Anda Kreyezius »TILDE [~]« eröffnete das 4. F°LAB Festival

TILDE [~] ~ Anda Kryeziu ~ © Kantatach Kijtikhun

Noch bis zum 16. Oktober 24 findet das vierte F°LAB Festival for Performing Arts in Frankfurt/M statt. Dahinter stehen die Dresden Frankfurt Dance Company, das Künstler*innenhaus Mousonturm, das Ensemble Modern, die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst und die Hessische Theaterakademie. Seit 15 Jahren arbeiten sie im F°LAB zusammen.

Das versteht sich als Produktions- und Aufführungsort für zeitgenössische darstellende Kunst und Musik. Es ist bestrebt, das Arbeiten von international renommierten Ensembles mit der Förderung des künstlerischen Nachwuchses zu verknüpfen. Tanz, Choreografie, Performance, Theater und Musik sollen in einen produktiven Austausch gebracht werden. Als „ein gelungenes Beispiel für Kooperationsgeist und effiziente Ressourcennutzung in Frankfurt und dem Rhein-Main-Gebiet“ wurde das F°LAB in der Frankfurter Paulskirche im Sommer 2024 mit dem Binding Kulturpreis ausgezeichnet.

Bereits am Donnerstag (10.10.24) eröffnete die Dresden Frankfurt Dance Company das F°LAB Festival for Performing Arts im Bockenheimer Depot (mit dem Tanzstück Join). Die offizielle Eröffnung erfolgte einen Tag später im F°LAB (Schmidtstraße 12). Hierzu begrüßten Dr. Philipp Schulte (F°LAB Vorsitzender und Geschäftsführer der Hessischen Theaterakademie) und Christian Fausch (F°LAB stellvertretender Vorsitzender und Künstlerisches Management und Geschäftsführung Ensemble Modern) die Gäste.

Grußworte sprachen Frau Dr. Ina Hartwig (Dezernentin für Kultur und Wissenschaft der Stadt Frankfurt) und Frau Dr.Julia Kloot (Künstlerische Leiterin des Kulturfonds Frankfurt RheinMain). Jenny Flügge (Projektleiterin F°LAB) gab einen kurzen Überblick über das Festivalprogramm.

Immersives Erlebnis

Nach den gesprochenen Worte konnte, ja musste das Publikum die Sitzplätze auf der Tribüne verlassen und durfte sich auf die Bühne, die freie Fläche davor, begeben (die Tribüne wurde dann mit einem Vorhang verdeckt). Denn das ist das Besondere an der rund 50-minütigen Konzertinstallation TILDE [~]. Sie will unmittelbar erlebt werden. Als immersives Format für Ensemble, Licht, Video und Objekte. Das Publikum kann dabei stehen, umherlaufen, sich auf den Boden setzen oder sich auch einfach hinlegen, um sich der Musik, den Klangeindrücken hinzugeben und über projizierte Texte zu reflektieren.

In der Mitte des Raums ein Podest mit zwei Musikern mit Schlagwerk (wie eine Waschmaschinentrommel, eine Kohlenschütte oder ein CD-Ständer). Darum herum sechs einzelne Plätze für weitere Musiker. An den Stirnwänden jeweils große Leinwände. Der Raum ist dunkel, aber nie total. Die Musiker sind in Lichtspots gesetzt, die auf die Musik abgestimmt erleuchten.

Die Musiker gehören zum Ensemble Modern. An den Stirnseiten stehen an Pulten Anda Kryeziu (Live-Elektronik) und Lukas Nowok (Klangregie).

Das Ensemble Modern ist seit mehreren Jahren damit beschäftigt, sein eigenes Archiv zu erstellen, immerhin besteht es schon seit 40 Jahren. Da hat sich einiges angesammelt. In diesem Zusammenhang wurden vier internationale und aus verschiedenen Bereichen stammende Künstler:innen eingeladen, sich mit dem Archivmaterial zu beschäftigen und daraus neue Projekte zu entwickeln. So entstand auch die im vergangenen Jahr in Darmstadt uraufgeführte Konzertinstallation TILDE [~] von Anda Kryeziu. Darin setzt sie sich mit dem Thema der Archivierung als künstlerische Praxis und dem kollektiven Gedächtnis im digitalen Zeitalter auseinander. Tilde als Bild für das Archivieren, weniger institutionell als individuell und als Versuch, den Moment festzuhalten.

Zum großen Ganzen

Die 1993 im Kosovo geborene Komponistin Anda Kryeziu stellt mit dem Thema der Archivierung Fragen zum kollektiven Gedächtnis im digitalen Zeitalter. Denn heute ist jeder Archivar, nicht zuletzt dank PC´s, Handys und der Cloud-Angebote. Die während der Konzertinstallation projizierten Texte (Gedankensplitter, Kommentare; nur auf englisch) bieten vielfältige Ansatzpunkte und Ideen. Am eindrucksvollsten ist jedoch die Musik. Zunächst sind es kurze Töne, die erklingen, so als würde jedes Instrument seinen eigenen Bezug zu „~“ suchen. Und es sind sehr unterschiedliche Töne. Nicht nur die von so selten zu hörenden Instrumenten wie einer Kontrabassklarinette oder einem Kontraforte. Wie klingt Schall, wenn er auf die Haut trifft? Hierzu halten sich die Musiker besondere Mikrophone an die Wangen. Die Töne verdichten sich zunehmend, die einzelnen Instrumente sind wie in einen Dialog miteinander verbunden und steigern sich zu einem großen Ganzen.

Zusätzlich stehen sechs Konuslautsprecher im Raum. Ihre Mitte ist mit Wasser gefüllt. Ein Sinuston auf 7 Hz (für das menschliche Ohr nicht hörbar) bringt das Wasser auf der Membran wie zum Sprudeln. Nach 50 Minuten gebannten Zuhörens viel Applaus.

Markus Gründig, Oktober 24


TILDE [~]

Konzertinstallation für Ensemble, Elektronik, Lícht, Video und Objekte
Von: Anda Kryeziu
Uraufführung: 12. August 2023 (Darmstadt, Centralstatíon ~ Halle)

Premiere im Rahmen des F°LAB Festival for Performing Arts: 11. Oktober 24 (Frankfurt LAB)

Live-Elektronik: Anda Kryezíu

Ensemble Modern:
Klarinette, Kontrabassklarinette: Jaan Bossier
Fagott, Kontraforte: Johannes Schwarz
Schlagzeug: David Haller
Schlagzeug: Rainer Römer
Elektrische Gitarre: Steffen Ahrens
Elektrische Gitarre: Alexey Potapov
E-VioIine: Jagdish Místry
E-Kontrabass: Paul Cannon
Klangregie: Lukas Nowok

flabfestival.com