Richard Strauss´ »Salome« am Staatstheater Wiesbaden

Salome ~ Staatstheater Wiesbaden ~ Salome (Sera Gösch) (Foto: Karl und Monika Forster)

Richards Strauss´ progressiver Einakter Salome, 1905 in Dresden uraufgeführt, ist ein Meisterwerk des frühen 20. Jahrhunderts und brachte dem Komponisten den internationalen Durchbruch im Bereich der Oper. Er verwendete eine orientalisch anmutende Harmonik, die er kunstvoll mit Bitonalität (der Parallelität von nur zwei verschiedenen Tonarten) verband. Marcel Reich-Ranicki betitelte Salome einst als das „schamloseste und obszönste Werk der Opernliteratur“, Cosima Wagner soll es als „Wahnsinn“ bezeichnet haben. Dennoch, oder gerade deshalb, übt es bis heute eine ungebrochene Anziehungskraft aus.
Die Oper beruht auf dem gleichnamigen Drama von Oscar Wilde, das sich auf die neutestamentarische Geschichte von Salome und Johannes dem Täufer bezieht. Anders als in der biblischen Geschichte wird Salome in der Oper nicht von der Mutter angestiftet, sondern ist eine eigenständige barbarische Femme fatale.

Für die Neuinszenierung am Hessischen Staatstheater Wiesbaden wurde das aus Bordeaux stammende Künstlerkollektiv Le Lab – Jean-Philippe Clarac und Olivier Deloeuil, verpflichtet, dass sich auf Opern und Kunstinstallationen spezialisiert hat. Was im Vorfeld hohe Erwartungen an eine ausgefallene Inszenierung schürt, zeigt sich dann als nicht ganz so außergewöhnlich inspiriert. Agiert wird fast nur nah an der Rampe, mitunter fühlt man sich dadurch eher an eine konzertante bzw. halbszenische Aufführung erinnert. Die Weite des Bühnenraums wird hauptsächlich für Auf- und Abtritte der Partygesellschaft und für ein obszönes Liebesspiel genutzt, wie auch für einen mondänen Container, dem Gefängnis für Jochanaan, der auf der Drehbühne langsam seine Kreise zieht. Beim „Tanz der sieben Schleier“ sitzt Horodes unter einer silbernen Netzplane und starrt auf ein Tablet, während aufgezeichnete Bilder von Salome projiziert werden.

Entscheidend für die Arbeit von Le Lab ist die Einbindung von zeitgemäßen Formen, hier vor allem von Videos. Diese laufen auf zwei großen Projektionsflächen im Hintergrund und zeigen u. a. fantastisch anmutende Bilder karger Mondlandschaften, dienstbeflissene Ameisen und Livebilder aus dem Inneren des Gefängniscontainers (Video: Jean-Baptiste Beïs). Die Terrasse im dekadenten Palast des Herodes ist unspektakulär lediglich mit einfachen Bistrotischen und – Stühlen beschickt, eine Standleuchte mit Kugelschirm als omnipräsenter Mond (Bühne: Le Lab). Über allem schwebt ein riesiger Lichtbogen, der dank LED-Technik verschiedene Farben annimmt. Effektvoll wird Jochanaans Kopf zum Ende hin mit flüssigem Silber übergossen, dazu passt dann auch stimmig der silberfarbene Bodysuit von Salome (Kostüme: auch Le Lab).
Der im Vorfeld angekündigte Grundgedanke der Inszenierung, das Thema „Kontrolle und Beobachtung“ herauszustellen, vermittelt sich nur bedingt.



