Der Krieg in uns

Tancredi ~ Oper Frankfurt ~ Tancredi (Cláudia Ribas) ~ © Monika Rittershaus

Rossinis Melodramma eroico »Tancredi“ wieder an der Oper Frankfurt

Wie kaum ein anderer Komponist steht Gioachino Rossini für spritzige und humorvolle Opern. Dass er aber auch Opern mit ernsten Themen komponierte, ist vielen nicht bekannt. Hier leistete die Oper Frankfurt in der Vergangenheit schon mit zwei Inszenierungen wertvolle Aufklärungsarbeit: mit dem Belcanto-Drama „Bianca e Falliero“ im Februar 2022 und zuvor mit dem Beziehungs-Drama „Otello“ im September 2019. Mit der 1813 im Teatro La Fenice in Venedig uraufgeführten Heldenoper (Melodramma eroico) „Tancredi“ folgte zum Spielzeitende 2025/26 ein weiteres Werk, das Rossini von einer unbekannten Seite zeigt. Jetzt erfolgte dessen erste Wiederaufnahme.

Die auf Voltaires Drama „Tancrede“ beruhende Oper spielt im Jahr 1005 auf Siracusa (Syrakus auf Sizilien). Die Bewohner haben eine unbestimmte Angst vor den fremden Sarazenen (Menschen des Ostens, wie Araber, Berber oder Türken). Die Stimmung ist angespannt. Im Ort feiern die angefeindeten Familien von Argirio und Orbazzano Versöhnung und verbünden sich. Argirios Tochter Amenaide wird Orbazzano zugesprochen. Doch diese liebt den in Verbannung lebenden Tancredi. Die Tragödie nimmt ihren Lauf … Die Frankfurter Inszenierung spielt Rossinis zweite Fassung der Oper, die auf ein glückliches Ende („lieto fine“) verzichtet.

Warnung vor Autoritarismus

Regisseur Manuel Schmitt, er stellte sich in Frankfurt/M mit Benjamin Brittens Doppelabend „The Prodigal Son / The Burning Fiery Furnace“ im April 2023 vor, sieht in dem Drama deutliche Parallelen zur deutschen Gegenwart und eine bedrückende Aktualität. Reaktionäre Kräfte breiten sich aus, die Demokratie erodiert und der Rechtspopulismus erstarkt brutal. Ängste vor Ausweitung von Konflikten oder den moralischen Belastungen von Kriegen führen zu inneren Konflikten, zum Krieg in uns. Die unbestimmte und unbegründete Angst vor dem Fremden und die Warnung vor Autoritarismus sind Gegenstand seiner Inszenierung .

Der Anschein eines idyllischen Landlebens trügt

Da, wie nicht zuletzt jüngste Wahlergebnisse zeigten, insbesondere in ländlichen Gebieten mit nur sehr geringem Anteil an Migranten die Angst vor Bedrohungen besonders hoch ist, verordnete er das Geschehen in ein schmuckloses deutsches Vereinsheim an einem Dorfrand. Die Bühne ist in Schwarz gehüllt. Wie es generell scheint, ist selbst am Tage Nacht, denn wirklich hell und freundlich wird es nie. Dazu wirken die Außenwände der hölzernen Baracke wie verkohlt. Das Dekret, das jegliche Kontakte zu den Sarazenen unter Strafe stellt, hängt für alle Dorfbewohner sichtbar an der Wand. Im Außenbereich gibt es Realitätspartikel wie Strohballen, Leitungen zu einem unterirdischen Gülletank und Wasserfasswagen.

Tancredi
Oper Frankfurt
Argirio (Theo Lebow; links) und Ensemble
© Monika Rittershaus

Im zweiten Akt wird deutlich, dass inzwischen eine Transformation stattgefunden hat und reaktionäre Kräfte die Oberhand gewonnen haben. Das Vereinsheim wird nicht nur leergeräumt, es prangt auch ein „Fede e Onore“ (Glaube und Ehre)-Emblem an der Rückwand. „Fede e Onore“ sind Teile des Leitmotivs der Oper („Pace – onore – fede – amore“ („Frieden – Ehre – Glaube – Liebe“). Hier wurden sie mit einem Armbrust-Symbol (Bild für die Gewaltbereitschaft) zum Emblem der sich radikalisierenden Dorfgemeinschaft verbunden. Wimpel in blauer Farbe ergänzen die neue Ausrichtung (und deuten nicht unzufällig auf eine rechte Partei Deutschlands hin). Der Außenbereich bekommt mit drei Hochsitzen und Zaunanlagen fast schon militärische Züge.

Als besonderer Regieeinfall erscheinen die Sarazenen hier als stumme Strohfiguren. Sie sind anwesend, aber es ist natürlich klar, dass von ihnen keinerlei Gefahr ausgeht. Dennoch werden sie gewissermaßen zu Zielobjekten. Ein weiterer Regieeinfall sind zwei Boxkämpfer, die die Gewaltbereitschaft im Dorf plastisch vor Augen führen. Die gesamte Szenerie ist weiß eingerahmt, wodurch der fragmentarische Charakter untermauert wird (Bühnenbild: Bernhard Siegl).

