
Der 1888 in New York geborene Dramatiker Eugene O’Neill (1888 – 1953) war äußerst produktiv. Er schrieb über 40 Theaterstücke und gilt als wichtigster Erneuerer des amerikanischen Theaters, denn er brachte psychologische Aspekte auf die Bühne, auf die bislang nur reine Unterhaltungsstücke gegeben wurden. 1936 erhielt er den Literaturnobelpreis. Seine Stücke werden heute zwar nicht mehr so häufig gespielt, ihre Themen haben an Aktualität aber nicht verloren.
Auf den Kopf gestellt
Für das Schauspiel Frankfurt hat jetzt der Regisseur Max Lindemann das vieraktige Schauspiel „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ im Schauspielhaus inszeniert. Nach „Phädra in Flammen“ und „Süßer Vogel Jugend“ ist es seine dritte Arbeit am Haus. Die vier Akte legte er zu einem 100-minütigen pausenlosen Einakter zusammen.

Schauspiel Frankfurt
James (Uwe Zerwer), Mary (Heidi Ecks)
Foto: Arno Declair
Dem kammerspielartigen Charakter des Werkes begegnet er mit Nutzung einer Vorbühne. Die ersten Zuschauerreihen im Saal wurden ausgebaut und durch eine Plattform als Spielfläche ersetzt, wodurch eine intensivere Nähe entsteht. Zusätzlich befindet sich auf der eigentlichen Bühne ein schräg stehender Wohnraum im Sommerhaus der Familie Tyrone, ein Zuhause, das es in dieser Familie nie gegeben hat. In diesem Raum mit seinen Verstecken für Alkohol hält es keiner lange aus. Wenn später die Welt gewissermaßen auf dem Kopf steht, wird der Wohnraum gerollt, also auf den Kopf gestellt, und die Einrichtungsgegenstände purzeln nur so heraus (Bühne: Signe Raunkjær Holm; Ähnliches gab es in „Imitation of Life“ vom Proton Theater Budapest bei der Biennale Wiesbaden 2016 zu sehen).
Optimismus, Frische, Leichtigkeit und Wärme
Das handlungsarme „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ erschien erst posthum, denn es ist O’Neills autobiographischstes Werk. Die in Hassliebe verbundenen Figuren spiegeln seine eigene Familiengeschichte wider. Hier treffen Selbstanklagen, aggressive Vorwürfe und Wunden aus lang zurückliegenden Ereignissen aufeinander. Optisch wird die negative Energie in dieser Familie von hochwertiger Homewear in einem buttergelben Farbton und funkelnden Applikationen konterkariert, steht der Pastellton doch für Optimismus, Frische, Leichtigkeit und Wärme (Kostüme: Cédric Mpaka). Halskrausen im Stil der elisabethanischen Zeit bei den Buben vermitteln eine versteckte Hommage an den Vater, der ein großer Shakespeare-Fan ist.

Schauspiel Frankfurt
Jamie (Christoph Bornmüller ), Edmund (Miguel Klein Medina)
Foto: Arno Declair
Die Figuren geraten immer tiefer in ihre inneren Konflikte, wofür auch der im Stück erwähnte Nebel steht, Symbol für Verdrängung, Orientierungslosigkeit und den Wunsch, der schmerzhaften Realität zu entkommen. Das gelingt keinem. Ob Edmund den Weg in eine Klinik findet und damit eine Chance auf Heilung erhält, bleibt in dieser Inszenierung offen.
Ausdrucksstarke Heidi Ecks
Die einzige Frau in dieser toxischen Familie ist die sich nach einem wirklichen Zuhause sehnende morphinabhängige Mary, hingebungsvoll und ausdrucksstark von Heidi Ecks gespielt (die Rolle des Hausmädchens Cathleen wurde gestrichen). Ecks ist, wie auch die männlichen Familienmitglieder, unter starker Schminke und Perücke kaum wiederzuerkennen.
Uwe Zerwer gibt eindringlich den Familienvater James, der einst als Hauptdarsteller in „Graf von Monte Christo“ große Erfolge feierte, nun aber dem Alkohol zugewandt und auf Sicherung seiner finanziellen Situation bedacht ist. Der ältere Sohn Jamie, zynisch und auch trinkfreudig, wird mit viel Energie von Christoph Bornmüller gegeben. Den sensiblen, lesefreudigen und an Tuberkulose erkrankten Sohn Edmund verkörpert Miguel Klein Medina.
Intensiver Beifall.
Markus Gründig, Oktober 26
Eines langen Tages Reise in die Nacht
(Long Day’s Journey into Night)
Von: Eugene O‘Neill (1888 – 1953)
Uraufführung: 2. Februar 1956 (Stockholm, Königliches Dramatisches Theater)
Deutsche Erstaufführung: 25. September 1956 (Berlin, Theater am Kurfürstendamm)
Premiere am Schauspiel Frankfurt: 3. Oktober 26 (Schauspielhaus)
Regie: Max Lindemann
Bühne: Signe Raunkjær Holm
Kostüme: Cédric Mpaka
Dramaturgie: Jana Fritzsche
Licht: Jan Walther
Besetzung:
Mary Tyrone: Heidi Ecks
James Tyrone: Uwe Zerwer
James Tyrone Jr.: Christoph Bornmüller
Edmund Tyrone: Miguel Klein Medina