Salome
Staatstheater Wiesbaden
Salome (Sera Gösch)
Foto: Karl & Monika Forster

Die in Istanbul geborene österreichische Sopranistin Sera Gösch stellt sich in der Titelrolle erstmals dem Wiesbadener Publikum vor. Die darstellerisch und gesanglich anspruchsvolle Rolle der Salome verkörperte sie bereits im vergangenen Jahr bei der Koproduktion der Ungarischen Staatsoper Budapest und dem Margaret Island Open-Air. Mit jugendlicher Frische gibt sie eine selbstbewusste, verwöhnte Tochter aus reichem Haus und präsentiert sich als zeitgemäßes It-Girl. Ihre Schärfe bei den dramatischen Ausbrüchen ist nicht jedermanns Geschmack, verleiht der Figur der Salome aber eine zusätzliche Dramatik.

Der dramatische Tenor Frank van Aken, lange Jahre Ensemblemitglied der Oper Frankfurt, verkörpert die Rolle des Herodes, hier ein autoritätsloser Lüstling im goldenen Jackett und weiter schwarz gepunkteter roter Freizeithose. Stimmlich überzeugt er umso mehr, ganz besonders beim verzweifelten Versuch, Salomes Wunsch nach Jochanaas Kopf abzuändern.
Bariton und Kammersänger Thomas de Vries bleibt trotz seiner nur kurzen Auftritte als fanatischer Bußprediger ob seiner Ausdrucksstärke nachhaltig in Erinnerung. Der lyrische Tenor Simon Bode besticht, gewissermaßen als Widerpart zu Jochanaan, mit samtiger Stimme und unterstreicht damit den reinen Charakter des Narraboth glanzvoll. Diabolische Energie versprüht Sopranistin Andrea Baker als dominante Herodias, Silvia Hauer nimmt als Page für sich ein. Die leicht humoreske Seite der Salome, schließlich bezeichnete sie selbst Strauss als „Scherzo mit tödlichem Ausgang“, wird nicht nur im Kostüm Herodes, sondern auch im Spiel der fünf Juden (Rouwen Huther, Erik Biegel, Christian Rathgeber, Ralf Rachbauer und Philipp Mayer) deutlich.

Unabhängig vom szenischen Geschehen ist die musikalische Seite, nicht zuletzt wegen der verstärkten Bläsergruppen, dem Harfenspiel und dem groß besetzten Schlagzeug im Hessischen Staatsorchester Wiesbaden unter der Leitung seines Generalmusikdirektors Patrick Lange, ein Erlebnis und sehr angenehm.

Am Ende starker Applaus, aber auch einige Buhs.


Salome
Staatstheater Wiesbaden
Jochanaan (Thomas de Vries), Herodes (Frank van Aken)
Foto: Karl & Monika Forster

Salome
Musik-Drama in einem Aufzug
Von: Richard Strauss
Uraufführung: Dezember 1905 (Dresden, Königliches Opernhaus)

Premiere am Staatstheater Wiesbaden (Großes Haus): 16. Februar 19

Musikalische Leitung: Patrick Lange

Inszenierung, Bühne, Kostüme: Le Lab – Jean-Philippe Clarac, Olivier Deloeuil
Licht: Christophe Pitoiset, Oliver Porst
Video: Jean-Baptiste Beïs
Künstlerische Mitarbeit: Lodie Kardouss
Graphic Design: Julien Roques
Dramaturgie: Luc Bourrousse, Regine Palmai

Besetzung:

Herodes: Frank van Aken, Thomas Blondelle
Herodias: Andrea Baker
Salome: Sera Gösch, Gun-Brit Barkmin
Jochanaan: Thomas de Vries, Thomas J. Mayer
Narraboth: Simon Bode
Ein Page: Silvia Hauer
1. Jude: Rouwen Huther
2. Jude: Erik Biegel
3. Jude: Christian Rathgeber
4. Jude: Ralf Rachbauer
5. Jude: Philipp Mayer
1. Nazarener: Young Doo Park
2. Nazarener / 1. Soldat: Daniel Carison
2. Soldat: Doheon Kim
Ein Capadocier: Nicolas Ries
Ein Sklave: Maike Menningen

Statisterie des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden
Hessisches Staatsorchester Wiesbaden

www.staatstheater-wiesbaden.de