
Die Oper Frankfurt ist immer wieder für eine Überraschung gut. Als erste Neuproduktion im Opernhaus zur neuen Spielzeit feierte jetzt Georg Friedrich Händels selten gespielte Oper „Ottone“ Premiere. Zu Händels Zeit war sie fast so populär wie seine Oper „Rinaldo“, heute gilt sie als Rarität.
Die niederländische Regisseurin Jetske Mijnssen gab damit ihr Frankfurt-Debüt. Die Überraschung ist nicht die selten gespielte Oper an sich, sondern die bezaubernde Umsetzung seitens Mijnssens und des Bühnen- und Kostümbildners Ben Baur. Eine solch konventionell-barocke Pracht gab es hier schon lange nicht mehr. Zuletzt wurden Klassiker wie „Die Zauberflöte“, „Madama Butterfly“ oder „Turandot“ in ein abstraktes und kühle Ambiente versetzt.
Barocke Atmosphäre
Die eigentlich im 10. Jahrhundert in Rom und Umgebung spielende Handlung wurde in einen barocken Palazzo des 18. Jahrhunderts transformiert, quasi in die Zeit der Entstehung. Fast wie ein Rondell angeordnet, gibt es drei farblich unterschiedene Räume, die von kleineren Zwischenräumen unterbrochen sind und mithilfe der Drehbühne wechselnd erscheinen. Wandkerzenhalter vermitteln eine stimmungsvolle und warme Atmosphäre. Durch zahlreiche Türen sind viele Möglichkeiten für Auf- und Abtritte gegeben. Für Opulenz sorgen die kunstvollen Reifkleider der Damen, mitsamt deren Haarstyles und Haarschmuck.
Konzentration auf das Gefühlsleben der Figuren
„Ottone“ nimmt lose Bezug zum römisch-deutschen Kaiser Otto II. (955 – 983) und der byzantinischen Prinzessin Theophanu. Deren Hochzeit besiegelte das Bündnis zwischen dem westlichen und dem byzantinischen Reich. In der fiktionalen Geschichte der Oper versucht die Intrigantin Gismonda, die Hochzeit zu verhindern. Sie will vielmehr, dass ihr Sohn Adelberto die Prinzessin zur Frau nimmt.

Oper Frankfurt
v.l.n.r. Ottone (Yuriy Mynenko) und Emireno (Jonas Müller; verdeckt) sowie Adelberto (Iurii Iushkevich) und Tänzer
© Xiomara Bender
Die Inszenierung von Jetske Mijnssen verzichtet weitestgehend auf die im Werk liegenden politischen Aspekte (und auf den Chor). Sie konzentriert sich ganz auf die Figuren und deren Gefühlsleben. Damit verhilft sie den Sänger:innen zu virtuosen Spitzenleistungen, die diese zur Freude des Publikums voller Innigkeit darbieten.
Eine Abfolge musikalischer Seelenporträts
Trotz viel Bewegung und zusätzlicher Unterstützung durch zwei Tänzer (Mirjam Motzke und Guillermo de la Chica López; Choreografie: Dustin Klein) ist die Oper an sich relativ handlungsarm. Dafür folgt ein Seelenporträt dem nächsten. Tiefe Männerstimmen sind dabei die Ausnahme. Einzig Bariton Jonas Müller kann als Korsar Emireno (eigentlich Basilio, der Bruder von Teofane) mit dunklem Timbre glänzen. Die Titelpartie des germanischen Königs gibt Countertenor Yuriy Mynenko. Für ihn ist die Partie, im Gegensatz zu den anderen Sänger:innen, kein Rollendebüt. Dem leidenschaftlichen Schmerz Ottones verleiht er einen intensiven Ausdruck. Als mit um die Gunst Teofanes wetteifernder Adelberto ist Countertenor Iurii Iushkevich mit glänzender Stimme zu erleben.

Oper Frankfurt
v.l.n.r. Ottone (Yuriy Mynenko) und Gismonda (Paula Murrihy) sowie Adelberto (Iurii Iushkevich) und Teofane (Monika Buczkowska-Ward)
© Xiomara Bender
Zunächst zurückhaltend, anmutig und von innen heraus strahlend ist Teofane, die Tochter des byzantinischen Kaisers Romano. Die Sopranistin Monika Buczkowska-Ward stellt deren zarte Verunsicherung überzeugend dar. Mezzosopranistin Paula Murrihy gibt eine facettenreiche Gismonda (Witwe Berengardios, des Herrschers von Italien). Mezzosopranistin Cecelia Hall rundet als Adelbertos Verlobte Matilda (und Cousine von Ottone) die Sängerriege ab. Stumm, aber dennoch sehr präsent ist Corinna Schnabel als am Geschehen teilhabende und es beobachtende Contessa.
Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester, gerade zum dritten Mal in Folge zum „Orchester des Jahres“ vom Fachmagazin Opernwelt ausgezeichnet, spielt bei „Ottone“ in schlanker Besetzung (erhöht positioniert und auf historischen Instrumenten in historischer Stimmung a′ = 415 Hz). Am Pult steht ein Spezialist für Barockmusik: Václav Luks. Er feierte in der vergangenen Spielzeit mit „Amor vien dal destino“ sein Debüt an der Oper Frankfurt. Hier sorgt er für eine Musik von großer Eleganz und melancholischer Schönheit.
Markus Gründig, Oktober 26
Ottone
Oper in drei Akten
Von: Georg Friedrich Händel
Text: Nicola Francesco Haym nach Stefano Benedetto Pallavicinis Libretto zu Antonio Lottis Oper „Teofane“
Uraufführung: 1723 (London, King’s Theatre – Haymarket)
Premiere an der Oper Frankfurt: 11. Oktober 26 (Opernhaus)
Musikalische Leitung: Václav Luks
Inszenierung: Jetske Mijnssen
Bühnenbild, Kostüme: Ben Baur
Choreografie: Dustin Klein
Licht: Jan Hartmann
Dramaturgie: Mareike Wink
Besetzung:
Ottone: Yuriy Mynenko
Teofane: Monika Buczkowska-Ward
Gismonda: Paula Murrihy
Adelberto: Iurii Iushkevich
Matilda: Cecelia Hall
Emireno: Jonas Müller
Tänzer: Mirjam Motzke / Guillermo de la Chica López
La Contessa: Corinna Schnabel
Festgesellschaft: Mirjam Motzke, Guillermo de la Chica Lopez, Lotte Bode
Priester: Micha Rudolph
Continuo:
Cembalo: Felice Venanzoni
Laute: Juan José Francion / Samuel Chapman
Violoncello: Johannes Oesterlee
Harfe: Johannna Seitz
Frankfurter Opern- und Museumsorchester
