»Così fan tutte« emotional am Staatstheater Wiesbaden

Cosi fan tutte ~  Staatstheater Wiesbaden ~ Dorabella (Camille Sherman), Fiordiligi (Lena Geiger), Foto: Max Borchardt

Kurz vor der Sommerpause präsentiert das Staatstheater Wiesbaden noch eine der beliebtesten Mozart-Opern: Così fan tutte. Dabei handelt es sich um eine Produktion der Opéra national de Lyon, die nur jetzt im Juni in Wiesbaden zu erleben ist.

Die Inszenierung der französischen Autorin und Regisseurin Marie-Ève Signeyrole hebt sich deutlich von anderen Inszenierungen ab.
Eine Besonderheit ist, dass bei jeder Vorstellung junge Paare (18 – 35 Jahre alt) die Möglichkeit haben, das Geschehen nicht nur als Publikum auf der Bühne zu erleben, sondern gleichzeitig als Statisten mitzuwirken (bei der besuchten Vorstellung waren es 12 Paare). Dabei sind sie nicht alleine, bis zu zwölf Statist:innen des Hauses mischen sich unter diese Gruppe (teils auch nackt). Eine Einweisung gibt es lediglich am Tag der Vorstellung. Anfangs in Alltagskleidung, tragen sie später weiße Kittel und festliche Abendkleidung. Die Eintrittskarten für dieses aktiv eingebundene Publikum gibt es zu einem absoluten Sonderpreis (10,00 €).
Eine andere Besonderheit ist, dass historisch dokumentierte Striche in der Partitur umgesetzt und einzelne Rezitative gekürzt wurden („Mozarts offene Partitur“). An ihre Stelle treten unbegleitete Anmerkungen Don Alfonsos mit inhaltlichen Bezügen.

„Così fan tutte“ im Kontext der Gegenwart

Klassische Stoffe in Kontexte der Gegenwart zu stellen, ist ein Markenzeichen von Marie-Ève Signeyrole. Così fan tutte verlegte sie vom Neapel des 18. Jahrhunderts in eine Kunsthochschule unserer Zeit. Hier wird nicht nur fleißig gemalt, hier treffen junge Menschen in einem Hörsaal, einem Studierendenwohnheim und in einem Duschsaal aufeinander (Bühnenbild: Fabien Teigné). Bei den jungen Leuten von heute herrscht eine andere Etikette als zu Zeiten von Mozart und seinem Librettisten Da Ponte. So gibt es schon zur Ouvertüre ein intensives „Miteinander“ zwischen den beiden Liebespaaren. Intellektuelle, künstlerische und sexuelle Freiheit wird an dieser Hochschule lebhaft praktiziert (ohne je anstößig zu sein).

Cosi fan tutte
Staatstheater Wiesbaden
Despina (Josefine Mindus) und Don Alfonso (Hovhannes Karapetyan)
Foto: Max Borchardt

Philosophieprofessor Don Alfonso startet ein auf sechs Tage angelegtes Experiment über Liebe, Treue und Beziehungen. Der Stücktitelnachsatz „La scuola degli amanti“ („Die Schule der Liebenden“) wird hier zum Programm. Dabei wird unmissverständlich deutlich gemacht, dass Treue/Untreue Frauen und Männer gleichermaßen betreffen („Così fan tutti“). Der im Hörsaal auf der Rückwand angebrachte Schriftzug „Mein Leben ~ Meine Wahl“ konterkariert die Annahme des Librettos, dass die Geschwister quasi nicht aus ihrer Haut können. Er steht für Selbstbestimmung und persönliche Entscheidungsfreiheit.

Zur Geltung kommt auch Marie-Ève Signeyroles filmische Bildsprache. Dezent eingesetzte Livebilder ermöglichen Nahaufnahmen der Protagonisten, wodurch deren Gefühlsleben visuell intensiviert dargestellt wird. Vorgefertigtes Videomaterial (wie eine dunkel gehaltene Fahrt durch eine Waldschneise) vermittelt deren Gemütszustand.

