Großer Jubel bei der deutschen Erstaufführung des Musicals »Made in Dagenham« von der Mainzer Musical Inc.

Made in Dagenham ~ Musical Inc. ~ Vorabbild ~ © Svenja Drewitz

Im dritten Anlauf hat es nun endlich geklappt: Die Mainzer Hochschulgruppe Musical Inc. konnte mit seiner Musicalproduktion Made in Dagenham Premiere feiern. Ursprünglich für 2020 geplant, verhinderte die Corona-Pandemie Aufführungen in 2020 und 2021. Die jetzige Aufführung im Theater im P1 auf dem Campus der Johannes Gutenberg-Universität Mainz ist zudem etwas ganz Besonderes, denn das Musical ist erstmals in Deutschland zu erleben.

Dagenham ist eine Stadt im Osten Londons. Trotz des eher ländlichen Charakters hat sie dennoch immense Bedeutung. Der US-amerikanische Automobilhersteller Ford Motor Company hat hier seit 1931 eine Fabrik. In den 1950er-Jahren gab es dort rund 40.000 Beschäftigte, aktuell sind es nur noch rund 2.000. Berühmt wurde der Ort im Jahr 1968. Damals traten die Näherinnen für die Sitzbezüge in einen Streik ein („We Want Sex Equality“). Denn Frauen verdienten für vergleichbare Tätigkeiten nur 87 % des Lohns der Männer. Ihr Streik führte zu einem Produktionsstopp und schließlich dazu, dass in Großbritannien 1970 der Equal Pay Act verabschiedet wurde, ein Gesetz, dass die geschlechtsunabhängige Bezahlung regelt.

William Ivory schrieb das Drehbuch zu einem Film (2010) über die streikenden Näherinnen von Dagenham (deutscher Titel: „I want Sex“). Im November 2014 feierte eine Musicalversion über den Streik Premiere im Londoner Westend (Musik: David Arnold, Text: Richard Thomas, Buch: Richard Bean). Nun ist es auch in Deutschland erstmals zu erleben.

Anhand einer jungen Familienmutter erzählt es, wie es zu dem Streik kam und gegen welche Widerstände die Frauen damals ankämpfen mussten . Diese lagen nicht nur bei der nach maximalem Profit strebenden Führungsebene des Automobilherstellers, sondern auch bei den vielen männlichen Kollegen und den Ehemännern zu Hause mit ihren tradierten Rollenbildern. Die Botschaft ist, für die eigenen Rechte aufzustehen und dass es möglich ist, gemeinsam Großes zu erreichen („Nichts ändert sich, wenn man es nicht einfordert“).

Immer wieder fasziniert an der Musical Inc., dass die freiwillige und ehrenamtliche Arbeit von so vielen unterschiedlich Beteiligten in einer vor Energie nahezu zerberstenden Aufführung mündet. Knapp 40 Darsteller:innen sind beteiligt, dazu ein großes Orchester und viele Helfer hinter der Bühne, bei der Technik und im Foyerverkauf.
Gespielt wird vor einem großen Transparent, dass die Themen und die Verortung des Stücks widerspiegelt: Nähmaschine, Garnspindel, Auto, Zahnräder und ein Megafon, dazu aber auch einen Regenschirm, Big Ben, eine Teetasse und einen Doppeldeckerbus. Vor diesen werden für die verschiedenen Szenen Arbeitsplätze, Tische, Bänke und Stühle gestellt, dahinter sitzt das Orchester, dass erst beim Schlussapplaus sichtbar wird. Ob Näherin, Fließbandarbeiter, Cheerleader, Gewerkschaftsfunktionärin oder Politiker. Eine große Vielfalt zeigen die bunten und an die 1960er Jahre anspielenden Kostüme (Ausstattung: Leonie Creuzberger und Vidhya Pfeifer).

Im Mittelpunkt steht die Figur der Rita O’ Grady (mit starker Stimme und schauspielerischem Talent: Miriam Kluth; alternierend: Fabienne Hoffmann). Daneben auch deren Ehemann Eddie O’Grady (einnehmend mit dem besten Song des Stücks „Es tut mir leid, ich liebe dich“: Julius Himmel; alternierend: Laurin Hess). An ihrer Seite sind alle Beteiligten mit spürbarer Begeisterung dabei, selbst in den kleineren Rollen (wie der Comedian „Der mollige Martin“ des Maximilian Binhack (alternierend: Jakob Ghasemian) oder die stets nach Worten ringende Clare der Clara Eckert (alternierend: Sascha Hartmann). Die Staatssekretärin für Arbeit, Barbara Castle, eine der bedeutendsten Labour-Politikerin des 20. Jahrhunderts, gibt mit Anmut Katharina Schäfer (alternierend: Svenja Drewitz). Wolfgang Baumann gefällt als überzogen dargestellter Premierminister Harald Wilson (alternierend: Bob Mielke), Clarissa Günster als besonnene Arbeitnehmervertreterin Connie Riley (alternierend: Leonie Creuzberger). Die harte Linie des Kapitals verköpert mit viel Biß Holger Reuter als Mr. Tooley (alternierend: Levent Sen).

