Deutschsprachige Erstaufführung von Fredrik Brattbergs »Wieder da« am Schauspiel Frankfurt

Wieder da ~ Schauspiel Frankfurt ~ Vater (Sebastian Reiß), Mutter (Christina Geiße) ~ © Jessica Schäfer
kulturfreak Bewertung: 4 von 5

»Norwegen – Der Traum in uns« ist kein Werbeslogan der Tourismusbranche, sondern das Motto der diesjährigen Frankfurter Buchmesse (16. – 20. Oktober 19), bei der Norwegen das diesjährige Gastland ist. Zusammen mit dem vom norwegischen Kulturministerium finanzierten NORLA-Programm (Norwegian Literaure Abroad) entwickelte das Schauspiel Frankfurt einen Schwerpunkt Norwegische Dramatik, mit Klassikern von Henrik Ibsen (Peer Gynt und Brand) und Stücke von Gegenwartsautoren, wie Jon Fosse oder Fredrik Brattberg (* 1978).
Dramen von Brattberg, der auch als Komponist tätig ist, wurden bereits in 20 Sprachen übersetzt. Sein Stück Tilbakekomstene (Wieder da) wurde 2012 mit dem Ibsen-Award ausgezeichnet (der nicht mit dem Internationalen Ibsen-Award zu verwechseln ist). Es eröffnete jetzt als deutschsprachige Erstaufführung die neue Spielzeit in den Kammerspielen. Wobei der Premierentermin auch in der zweiten Novemberhälfte hätte stattfinden können, zwischen Volkstrauertag und Totensonntag beispielsweise. Denn es geht um die Trauerarbeit eines Elternpaares, das seinen fast erwachsenen Sohn verloren hat. Brettberg erzählt keine geschlossene Geschichte, vielmehr Variationen und Wiederholungen der gleichen Situation: Das Elternpaar ist konfrontiert mit dem Tod des Sohnes und muss mit dem Verlust und der Trauer fertig werden. Dabei durchlebt es die fünf Phasen der Trauer: Leugnung, Zorn, Verhandlung, Depression und Akzeptanz.


Wieder da
Schauspiel Frankfurt
Gustav (Torsten Flassig), Mutter (Christina Geiße), Vater (Sebastian Reiß)
© Jessica Schäfer

Regisseur Kornelius Eich setzt die literarische Vorlage mit drei Darstellern innerhalb von 60 Minuten kompakt um. Viel Bühne bedarf es dafür nicht. Die von Loriana Casagrande zeigt ein abgegrenztes Quadrat als Wohnung, ausgestattet mit einem Tisch, einer Bank und einem Hocker. Es beginnt im Dunkeln, mit dem Bewusstsein des Verlusts, des tiefen Schmerzes, der Leere. Nur langsam hebt sich aus der Bühnenmitte ein Scheinwerfer, dessen Lichtkegel immer größer wird. Der Alltag hat die Eltern noch nicht eingeholt, zu tief sitzt der Schock. Der Vater steht ständig am Fenster und blickt besorgt nach dem entlaufenen Hund seiner Nachbarn, die Mutter fragt sich beim Stricken, für wen und was sie eigentlich strickt. Richtig hell wird es in diesem Trauerlabor nie, auch wenn am Schluss die Bewältigung geschafft scheint. Bis es dazu kommt, erlebt der Zuschauer abwechslungsreiche Momente, denn das Elternpaar (Christina Geiße und Sebastian Reiß) begibt sich auf eine emotionale Achterbahnfahrt. Der Tod geglaubte Sohn (juvenil: Torsten Flassig) kehrt immer wieder zurück und wird Teil der verschiedenen Phasen der Trauer. Und diese beinhalten durchaus auch komische, surreal anmutende Momente. Bei alledem kommt es nicht darauf an, wie er nun gestorben an, hierfür werden verschiedene Varianten genannt (bei einer Schulreise von einer Lawine verschüttet, als Fußgänger von einem Auto erfasst und wegen eines Lecks im Ruderboot ertrunken). Einen allgemeingültigen Weg mit dem Verlust eines geliebten Menschen fertig zu werden gibt es nicht. So wie der Tod viele Varianten haben kann, fällt auch der Umgang damit aus.

Langanhaltender intensiver Applaus, auch für das Regieteam und den bei der Premiere anwesenden Frederik Brattberg.

Markus Gründig, September 19


Wieder da (Tilbakekomstene)

Von: Fredrik Brattberg
Deutsch von: Hinrich Schmidt-Henkel

Premiere am Schauspiel Frankfurt: 14. September 19 (Deutschsprachige Erstaufführung; Kammerspiele)

Regie: Kornelius Eich
Bühne: Loriana Casagrande
Kostüme: Laura Krack
Dramaturgie: Judith Kurz, Ursula Thinnes

Besetzung:

Mutter: Christina Geiße
Vater: Sebastian Reiß
Gustav: Torsten Flassig

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