»Hoffmanns Erzählungen« am Staatstheater Wiesbaden inszeniert von Dennis Krauß

Hoffmanns Erzählungen ~ Staatstheater Wiesbaden ~  vorne: Hoffmann (Oreste Cosimo), im Hintergrund: Hermann (Benjamin Gautier), Nathanaël (Sascha Zarrabi), Chor und Extrachor ~ Foto: Lukas Anton

Am heutigen Sonntag wurden in Berlin die diesjährigen „Opus Klassik“ Preise der deutschen Musikindustrie verliehen. Die im ZDF übertragene Verleihung ist die medial stärkste Auszeichnung im Bereich der klassischen Musik in Deutschland. Für Nachwuchssänger:innen hingegen ist der am Freitag beendete internationale Gesangswettbewerb „Neue Stimmen“ von großer Bedeutung. Daneben gibt es zahlreiche weitere Wettbewerbe.

Zu den weniger bekannten zählt der „Europäische Opernregie-Preis“. Er ist der weltweit einzige große internationale Wettbewerb für junge Nachwuchs-Opernregisseurinnen und -regisseure. Im Jahr 2000 vom Wiesbadener Verein Camerata Nuova e. V. initiiert, findet er im Zweijahresrhythmus in Kooperation mit Opera Europa statt. Thema der 2025er Ausgabe war Jacques Offenbachs Opéra fantastique „Hoffmanns Erzählungen“. Mit seinem Regiekonzept gewann ihn Dennis Krauß. Damit verbunden war eine Realisierung im Großen Haus des kooperierenden Staatstheaters Wiesbaden, die jetzt Premiere feierte.

„Dennis Krauß hat wirklich alle Komponenten, die wir gesucht haben: Kreativität, ein farbenfrohes Projekt und großes Talent für die Proben mit den Sänger*innen!“
Jury-Vorsitzende Barbara Minghetti

In 2025 wurde Krauß zudem mit dem Deutschen Theaterpreis „Der Faust“ in der Kategorie Regie Musiktheater geehrt (für »Sleepless« in Die Theater Chemnitz).

Welchen Herausforderungen begegnen Kunstschaffende heute?

Dennis Krauß´ Umsetzung von „Hoffmanns Erzählungen“ ist klassisch gehalten. Die familienfreundliche Inszenierung könnte in jedem Opernhaus der Welt gespielt werden, denn er verzichtete auf eine radikale Neuinterpretation. Hier zeichnet er nicht nur als Regisseur verantwortlich, sondern auch für Bühne und Kostüme.

Hoffmanns Erzählungen
Staatstheater Wiesbaden
Olympia (Sophia Theodorides), Hoffmann (Oreste Cosimo)
Foto: Lukas Anton

Die Geschichte des in Liebesdingen erfolglosen Dichters Hoffmann verlegte er in eine bunte, farbintensive Zirkuswelt. Die Anfangs- und Schlussakte spielen jeweils vor einem Zirkuszelt in der Gegenwart (mitsamt Ticket-Box und Imbisswagen), die Akte 2 bis 4 innerhalb des Zirkuszelts zur Zeit der Belle Époque. Dabei gibt es für jeden der Akte eigene Setzungen: drei Schauhäuschen für den Olympia-Akt, eine Wohnstube für den Antonia-Akt und ein Zauber-Kabinett für den Giulietta-Akt (u. a. mit einem Messerwerfer und einer „Zerteilte Jungfrau“-Kiste).
Großflächige herabhängende Eisenfachwerkfragmente lassen eine Nähe zum Pariser Eiffelturm aufkommen, zu der Stadt, in der Jacques Offenbach lange lebte und in der diese Oper uraufgeführt wurde.

Hoffmanns Erzählungen
Staatstheater Wiesbaden
Antonia (Sarah Yang)
Foto: Lukas Anton

Zu Beginn sitzt Hoffmann am Rand des Zirkusgeländes und bietet sich für kleines Geld als Autor für Gedichte an („Give me three words, and I’ll write a poem!“). Damit kommt er beim Zirkus-Publikum überhaupt nicht an, er wird sogar verspottet. Das Streben nach Anerkennung als Künstler treibt ihn aber beharrlich an. Aufgeben ist keine Option für ihn. Für Krauß ist es eine Auseinandersetzung um die Frage, welchen Herausforderungen Kunstschaffende heute im Zeitalter von Künstlicher Intelligenz begegnen (der allerdings nicht tiefer nachgegangen wird).

