Pierre Rigals erste Arbeit für ein deutsches Tanzensemble am Staatstheater Mainz »Extra Time« im Großen Haus uraufgeführt

Extra Time ~ tanzmainz / Staatstheater Mainz ~ Ensemble ~ © Andreas Etter

Nachdem das von Frankreich initiierte Programm FranceDance 2015 in Brasilien und 2016 in Russland zu Gast war, konnten 2019 in Deutschland Theaterhäuser und experimentelle Bühnen von FranceDance profitieren und aufstrebende Künstler bzw. unabhängige Kompanien aus Frankreich präsentieren. Als Abschluss dieses Programms war im April 2020 die abendfüllende Kreation Welcome Everybody des französischen Choreografen Pierre Rigal in Zusammenarbeit mit tanzmainz geplant. Wegen des Shutdowns musste die Arbeit während der Endproben, vierzehn Tage vor der Premiere, abgebrochen werden. Dass es noch vor der Sommerpause zu einer Tanzpremiere kommen würde, konnte sich zunächst niemand vorstellen. Pierre Rigal, der sich Mitte März bereits in Mainz aufhielt, blieb auch nach dem Shutdown in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt und erarbeitete, Step by Step, eine an die Corona-Zeit angepasste neue Choreografie. Auch wenn bei den Proben ein Mindestabstand von sechs Metern eingehalten werden musste, entstand mit Extra Time eine Produktion, die bewusst kein Corona-Stück ist, aber auch nicht verleugnet „das Kind einer verrückten Zeit zu sein“ (aus dem Ankündigungstext). Statt der ursprünglichen 17 Tänzer sind nunmehr 9 beteiligt.

Ungewöhnliche Biografie von Pierre Rigal

Die Karriere des in Moissac (südwestliches Frankreich) geborenen Pierre Rigal als Choreograf startete spät. Der erfolgreiche Hürdenläufer studierte Mathematik und Wirtschaftswissenschaften in Barcelona und erlangte einen Masterabschluss an der École Supérieure d’Audiovisuel de Toulouse (Film). Als Tanzautodidakt kam er zunächst zur Compagnie des Schweizers Gilles Jobin. Seit 2003 arbeitet er als Choreograf und hat sich inzwischen einen Namen in der Tanzwelt geschaffen. Extra Time ist die erste Arbeit Rigals für ein deutsches Ensemble.

Extra Time
tanzmainz / Staatstheater Mainz
Daria Hlinkina
© Andreas Etter

Unterstützung von FranceDance

Aktuell können im Großen Haus des Staatstheater Mainz maximal 250 Zuschauer, statt 940 wie sonst üblich, Platz nehmen. Aufgrund anderer Vorgaben in Rheinland-Pfalz sind dies mehr als doppelt so viele wie in hessischen Theatern. Zur Premiere war das Haus bis zum letzten Platz im 2. Rang gefüllt, was Tanzdirektor Honne Dohrmann sehr erfreute. In seiner kurzen Ansprache zu Beginn bedankte er sich auch für die Unterstützung durch FranceDance, namentlich bei der anwesenden französischen Generalkonsulin Pascale Trimbach, Herrn Hermann Lugan (Leiter des Berliner Bureau du Théâtre et de la Danse) und Frau Aline Oswald vom Mainzer Institut français.

Extra Time
tanzmainz / Staatstheater Mainz
Marija Slavec / BojanaMitrović
© Andreas Etter

Ein rundes Ganzes

Extra Time besteht aus vier Soli, einem Duett und einem Trio. Die sechs Teile sind eng miteinander verwoben, gehen nahtlos ineinander über und vermitteln ein rundes Ganzes. Rigal spricht in diesem Zusammenhang von einer „Staffelchoreografie“.
Unter „Extra Time“ wird gemeinhin die Nachspielzeit beim Sport oder allgemein eine „besondere Zeit“ verstanden. Diese ist die aktuelle zweifelsohne. Spielerisch greift Rigal Alltagssituationen auf und vermittelt sie neu. Wie die gewandelten Begrüßungsrituale. Prägendes Element ist hier das Strecken eines Arms wie zu einer Begrüßung.