Vielfalt, die demokratische Diskurse, Perspektiven und Innovationen fördert, gibt es in dieser Dorfgemeinschaft nicht. Das zeigt sich auch äußerlich im tristen Grau der Kleidung, das mit Blautönen und Camouflage bei den Hautfiguren ergänzt wird (Kostüme: Raphaela Rose).

Die Musik spricht unverkennbar Rossinis virtuose Sprache

Die Besetzung der Wiederaufnahmeserie gleicht fast vollständig der Premierenserie. Mit Daniela Zib vom Opernstudio ist lediglich die Partie der Loredana neu besetzt (anstelle von Clara Kim). Loredana erhöht den Frauenanteil in dieser Männerdomäne. Eigentlich steht hinter dieser Partie Roggiero, der Assistent (Knappe) von Tankredi.

Tancredi
Oper Frankfurt
Tancredi (Cláudia Ribas)
© Monika Rittershaus

In der Titelpartie ist Mezzosopranistin Claudia Ribas zu erleben. Zur Zeit von Rossini war es noch gängige Praxis, Rollen mit Kastraten, also hohen Stimmen, zu besetzen. Hier ist die Figur eher nonbinär angelegt. Es geht um die Liebe und die Zweifel daran, weniger um eine Zuordnung nach Geschlecht. Tancredi kämpft um sein Leben für Amenaide, auch wenn er an ihrer Liebe zu ihm zweifelt. Claudia Ribas besticht mit ausdrucksstarkem Gesang. Fesselnd ist das Ende, wenn Tancredi die Welt bereits von oben herab sieht und mit sanften und leisen Tönen fast ohne Orchesterbegleitung seinen Verletzungen erliegt.

Die Partie der Amenaide ist mit Bianca Tognocchi besetzt. Krankheitsbedingt sprang bei der Wiederaufnahmepremiere kurzfristig die italienische Sopranistin Giuliana Gianfaldoni ein. Es ist bemerkenswert, wie gut sie sich bei ihrem Debüt an der Oper Frankfurt innerhalb kurzer Zeit szenisch in die Inszenierung einarbeitete (szenische Leitung der Wiederaufnahme: Silvia Gatto). Sie glänzte mit einer temperamentvollen Ausstrahlung und stupender Koloratur-Technik.

Tenor Theo Lebow gibt den strengen und unnachgiebigen Vater Argirio mit durchschlagskräftiger Stimme. Bass Kihwan Sim kann als Hardliner Orbazzano auch vokal auftrumpfen. Mezzosopranistin Ruby Dibble, ebenfalls Stipendiatin vom Opernstudio, gibt Amenaides einfühlsame Freundin und Gehilfin Isaura.

Die Stärke zeigenden Chorherren der Oper Frankfurt wurden von Giulio Ferré, dem stellvertretenden Chordirektor, einstudiert. Führt die Oper „Tancredi“ auch eine andere Seite von Rossini vor, spricht die Musik doch unverkennbar seine virtuose Sprache. Melodischer Reichtum und die Schönheit des Gesangs stehen auch hier im Mittelpunkt, auch wenn sie mitunter in einen dramatischen und melancholischen Zusammenhang gebracht wurden (Ausführliches zur Musik in „Tancredi“ findet sich im Essay „Das Genie in seiner ganzen Naivität“ von Wolfgang Fuhrmann im Programmheft). Der erfahrene italienische Dirigent Giuliano Carella leitet das Frankfurter Opern- und Museumsorchester temperamentvoll (mit Takeshi Moriuchi am Hammerklavier).

Am Ende lang anhaltende und intensive Beifallsbekundungen mit stehenden Ovationen. Weitere Vorstellungen: 23., 25., 31. Oktober und 4. November 26

Markus Gründig, Oktober 26


Tancredi

Melodramma eroico in zwei Akten
Von: Gioachino Rossini (1792 – 1868)
Text von: Gaetano Rossi nach Voltaire
Uraufführung: 6. Februar 1813 (Venedig, Teatro La Fenice)

Premiere: 7. Juni 26 (Opernhaus)
1. Wiederaufnahme: Freitag, 16. Oktober 26 (Opernhaus)

Musikalische Leitung: Giuliano Carella
Inszenierung: Manuel Schmitt
Szenische Leitung der Wiederaufnahme: Silvia Gatto
Bühnenbild: Bernhard Siegl
Kostüme: Raphaela Rose
Licht: Joachim Klein
Chor: Giulio Ferré
Dramaturgie: Konrad Kuhn

Besetzung:

Argirio: Theo Lebow
Amenaide: Giuliana Gianfaldoni (17.10.26) / Bianca Tognocchi
Orbazzano: Kihwan Sim
Tancredi: Cláudia Ribas
Isaura: Ruby Dibble°
Loredana: Daniela Zib° (Juni: Clara Kim)

Chor der Oper Frankfurt
Frankfurter Opern- und Museumsorchester


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