Eleganz und eine perfekte Balance

Während der 3,5-stündigen Aufführung (inklusive einer Pause) gibt es sehr viel zu sehen. Dennoch steht Mozarts einzigartige und zeitlose Musik im Mittelpunkt. GMD Leo McFall und das Hessische Staatsorchester Weiesbaden betonen deren Eleganz und behalten eine perfekte Balance zu den Stimmen. Die sich allesamt hören lassen können (bei gleichzeitiger starker szenischer Präsenz). Sopranistin Lena Geiger gibt die pflichterfüllte Fiordiligi mit stimmlicher Wärme und Ausdrucksstärke. Die gebürtige US-amerikanische Mezzosopranistin Camille Sherman gefällt als temperamentvolle Dorabella.
Mit seiner warmtönenden Tenorstimme nimmt der aus Südafrika stammende Katleho Mokhoabane sehr für sich ein (Ferrando). Der britische Bariton Jack Lee gibt mit viel Elan den Guglielmo.

Cosi fan tutte
Staatstheater Wiesbaden
v.l.n.r. Despina (Josefine Mindus), Guglielmo (Jack Lee), Dorabella (Camille Sherman), Fiordiligi (Lena Geiger), Ferrando (Katleho Mokhoabane)
Foto: Max Borchardt

Als relativ jung anmutender Philosophieprofessor Don Alfonso hat, wie oben erwähnt, Bass Hovhannes Karapetyan nicht nur zu singen, er spricht auch zwischen den sechs Prüfungen zu den Studierenden. Mit viel Spiellust trumpft Josefine Mindus als Despina auf, die hier Assistentin, kecke einäugige Ärztin und attraktive Notarin ist. Der von Aymeric Catalano einstudierte Chor des Staatstheaters Wiesbaden bringt sich ausdrucksstark ein. Zu sehen ist er dabei nicht, gesungen wird aus dem Orchestergraben.

Das Prüfungsergebnis hinsichtlich Treue und Beziehungsfähigkeit der Menschen ist, was nicht wirklich überrascht, ernüchternd. Der Schlussapplaus bei der besuchten zweiten Vorstellung war dafür umso euphorischer.

Es gibt noch lediglich drei Vorstellungen (am Di. 23, Do. 25. und Sa. 27. Juni 26). Für diese gilt „Hier ist Liebe doppelt schön“. Mit dem Code „Cosi 2 für 1“ gibt es ein Ticket kostenlos!

Markus Gründig, Juni 26


Così fan tutte

Dramma giocoso in zwei Akten

Von: Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791)
Libretto: Lorenzo Da Ponte
Uraufführung: 26. Januar 1790 (Wien, Burgtheater am Michaelerplatz)

Produktion der Opéra national de Lyon
Premiere an der Opéra national de Lyon: 14. Juni 25
Premiere am Staatstheater Wiesbaden: 17. Juni 26 (Großes Haus)
Besuchte Vorstellung: 19. Juni 26

Musikalische Leitung: Leo McFall
Inszenierung & Video: Marie-Ève Signeyrole
Regie-Associate: Marcin Łakomicki
Co-Videodesign: Ruth Tromboukis
Bühne & Kostüme: Fabien Teigné
Licht: Philippe Berthomé
Chor: Aymeric Catalano
Dramaturgie: Louis Geisler/Tal Soker
Vermittlung: Oliver Riedmüller
Intimitäts Koordinatorin: Magz Barrawasser
Abendspielleitung: Sergei Morozov/Max Nattkämper
Regieassistenz: Sergei Morozov/Katja Krüger/Max Nattkämper
Regiehospitanz: Anna Konvicka
Bühnenbildassistenz: Mascha Dilger
Kostümassistenz: Dongjin Park

Besetzung:

Fiordiligi: Lena Geiger
Dorabella: Camille Sherman
Guglielmo: Jack Lee
Ferrando: Katleho Mokhoabane
Despina: Josefine Mindus
Don Alfonso: Hovhannes Karapetyan
Zeichnerinnen: Candela Reynes Calle, Sofiya Usach, Dinda Puji Lestari, Stefanie Jung

Chor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden
Hessisches Staatsorchester Wiesbaden

Statisterie des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden

staatstheater-wiesbaden.de