaak Dentler
Hungerkünstlerin: Rokhi Müller
Übersetzer: Andreas Vögler

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