Im Weltschmerz gefangen

Das Deutschlandherz ~ Schauspiel Frankfurt ~ Rokhi Müller, Mitja Over, Steffen Link ~ Foto: Robert Schittko

»Das Deutschlandherz« von Bonn Park am Schauspiel Frankfurt uraufgeführt

kulturfreak Bewertung: 4 von 5

Ein heruntergekommener Bahnhofswartebereich ist Handlungsort für Bonn Parks neuestes Stück „Das Deutschlandherz“. Der Problembetrieb Deutsche Bahn steht hier gewissermaßen stellvertretend für das ganze Land. Es ist Parks zweite Auseinandersetzung mit dem Thema Deutschland (nach „Das Deutschland“ 2020 am ETA Hoffmann Theater in Bamberg). Am Schauspiel Frankfurt war von ihm vor zwei Jahren „They Them Okocha“ herausgekommen (ebenfalls in den Kammerspielen).

Übersteigerung der „German Angst“

Auch bei „Das Deutschlandherz“ ist Bonn Park nicht nur Autor, sondern auch Regisseur. Das Stück wurde gemeinsam mit dem Ensemble entwickelt. Verpackt mit Nähe zum Horror-Genre, thematisiert es eine Übersteigerung der „German Angst“. Viel ist faul im Staat. Grundlose Sorge und Pessimismus sind inzwischen nur ein Teil der Probleme, die vor allem junge Menschen belasten. Dabei geht es weniger um die unsichere politische Weltlage als fast schon um eine Lähmung bei jeglichen Gedanken. Die Überforderung auf multiplen Gebieten ist so stark, dass einem Angst und Bange wird.

Das Deutschlandherz
Schauspiel Frankfurt
Rokhi Müller, Andreas Vögler
Foto: Robert Schittko

Und beim Thema Angst kommt das Horror-Genre ins Spiel. Es übt seinen ganz eigenen Reiz aus, aller Logik zum Trotz. Bonn Park greift in seiner Inszenierung Stilmittel davon auf und ermöglicht dadurch auch eine Nähe zu den Opfern, zu uns selbst. Auch wenn das Theater nicht die filmischen Möglichkeiten hat, Spannung und Furcht aufzubauen, ist seine Inszenierung spannend und unterhaltsam. Dafür sorgen zusätzlich prägnante Geräuscheinblendungen, dramatische Musik und ein ausgeklügeltes Lichtdesign (Licht: Valentin Wittig).

Nur fort von hier

Nachdem ein mit einer Decke umgebener Obdachloser (unheimlich: Andreas Vögler) aus seinem Nachtlager hervortritt, stellt er leise die Frage: „Wie geht’s?“ Im Publikum herrscht eine gewisse Irritation, ob geantwortet werden soll oder nicht. Er wiederholt seine Frage mehrfach, wird dabei immer lauter und rastet aus. Wie soll einer wie er darauf denn gescheit antworten?

Nach seinem Abgang tritt eine junge Frau in den Wartebereich (besonnen und reflektierend: Rokhi Müller), kurze Zeit später zwei Männer (brutal verängstigt: Steffen Link und verwegen: Mitja Over). Sie setzen sich auf eine Bank und kommen langsam ins Gespräch. Das auch mit der gegenseitigen Frage „Wie geht’s?“ beginnt (und jeweils zunächst pauschal beantwortet wird: „Muss ja“). Dann werden die Antworten ausführlicher: „Darüber will ich gar nicht nachdenken, darüber darf ich gar nicht nachdenken – Wenn ich es tue, dann sterbe ich. Wie soll es einem schon gehen in diesen Zeiten? Wenn es sonnig ist, denke ich an das schmelzende Eis, und wenn es friert, denke ich an Schneestürme im Mai. Wenn ich im Wald spazieren gehe, denke ich an Flammen, wenn ich Wasser sehe, denke ich an Wüsten und Durst …“

Das Trio will fort, fort aus diesem Land. Sie kennen das Gleis nicht und es kommt auch gar kein Zug. Ein Ticketkauf war im Vorfeld gescheitert. Nun sitzen sie ratlos da und sinnieren über das Leben, über das Land, wo so vieles nicht so ist, wie es sein sollte bzw. sein könnte. Vermeintliche Hilfe kommt von einem freundlichen Zugbegleiter (aufgeweckt und musikalisch: auch Andreas Vögler), doch Störgeräusche verhindern seine Mitteilungen.

Wir alle tragen den Keim des „Deutschlandherzens“ in uns

Beim Bühnenbild hat sich das Schauspiel Frankfurt nicht lumpen lassen. Der eingangs erwähnte Bahnhofswartebereich wurde aufwendig gestaltet, auch wenn er nicht gerade einladend ausschaut. Sein heruntergekommener Zustand mit verbretterten Türen, fahlen Wänden, unterschiedlichen Bodenfliesen und einer zugehängten Säule erinnert stark an reale Gegebenheiten.

Das Deutschlandherz
Schauspiel Frankfurt
Rokhi Müller, Mitja Over, Steffen Link
Foto: Robert Schittko

Der Wartebereich wirkt zudem nicht ganz normal. Die Richtungsschilder weisen auf die Gleise „2 ~ 3“ und „1 ~ 4 ~ 11“ hin, eine außergewöhnliche Anordnung. Die Bahnhofsuhr läuft erst zur Echtzeit mit, um dann etwas verlangsamt rückwärts zu laufen (Bühne und Kostüme: Sina Manthey).
Mit Rauch, Soundeffekten und musikalischen Einspielungen (Musik: Ben Roessler) entsteht eine dichte Atmosphäre. Zwischendurch ist hinter einer Milchglasscheibe eine Person zu sehen, die dann als bildgewordenes „Stadtbild“ die Szenerie durchschreitet (Ayman Ben Magahed).

Für die Männer endet der Abend zunächst tödlich, sie geben sich freiwillig dem Tod hin (bei dem fröhlich das Blut aus kleinen Ampullen spritzt) und werden mit Benzin übergossen. Während für die Frau dann doch tatsächlich ein Zug anzukommen scheint. Doch dazu kommt es nicht. Sie befreit eine Säule von dicken Plastikfolien, die in ihrer Form grob auf Deutschland anspielt und die ebenfalls von Schimmelpilzen und Geschwüren überzogen ist, die aber auch mit wachen Augen in die Welt blickt. Die wiederauferstandenen Männer sind nun auch voller Schimmelpilze und Geschwüre. Zum Schlussbild öffnet die Frau ihre Jacke und ihr funkelndes Herz ist ebenso infiziert: Wir alle tragen den Keim des „Deutschlandherzens“ in uns.

Intensiver und lang anhaltender Beifall.

Markus Gründig, Oktober 26


Das Deutschlandherz

Von: Bonn Park

Premiere / Uraufführung am Schauspiel Frankfurt: 2. Oktober 26 (Kammerspiele)

Regie: Bonn Park (* 1987)
Bühne & Kostüme: Sina Manthey
Musik: Ben Roessler
Dramaturgie: Katja Herlemann
Licht: Valentin Wittig

Mit: Steffen Link, Rokhi Müller, Mitja Over, Andreas Vögler und Ayman Ben Magahed (Statisterie)

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