Oreste Cosimo in der Titelpartie

Die stimmungsvolle Barcarole „Belle nuit, ô nuit d’amour“ zu Beginn des vierten Akts ist zweifelsohne die bekannteste Melodie der Oper. Dazu gibt es zahlreiche weitere gesangliche Highlights, die hier allesamt großartig dargeboten werden (und stets für einen Zwischenapplaus sorgen). In der anspruchsvollen Titelpartie trumpft Tenor Oreste Cosimo stimmlich und darstellerisch agil und ausdrucksstark auf. Bei dem Sänger-Darsteller zeigt sich Krauß´ körperlich-choreografischer Inszenierungsstil am deutlichsten.

Hoffmanns Erzählungen
Staatstheater Wiesbaden
Hoffmann (Oreste Cosimo) und Giulietta (Camille Sherman)
Foto: Lukas Anton

Die drei Traumfrauen Hoffmanns gefallen mit ihrem rollengemäßen Profil. Sopranistin Sophia Theodorides begeistert als Automat Olympia mit Koloraturen („Les oiseaux dans la charmille“), auch wenn sie diese innerhalb einer Vitrine geben muss. Sopranistin Sarah Yang ist eine sehr vital wirkende Sängerin Antonia und Sopranistin Camille Sherman eine attraktive Kurtisane Giulietta.

Gewandt ist Mezzosopranistin Fleuranne Brockway als La Muse/Nicklausse. Bass Hovhannes Karapetyan ist in allen vier Bösewicht-Rollen zu erleben: als Konkurrent Lindorf, Erfinder Coppélius, unheimlicher Dr. Miracle und Zuhälter Dapertutto. Bass Fabian-Jakob Balkhausen gibt sich zunächst als lässiger Verkäufer im Imbisswagen, sodann markant den Wirt Maître Luther und den besorgten Vater Crespel. Tenor Sascha Zarrabi ist der Student Nathanaël und der größenwahnsinnige Erfinder Spalanzani.

Hoffmanns Erzählungen
Staatstheater Wiesbaden
Dapertutto (Hovhannes Karapetyan) und Artistin (Julia Kraus)
Foto: Lukas Anton

Neben den weiteren Sänger:innen Vuyisa Xipu, Benjamin Gautier, Silvia Hauer, Molly Ryan, Yoontaek Rhim und Petro-Pavlo Tkalenko wartet diese Inszenierung auch mit zwei echten Artisten auf. Julia Kraus kann nicht nur Flick-Flacks, sie kann auch im Einarmhandstand noch einen Spagat hinlegen und sich dabei drehen. Sven Samstag ist als Feuerschlucker zu erleben.

Mit viel Elan sind Chor und Extrachor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden beteiligt (Chor: Aymeric Catalano). Am Pult des Hessischen Staatsorchesters Wiesbaden lässt Paul Taubitz die romantisch-verführerische Musik Offenbachs plastisch spielen.

Am Ende hat sich das Blatt für Hoffmann gewandelt. Nun kommen die Massen zu ihm und beauftragen ihn mit dem Verfassen von Gedichten, die auch freudig in sozialen Medien geteilt werden.
Langanhaltende, lautstarke Beifallsbekundungen, auch für das Regieteam.

Markus Gründig, Oktober 26


Hoffmanns Erzählungen

Opéra fantastique

Von:
Jacques Offenbach (1819 – 1880)
Libretto: Jules Barbier
Uraufführung: 10. Februar 1881 (Paris, Opéra-Comique)

Premiere am Staatstheater Wiesbaden: 10. Oktober 26 (Großes Haus)

Musikalische Leitung: Paul Taubitz
Inszenierung, Bühne & Kostüme: Dennis Krauß
Choreografie & Mitarbeit Regie: Gal Fefferman
Mitarbeit Kostüm: Annika Kuchnowski
Licht: Oliver Porst
Chor: Aymeric Catalano
Dramaturgie: Hanna Kneißler, Friederike Pank

Besetzung:

Hoffmann: Oreste Cosimo
Lindorf / Coppélius / Dr. Miracle / Dapertutto: Hovhannes Karapetyan
La Muse / Nicklausse: Fleuranne Brockway
Olympia: Sophia Theodorides
Antonia: Sarah Yang
Giulietta: Camille Sherman
Crespel / Maître Luther: Fabian-Jakob Balkhausen
Spalanzani / Nathanaël: Sascha Zarrabi
Andrès / Cochenille / Frantz / Pitichinaccio: Vuyisa Xipu
Peter Schlémil / Hermann: Benjamin Gautier
Stimme der Mutter: Silvia Hauer
Stella: Molly Ryan
Wilhelm: Yoontaek Rhim
Wachtmeister: Petro-Pavlo Tkalenko
Artistik: Julia Kraus, Sven Samstag

Chor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden
Extrachor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden
Hessisches Staatsorchester Wiesbaden


staatstheater-wiesbaden.de