Viel Energie lässt das schwungvolle Dirigat von Nicolai Benner spüren, der seit 2015 künstlerischer Leiter der Musical Inc. ist. Sei es bei der schwungvollen Ouvertüre oder bei den großen Ensemblenummern wie „Made in Dagenham“, Zahltag oder „Alle stehen auf“. Gleiches gilt für die Choreografien von Linda Malm, Jessica Gleisberg, Franziska von Hülst, Miriam Kremer und Lorena Seegler, inklusive ihrer artistischen Einlagen.

Made in Dagenham bietet viele Nummern mit Potential und begeistert in der Inszenierung der Mainzer Musical Inc. Von den vielen Freunden und Verwandten der Musical Inc. gab es zur ersten Premierenvorstellung lang anhaltender und frenetischer Applaus für diesen lebhaften und ausgedehnten (3,5 Stunden inklusive Pause) Ausflug nach Dagenham und das Eintreten für Freundschaft, die Liebe und vor allem den Kampf für Gerechtigkeit, der auch heute noch gefochten sein will.

Markus Gründig, Juni 22


Made in Dagenham

Musik: David Arnold
Text: Richard Thomas
Buch: Richard Bean
Deutsche Übersetzung: Holger Hauer (2020)

Premiere London: 5. November 2014 (Adelphi Theatre)
Deutsche Erstaufführung: 10. Juni 2022 (Mainz, Musical Inc.)

Premiere der Musical Inc. Mainz: 10. Juni 22 (Theater im P1 auf dem Campus der Johannes Gutenberg-Universität)
Vorstellungen bis zum 25. Juni 22

Regie: Laura Saxler, Fabian Kling, Max Teschner und Wolfgang Baumann
Musikalische Leitung: Nicolai Benner
Choreografie: Linda Malm, Jessica Gleisberg, Franziska von Hülst, Miriam Kremer und Lorena Seegler
Ausstattung: Leonie Creuzberger und Vidhya Pfeifer
Ton: Moritz Mahringer, Adrian Strehler und Christian Huber
Licht: Sascha Scherrer und Thomas Rösener
Assistenzen: Yannik Blauert, Lisa Hawelka, Laurin Hess, Johannes Lotz und Carolin Praß
Produktionsleitung: Felix Cambeis, Jan Dahms, Svenja Drewitz, Michelle Hannappel, Laurin Hess, Vidhya Pfeifer und Katharina Schäfer
Vorstand: Jan Dahms, Svenja Drewitz, Laurin Hess und Vidhya Pfeifer

Cast:

Rita O’Grady: Fabienne Hoffmann / Miriam Kluth
Eddie O’Grady: Laurin Hess / Julius Himmel
Connie Riley: Leonie Creuzberger / Clarissa Günster
Sandra Beaumont: Lorena Seegler / Linda Malm
Clare: Sascha Hartmann / Clara Eckert
Barbara Castle: Svenja Drewitz / Katharina Schäfer
Harold Wilson: Bob Mielke / Wolfgang Baumann
Mr. Hopkins: Johannes Knieps / Marian Amiragov
Lisa Hopkins: Julia Weber / Lioba Lefken
Mr. Tooley/Buckton: Levent Sen / Holger Reuter
Cortina Man: Jan Dahms / Luis Halter
Monty/Molliger Martin/Adams: Maximilian Binhack / Jakob Ghasemian
Cass: Lydia Peternely / Michelle Hannappel
Beryl: Lucy Trifonova / Hetty Holm
Rachel/Tealady: Janina Schubkegel / Clara Vogel
Emma/Clubsängerin: Lilly Sommer / Helena King
Reporterin/Cortina Carina: Jane Reimers
Sharon O’Grady: Zoe Dieringer / Sarah Guth
Graham O’Grady/Barry: Max Teschner / Jan Dahms
Bill/Macer: Dominic Matthews / Simon Zere
Sid/Hubble: Konstantin Hahn / Jonas Düwel
Stan/Astro: Felix Cambeis / Luis Halter

Band:

Reed 1: Gabriel Ecker / Teresa Nickolaus
Reed 2: Jaqueline Stürmer / Lea Rauber
Reed 3: Magdalena Damrath / Patricia Reuter
Trompete 1: Natalie Didinger / Vitus Jung
Trompete 2: Philip Grasser / Tobias Fix
Posaune: Johanna Eberling / Konrad Maucher
Gitarre 1: Ingo Hunz / Malte Napp
Gitarre 2: Nico Moser
Keyboard 1: Dominik Volk / Jonathan Peters
Keyboard 2: Laura Brixius / Luis Richter
Keyboard 3: Gerd Kremer / Simon Wilhelm
Percussion: Hartmut Opfermann / Simon Rech
Bass: Annika Göttert / Dominik Bierbüsse
Drums: Johannes Funk / Tim Ester

musicalinc.de