
Es läuft hervorragend gut bei der Mainzer Hochschulgruppe Musical Inc. Das immense Engagement und die Freude der ehrenamtlich Tätigen bei der jährlichen Produktion eines Musicals im Theater im P1 sorgen regelmäßig für ausverkaufte Vorstellungen. Dieses Jahr wurde im Juni der Musicalhit „Jekyll & Hyde“ gespielt (Besprechung) und begeisterte erneut das Publikum.
Die jährliche Stückauswahl berücksichtigt möglichst vielen Menschen die Möglichkeit, an den Produktionen teilzunehmen und sich kreativ entfalten zu können. Um aber auch kleiner besetzte Musicals vorstellen zu können, präsentierte die Musical Inc. diesen Sommer erstmals ein weiteres Musical. Die Wahl fiel auf Jonathan Larsons autobiografisch geprägtes „Tick, Tick… Boom!“. Zwischen dem 24. Juli und dem 2. August 26 wurden acht Vorstellungen gespielt.
Es handelt von Jon, einem jungen und begabten Komponisten, der im Jahr 1990 kurz vor seinem 30. Geburtstag steht und von seinem Durchbruch am Broadway träumt. Dabei stehen allgemeingültige Fragen im Raum, wie beispielsweise: Was zählt im Leben? Was bin ich bereit, für die Erfüllung meiner Träume zu tun?
Vorläufer von „Rent“
Zu Larsons Lebzeiten war das Stück 1991 nur als One-Man-Show im Rahmen sogenannter Workshops aufgeführt worden (mit ihm selbst in der Rolle des Jon). Erst fünf Jahre nach seinem frühen Tod wurde 2001 eine auf drei Personen erweiterte revidierte Fassung des Musicals am Off-Broadway aufgeführt. Mit dem Kult-Musical „Rent“ erfüllte sich zwar Larssons Traum 1996, tragischerweise verstarb er aber in der Nacht vor der ersten Previewvorstellung an einem durch eine Erkrankung des Bindegewebes verursachten Einriss der Hauptschlagader.

Musical Inc. Mainz
Ensemble
Foto: Vidhya Pfeifer
Larsons Neuinterpretation der Puccini Oper „La Bohème“ machte „Rent“ ab 1996 zum einflussreichsten Musical der 1990er Jahre. Grund dafür war nicht nur, dass er Rockmusik anstelle klassischer Musicalmelodien verwendete, sondern auch die offene thematische Behandlung von Tabuthemen (wie HIV/AIDS, Sucht, Obdachlosigkeit und Homosexualität). Die Musical Inc. spielte „Rent“ im Sommer 2010 und setzt sich auch mit anderen Stücken regelmäßig für Vielfalt und Toleranz ein. Dafür steht auch „Tick, Tick… Boom!“, das in vielerlei Hinsicht einen Vorläufer von „Rent“ darstellt.
Musical Inc. hebt das Potential des Stücks hervor
Wobei „Tick, Tick… Boom!“ nicht unbedingt ein Hit für große Bühnen ist. Die Geschichte ist stark auf die Hauptfigur fokussiert, die musikalischen Nummern und die Dialoge sind noch nicht so prägnant wie später in „Rent“. Dennoch hebt die Musical Inc. mit gewohnt hoher Leidenschaft das Potential des Stücks hervor und sorgt für einen Abend, der unterhält und berührt (Regie: Vidhya Pfeifer und Max Teschner). Und sie hat es mit acht statt drei Personen größer als üblich besetzt. Das ermöglicht nicht nur eine größere Vielfalt, sondern auch schöne Ensembleszenen (wie „Sonntags“ oder „Zucker“; Choreografie: Vidhya Pfeifer und Alba D’Alesio).
Besetzung „Sunday“ bei der ersten Derniere
Wie auch bei den großen Produktionen gab es für „Tick, Tick… Boom!“ zwei Besetzungen. Bei der besuchten Vorstellung, der Derniere mit der Besetzung „Sunday“, gab Henrik Vilhelmsson die umfangreiche Partie des Jon (er ist fast die ganze Zeit über auf der Bühne präsent). Er präsentierte sich als gefühlsvoller und ausdrucksstarker Sänger, sei es bei Soli (wie bei „39/90“ und „Ich will sie nur lächeln seh’n“) oder in Duetten. Dabei wirkte er stets sehr natürlich. Jons Freundin Susan gab Clara Hecker mit viel Empathie (zusammen sehr harmonisch bei „Das grüne Kleid“).

