Uraufführung von »Winterreise« von Augst & Daemgen am 20. April 2021 im Frankfurter Gallus Theater

Oliver Augst (rechts) und Marcel Daemgen (links) (Foto: W. Günzel)

Winterreise ist die sechste Koproduktion von Oliver Augst & Marcel Daemgen mit dem Kölner Deutschlandfunk. Seit fast 20 Jahren besichtigen sie deutsches Liedgut mit innovativen Augen und Ohren. Auf allen ihren Platten klopfen sie mit musikalischen Mitteln etwas frei, das schon vorhanden, aber bislang kaum wahrnehmbar war und erst in heutigen Kontexten zutage zu treten vermag. Im Vergleich zu den Produktionen „An den deutschen Mond”, „Marx”, „Jugend”, „Arbeit Fassbinder Raben” und „Dein Lied” scheint die „Winterreise” radikaler als alles zuvor – weil diese Produktion viel tiefer als nur ins Politische, Ideologische greift! Auch Vergegenwärtigungen anderer Komponisten – Reiner Bredemeyer, Mike Svoboda, Hans Zender – beanspruchten dies für sich. Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass Augst & Daemgens elektroakustischer Kontrapunkt kein lediglich musikalischer ist, sondern vor allem inhaltlich ganz neue Horizonte aufstößt. Die Zeit wird kommen, hat der amerikanische Philosoph Timothy Morton vor einigen Jahren gesagt, wo wir uns bei jedem Werk die Frage stellen müssen: Was sagt es über die Umwelt aus?

Dieses akustische Hörtheater von Augst & Daemgen ist absolut auf der Höhe unserer bedrohlich-fahrlässigen Zeit. (Frank Kämpfer, DLF)

Augst & Daemgens Winterreise legt die offensichtliche Aktualität der nun ziemlich genau 200 Jahre alten Texte Wilhelm Müllers frei. Sie spüren seinen tiefgründigen, bewegenden gesellschaftskritischen Gedanken nach und machen diese im Hinblick auf seine tatsächlich erlebte Fluchterfahrung unter heutigen Gesichtspunkten nachvollziehbar und setzen sie in Bezug zur Realität aktueller Migrationsbewegungen einer scheinbar aus den Fugen geratenen brüchigen Weltordnung mit Blick auf die Konsequenzen und Utopien für Europa.

Materialien sind 24 Texte, die – angelehnt an die berühmten Liedkompositionen Franz Schuberts – in elektroakustischer Form mit Gesang und Sprache live neu interpretiert werden. Das Instrumentarium setzt sich aus elektronischen Klangerzeugern, Drums, Turntables und – als Verweis zur romantisch-klassischen Musiktradition – einem Streichquartett zusammen.

Winterreise

Hörtheater für das Anthropozän
Von:
Augst & Daemgen
Mit Texten von: Wilhelm Müller
Nach Musik von: Franz Schubert

Turntables: Julia Bünnagel
Schlagzeug: Jörg Fischer
Streichquartett: Rebecca Raimondi (1. Geige), Hanna Bruchholz (2. Geige), Johannes Warnat (Bratsche), Sylvia Demgenski (Cello)
Musikalische Leitung, Arrangements und Live-Elektronik: Marcel Daemgen
Stimme: Oliver Augst
Realisierung für Streichquartett: Jonathan Granzow

Rahlwespietz: Grafik
Sehstern Filmproduktion: filmische Begleitung, Videotrailer
Julian Pauli: Fotografie
Greta Katharina Klein: Assistenz
Lisa Mayerhöfer: Social Media

Uraufführung: 20.4.2021 (weitere Aufführungen am 21. und 22.4.; ggf. als Live-Stream)
Gallus Theater Frankfurt
textXTND: Produktion in Koproduktion mit dem Deutschlandfunk Köln

Gefördert durch das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst, das Kulturamt der Stadt Frankfurt sowie durch ein Projektstipendium im Rahmen des Förderprogrammes “Hessen kulturell neu eröffnen” und Aventis Foundation, Förderreihe “Klangwert”. textXTND wird im Rahmen einer Mehrjahresförderung des Kulturamts der Stadt Frankfurt am Main unterstützt. Projektträger: ViV-International e.V.

CD-Bestellung und weitere Informationen: textxtnd.de

Weitere Informationen:

Vorbemerkungen / Inhalt / Material
Form / Raum
Hintergrund / Wilhelm Müller
Flucht
Musikalische Umsetzung
Über Augst & Daemgen

Vorbemerkungen

Als Wilhelm Müller vor ziemlich genau 200 Jahren die Gedichte zur WINTERREISE schrieb (damals genannt “Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten”) ahnte er nicht, dass sie bald darauf in die Hände von Franz Schubert gelangen und zu einem der berühmtesten Liederzyklen der Musikgeschichte werden würden.

