Emotionale Achterbahnfahrt: Liederabend von Bassbariton Nicholas Brownlee an der Oper Frankfurt

Liederabend Nicholas Brownlee (Bassbariton) und Aurelia Andrews (Klavier) ~ Oper Frankfurt, 19. März 24 ~ Aurelia Andrews, Nicholas Brownlee ~ © Barbara Aumüller (szenenfoto.de)
kulturfreak Bewertung: 4 von 5

Seit der Spielzeit 2020/2021 zählt der amerikanische Bassbariton Nicholas Brownlee zum Ensemble der Oper Frankfurt. Hier war er zuletzt als König Amonasro in Verdis Aida zu erleben, in der vergangenen Spielzeit u. a. als Hans Sachs in Wagners Die Meistersinger von Nürnberg und als selbstbewusster Don Giovanni (in Mozarts gleichnamiger Oper). Nun stellte er sich im Opernhaus dem Frankfurter Publikum als Liedsänger vor. Am Klavier begleitete ihn die amerikanische Pianistin Aurelia Andrews.

Quer durch Zeiten, Stile und Stimmungen

Brownlees Programm für diesen Abend führte einmal quer durch Zeiten, Stile und Stimmungen. Von italienischen Barock-Liedern ging es über Klassiker der Liedkunst hin zu einer Auswahl von populären Musicalsongs. Es war eine Hommage an sein großes Vorbild, den amerikanischen Bassbariton George London (1920 – 1985). Dieser tourte in den 1950er und 1960er Jahren mit diesem Programm durch die USA und Europa. Ihm war dieser Liederabend gewidmet. Auch von der Sprache gab es eine große Vielfalt, Brownlee sang auf Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Russisch.

Mit seiner charismatischen und energiegeladenen Ausstrahlung nahm er das Publikum sofort für sich ein. Bei einer kurzen Ansprache drückte er seinen Dank und seine Freude aus, an der Oper Frankfurt arbeiten zu dürfen. Einem Ort, der für ihn wie eine große Familie sei. Das Publikum solle sich ob des nicht alltäglichen Programms einfach zurücklehnen und genießen. Nun, bei der Kraft seiner Stimme war es eher so, als würde diese einen regelrecht in den Sitz drücken. Hätte man an diesem Abend im Saal die Dezibel gemessen, wäre sicher ein neuer Rekord herausgekommen.

Liederabend Nicholas Brownlee (Bassbariton) und Aurelia Andrews (Klavier)
Oper Frankfurt, 19. März 24
Aurelia Andrews, Nicholas Brownlee
© Barbara Aumüller ~ szenenfoto.de

Nach schwerer Kost zurück ins Leben

Zwei Raritäten präsentierte Brownlee zum Beginn: Die sehnsuchtsvolle Arie „O nuit, déesse du mystère“ von Niccolò Piccinni (1728 – 1800) und die rasante Arie „Vezzosette e care“ von Andrea Falconieri (1585–1656). Mit großer Emphase und schöner Textverständlichkeit gestaltete Brownlee vier Lieder von Franz Schubert. Besonders herausragend hier, das als kleines Drama dargebotene Lied „Der Zwerg“. Seine schier unbändige Stimme kann Brownlee durchaus zart dosieren. So gestaltete er „An die Musik“ sehr schön zurückgenommen. Einen leicht impressionistischen Charakter haben die Chansons des Don Quichotte von Jaques Ibert (zuletzt 2018 von Gordon Bittner im Holzfoyer vorgetragen). Hier zeigte der Bassbariton auch eine betörende Höhe („Chanson à Dulcinée“), die bis zur Kopfstimme führte (wie dem Schluss von „Chanson de la mort de Don Quichotte“).

Mit dem komplexen Zyklus Lieder und Tänzen des Todes von Modest P. Mussorgskis begann der zweite Programmteil. Diesen gaben hier zuletzt seine Sängerkollegen Anthony Robin Schneider (2020), Quinn Kelsey (2015), Franz-Josef Selig (20 14) und Gerald Finley (2007). Brownlee gestaltete ihn besonders abgründig und dunkel. Außergewöhnlich intensiv und ergreifend das den Zyklus beendende Lied „Der Feldherr“.

Nach so schwerer Kost über den Tod, ging es nach einer kurzen Pause zurück ins Leben, zu Klassikern aus der Welt der amerikanischen Musicals. Songs, die nicht nur in den USA überaus bekannt sind. Darunter „This Nearly Was Mine“ und „Some Enchanted Eveneing“ aus South Pacific und als finaler Song „Impossible Dream“ aus Man of la Mancha.

Im Kontrast zu Brownlees gewaltiger Stimme, nahm sich Aurelia Andrews am Klavier sehr stark zurück (konträr zu Klara Hornig, kürzlich im Holzfoyer). Mitunter wirkte ihr Spiel sehr zurückhaltend (fast wie Hintergrundmusik in einer Bar). Angesichts Brownlees Stimmvolumen aber eine richtige Entscheidung. Stimmlich schien Brownlee an diesem Abend mitunter etwas indisponiert. Dennoch war es ein überwältigender Abend, der in Erinnerung bleiben wird.

Markus Gründig, März 24


Die Zugabe:

Richard Strauss (1864-1949): „Zueignung“, Op. 10, No. 1 (1885)