Accentus Music veröffentlicht eine famose Debütaufnahme der litauischen Pianistin Onutè Grazinytè

Arvo Pärt: Lamentate (© Accentus Music / Bild: Tadas Kazakevicius)

Gleich mit ihrem Erstlingswerk präsentiert die 1996 in Vilnius (Litauen) geborene Pianistin Onutè Grazinytè eine faszinierende Aufnahme zu Ehren des estnischen Komponisten Arvo Pärt, der am 11. September 2020 seinen 85. Geburtstag feiern konnte. Die bei Accentus erschienene Veröffentlichung ist eine Reflektion über sein umfangreiches Werk. Grazinyte präsentiert die anspruchsvolle Auswahl seiner Werke für und mit Klavier famos.

Arvo Pärt scheinen äußere Gegebenheiten oftmals zum Schreiben veranlasst zu haben. Das wird besonders bei dem Stück „Lamentate“ deutlich, das als Auftragswerk der Londoner Tate Modern für Klavier und Orchester komponiert wurde. Das 35 – 40 Minuten lange Stück ist von der riesigen Skulptur Marsyas des britischen Bildhauers und Multimediakünstlers indischer Herkunft Anish Kapoor (* 1954) inspiriert. Bei der Uraufführung am 7. Februar 2003 spielten die Pianistin Hélène Grimaud und das Londoner Sinfonietta unter der Leitung von Alexander Briger. Die Grenze zwischen Zeit und Zeitlosigkeit scheint im Anblick des Todes nicht mehr so offensichtlich zu sein. Die Wehklagen sind für die Lebenden geschrieben, die sich selbst mit diesen Themen befassen müssen (Arvo Pärt: „Ein Wehklagen für uns, das mit dem Schmerz und der Hoffnungslosigkeit dieser Welt zu kämpfen hat“).

Bereits 1977 komponierte Pärt 1977 die “Variations for the healing of Arinushka“. Das vierminütige Stück mit sechs Variationen (drei in Dur, drei in Moll) widmete er seiner Tochter, die sich damals von einer Blinddarmoperation erholte.

Das besinnliche “Pari intervallo” entstand anlässlich des Todes des Stiefvaters des Komponisten. Es wurde im Oktober 1976 vom Ensemble Hortus Musicus uraufgeführt und mit dem Motto aus Paulus’ Brief an die Römer ausgestattet: „Leben wir, so leben wir dem HERRN; sterben wir, so sterben wir dem HERRN“. Das musikalische Material folgt der Bedeutung des Titels (pari intervallo – in lateinischer Sprache „in gleicher Entfernung“) und wurde auf zwei streng parallelen Stimmen aufgebaut, deren Abstand durchweg gleich bleibt.

Die kurze Komposition „Für Alina“ aus 1976 ist eines der kleinsten und zugleich bedeutendsten Werke in Arvo Pärts Gesamtwerk. Es ging aus einer anhaltenden kreativen Krise hervor und ist sein erstes Stück, das im Tintinnabuli-Stil geschrieben wurde (bei dem die Musik strengen mathematischen Regeln folgt, der interpretierende gleichzeitig aber auch innere Freiheit hat). Die Pinistin Onute Grazinyte kennt die Mutter der Widmungsträgerin und so war ihr diese Auswahl besonders wichtig. Die „echte“ Alina des Stücks war die Tochter enger Freunde von Arvo und Nora Pärt, die durch den Eisernen Vorhang von ihrer Mutter getrennt war – die Tochter blieb in England und die Mutter in der Sowjetunion.

Pärt hat viele Klavierstücke Kindern gewidmet. „Vater unser“ wurde 2005 für einen Jungensopran oder Countertenor mit Klavierbegleitung geschrieben und erstmals in Österreich aufgeführt. Die schlichte, geschwungene Melodielinie und die Harmonie des Klavierparts unterstreichen die Idee im Text „Vergib uns unsere Sünden … wie wir vergeben …“.

Onutè Grazinytè Erstlingswerk ist ein beeindruckendes Porträt von Arvo Pärts Klangkosmos. Im Booklet findet sich zudem ein ausführlicher Infotext von Karsten Blüthgen (in Deutsch, Englisch und Französisch).

Markus Gründig, September 2020


Arvo Pärt: Lamentate

Lamentate
I Minacciando
II Spietato
III Fragile
IV Pregando
V Soitudine – stato d‘animo
VI Consolante
VII Stridendo
VIII Lamentabile
IX Risolutamente
X Fragile e conciliante

Für Anna Maria – Nachdenklich
Für Alina
Fratres
Pari intervallo
Variationen zur Gesundung von Arinuschka
Für Anna Maria – Fröhlich
Vater Unser


Onutè Graiinytè, Klavier
Lithuanian National Symphony Orchestra
Modestas Pitrènas, Dirigent
Edward King, Cello


Aufgenommen in der Lithuanian National Philharmonic Hall, Mai 2020, und im Lithuanian National Culture Centre Recording Studio, April 2019 (Lamentate)

Katalognummer: ACC3O512
Veröffentlichung: 4 September 2020
Dauer: 70:21

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