Zu Beginn steht die Tänzerin Amber Pansters allein auf der Bühne, die Augen hat sie geschlossen und verharrt dort lange wie in Trance. Nach und nach treten vier TänzerInnen hinzu und nehmen Schritt für Schritt die Bühne für sich ein. Dann erwacht Pansters´ linke Hand und führt abstrakte Bewegungen aus, die schließlich den ganzen Körper ergreifen, bis zu einem ekstatischen Tanz. Dass Körperteile ein autonomes Eigenleben führen, ist auch bei den nachfolgenden Darbietungen zu sehen. Dabei haben die TänzerInnen Gelegenheit, ihre besonderen Fähigkeiten herauszustellen. Daria Hlinkina zeigt dies mit einer eleganten und akrobatischen Darbietung. Doch es geht auch anders, nämlich schlicht auf dem Rücken liegend, performt Finn Lakeberg mit einem faszinierenden und temporeichen Spiel mit Armen und Beinen, als würden sie losgelöst von seinem Körper sein. Auf Distanz und doch zusammen, zeigen Marija Slavec und Bojana Mitrović ein raumeinnehmendes vielschichtiges Duett, die Fremdartigkeit der Zeit widerspiegelnd.

Extra Time
tanzmainz / Staatstheater Mainz
Finn-Lakeberg
© Andreas Etter

Die Bühne ist leer, die Hubpodien gestalten unterschiedliche Ebenen, bei denen die TänzerInnen auch im Hintergrund performen. Vom Schnürboden werden bunte geometrische Figuren, Rechtecke, Dreiecke, Kreise, herabgelassen. Sie erinnern in ihrem Gesamtbild ein wenig an die Kunst des niederländischen Malers Piet Mondrian (1872 – 1944), stehen aber wohl auch für eine Corona-bedingte andere Raumwahrnehmung (Ausstattung: Ronja Bendel, Irina Kraft). Bunt sind auch die Kostüme der TänzerInnen, ein Mix zwischen häuslicher Bequemlichkeit und stylischen Sportoutfits. Die zur Schau gestellte Farbigkeit signalisiert ein positives, hoffnungsvolles Zeichen. Wie auch die positive Energie und die Lust am Tanz bei allen deutlich zu spüren ist. Fast alle tragen einen Bob-Haarschnitt, auch die Männer.
Die Musik hat einen groovigen und lässigen Sound, es gibt auch zwei sehr stimmungsvolle ruhige Nummern (Komposition: Gwen Drapeau). Oftmals wird ein Titel gesungen und dabei ständig wiederholt (“I’m thinking of you“), oder der Rhythmus vorexerziert („one times, two times, three times, four times“). Zeiten der Corona-Zwangspause mit dem Bemühen, eine neue Struktur in den Alltag zu bringen, werden effektiv vorgeführt.

Extra Time ist eine großartige und energiegeladene Darbietung über die Wiedererlangung der Freude an Bewegung, an Tanz. Kein Wunder, dass das Publikum am Ende stark begeistert war. Langer Applaus und Standing Ovations.

Markus Gründig, Juni 20


Extra Time

Von: Piere Rigal

Premiere/Uraufführung von tanzmainz am Staatstheater Mainz: 14. Juni 20 (Großes Haus)

Choreografie: Pierre Rigal
Musik: Gwen Drapeau
Ausstattung: Ronja Bendel, Irina Kraft
Licht: Peter Meier
Dramaturgische Mitarbeit: Melanie Chartreux

Mit: Daria Hlinkina, Bojana Mitrović, Nora Monsecour, Amber Pansters, Marija Slavec, Milena Wiese, Zachary Chant, Finn Lakeberg, Cornelius Mickel

staatstheater-mainz.de