Musical Inc. Mainz
Jon (Henrik Vilhelmsson), Susan (Clara Hecker)
Foto: Vidhya Pfeifer
Michael, Jons Freund aus Kindheitstagen, dessen berufliche Erfolge ihm eine Eigentumswohnung und einen BMW ermöglichen, der aber auch eine schwere Diagnose zu verarbeiten hat, verkörperte Marian Amiragov anmutig (schön das Duett „Nie mehr“ mit Jon).
Janina Schumacher glänzte als Sängerin Karessa, die Jons neuestes Werk „Superbia“ vorstellte (mit der gefühlvollen Ballade „Kannst du’s erkennen?“).

Musical Inc. Mainz
Michael (Marian Amiragov)
Foto: Vidhya Pfeifer
Und auch die kleineren Partien kamen groß zur Geltung: Judy, die Leiterin eines Brainstormings (Élise Tenten), Jon’s Produzentin Rosa (Chiara Kunze), David, Michaels Ex-Freund und auch Jons Vater (Lucas Flöck) und Freddy, Jons Kellner-Kollege aus dem Moondance Diner und der Candyman (Holger Reuter).
New Yorker-Atmosphäre im Theater im P1
Obwohl nur eine begrenzte Anzahl von acht Vorstellungen gespielt wurden, steckte die Musical Inc. auch viel Aufwand in das Bühnenbild und die Kostüme im Stil der 1990er Jahre (Ausstattung: Alba D’Alesio, Jan Dahms, Kira Hirch, Johann Kabelac, Palina Tkachonak).

Musical Inc. Mainz
Karessa (Janina Schumacher)
Foto: Vidhya Pfeifer
Die Ränder der Einheitsbühne und die Vorhänge schmückten Insignien aus New York City, wie eine Skyline, Schilder von „Christopher St.“, der Schwulenbar „Marie’s Crisis Café“ und der Metro-Station Times Square–42nd Street station. Auf die einzelnen Handlungsorte machte stets Jon aufmerksam, einzelne Requisiten kamen unterstützend dazu. Bedarfsweise sorgte ein Sternenhimmel für eine Steigerung emotionaler Stimmung.
Zentraler Blickpunkt war die mit zahlreichen Notizzetteln geschmückte Rückwand (Bild für Jon’s Ticks im Kopf). Später prangte in großen Lettern „No Day But Today“ an der Wand (ein zentraler Spruch aus „Rent“, der auch die Message von „Tick, Tick… Boom! auf den Punkt bringt).
Es spielt kein groß besetztes Orchester, sondern eine kleine Band. Sie war auf der Bühne platziert, stets einsehbar und sorgte unter der Leitung von Laurin Hess für einen rockigen Sound.
Am Ende, wie hier gewohnt, stehende Ovationen und sehr viel Beifall.
Markus Gründig, August 26
TICK, TICK… BOOM!
Buch, Musik und Songtexte: Jonathan Larson (1960 – 1996)
Off-Broadway Premiere (revidierte Fassung von David Auburn): 23. Mai 2001 (Jane Street Theater)
Deutsche Erstaufführung: 11. März 2010 (Kerpen, Musical Ensemble Erft e.V. in der Aula der Europaschule)
Deutschsprachige Erstaufführung: 1. April 2011 (Datteln, Katieli Theater)
Premiere bei der Musical Inc. Mainz: 24. Juli 26
Besuchte Vorstellung: 1. August 26
Regie & Produktion: Vidhya Pfeifer und Max Teschner
Musikalische Leitung: Laurin Hess
Choreografie: Vidhya Pfeifer, Alba D’Alesio
Ausstattung & Produktionsleitung: Alba D’Alesio, Jan Dahms, Kira Hirch, Johann Kabelac, Palina Tkachonak
Technische Leitung: Paul Darmstadt, Sebastian Worschech
Lichtdesign: Christian Huber
Foyerleitung: Lucienne Ackerl
Besetzung:*
Jon: Henrik Vilhelmsson / Jan Dahms
Susan: Clara Hecker / Sascha Hartmann
Michael: Marian Amiragov / Johannes Wecker
Karessa: Janina Schumacher / Mara Spatola
David: Lucas Flöck / Marek Löcker
Judy: Élise Tenten / Katharina Schilling
Freddy: Holger Reuter / Holger Reuter
Rosa: Chiara Kunze / Jessica Kohlert
*
1. Name = Besetzung SUNDAY
2. Name = Besetzung BRUNCH
Band:
Bass: Dominik Bierbüsse / Theo Schindelbeck
Schlagzeug: Kai Dahms / Marvin Rodriguez
Gitarre: Nico Moser / Paul Heilmann