Wilhelm Müller und Franz Schubert haben sich nie kennengelernt, Müller hatte niemals die Musik zu seinen Texten zu hören bekommen, geschweige denn den Ruhm erfahren, der ihm eigentlich gebührte … (Urheberrechte? … gab es damals nicht).
Heute ist Wilhelm Müller weitgehend vergessen, obwohl er unabhängig von den Texten zur WINTERREISE und “Zur schönen Müllerin” mit seinen teils bissigen Satiren gegen das herrschende System zu seiner Zeit sehr populär war. Er verfügte damals schon über eine quasi europäische Vision und setzte sich u.a. für den Unabhängigkeitskampf der Griechen gegen die türkische Besatzung ein.

Augst & Daemgen wollen den Autoren Wilhelm Müller in den Fokus ihrer WINTERREISE setzen, seinen tiefgründigen, bewegenden gesellschaftskritischen Gedanken nachspüren und im Hinblick auf seine in Jugendjahren tatsächlich durchlebte Flucht unter heutigen Gesichtspunkten nachvollziehbar machen und in Bezug setzen zur Realität aktueller Migrationsbewegungen einer scheinbar aus den Fugen geratenen brüchigen Weltordnung mit Blick auf die Konsequenzen und Utopien für Europa.

Denn wir lernen von Größen wie Wilhelm Müller, dass auch dies die Aufgabe von Kunst ist, damals wie heute: Empathie für die Verfolgten und Flüchtenden zu erzeugen, um deren Not zu lindern und gleichzeitig Kritik an herrschenden ungerechten Systemen zu formulieren. Und über die Begrenzungen des eigenen Landes hinaus wahrhaft europäisch zu denken und zu handeln.

Wilhelm Müllers WINTERREISE wird bestimmt von dem Grundgefühl der Moderne, die Unbehaustheit des Menschen in einer erkalteten Welt. Erika von Borries

Inhalt

Ausgehend von dem Liederzyklus WINTERREISE erarbeiten Augst & Daemgen ein Musiktheater, welches die offensichtliche Aktualität der Texte Wilhelm Müllers freilegt, in denen ein Flüchtender nicht – wie im romantischen Sinne als Wanderer – durch idyllische Naturlandschaften, sondern durch das Labyrinth einer globalisierten modernen Welt irrt. Der “Winterreisende” stellt dabei nicht nur den jungen Menschen auf der Suche nach Schutz vor Krieg, Armut und Ausbeutung dar, sondern auch den, der im immer dichter gewobenen technokratischen Netz einen Ausweg nach Empathie und Menschlichkeit sucht.

Material

Materialien sind zunächst die 24 Texte von Wilhelm Müller. Diese werden angelehnt an die Liedkompositionen Franz Schuberts in elektroakustischer Form mit Gesang live neu interpretiert. Das Live-Instrumentarium setzt sich aus elektronischen Klangerzeugern, einem Schlagzeug, E-Gitarre, Turntables und – als Verweis zur romantisch-klassischen Musiktradition – einem Streichquartett zusammen. Ausgangsmaterial für die musikalische Interpretation sind die Neubearbeitungen von Oliver Augst und Marcel Daemgen, die Anfang 2020 auf der CD WINTERREISE von Deutschlandfunk in Köln veröffentlicht worden sind.

Anzuhören auf YouTube: youtube.com

Form

Die Elemente dieses Hörtheaters sind in erster Linie Sprache und elektronische Klangerzeuger. Loops und Gesten. Das Hörtheater möchte als Ort der Freiheit Utopien von Wahrnehmung und Erleben in der Zeit simulieren.

Die Aufführung wird für eine geräumige weitgehend leere Theaterbühne konzipiert, auf der Elektronik, E-Gitarre, Turntables und Streichquartett, Technik, Kabel, Klang-Maschinen und Mikrophone etc. als Orchester ausgestellt sind.

Die Bühne selbst wird nicht von Kulissen verstellt, sondern für sich als großer Körper „leer“ erfahrbar bleiben, als Aufführungsort, als Imaginationsfläche für die „Wanderschaft“ des Flüchtenden in einem Europa, das sich als Idee erst noch erfüllen und behaupten muss.

Dieses akustische Hörtheater ist absolut auf der Höhe unserer bedrohlich-fahrlässigen Zeit. Frank Kämpfer, DLF

Raum

Der Raum soll wie eine Arbeits- und Werkstattsituation aussehen.Rückwand und Seiten: Neonlicht, vom Lichtpult aus zu steuern, dimmbar.

Für die Bühnenraumgestaltung werden Fragen von bewusster Nichtgestaltung, das Beobachten und der Einsatz bzw. das Benutzen vorgefundener raumspezifischer Beschaffen- und Besonderheiten, künstliches aber auch natürliches vorgefundenes Licht, minimale Eingriffe in die gegebene Raum-Architektur Ausgangspunkt und Gegenstand
der bildnerischen Arbeit sein, deren Gestaltungszentrum die “Werkbänke”, die Schreib, Sprach- oder Arbeitsplätze der Darsteller sind: Sprecherinnen, Akteure, Musiker und deren komplexe Audio-Verkabelungen miteinander, Mikrophone, Soundprozessoren, Musikinstrumente, Papierstapel, Noten, Texte, Trinkgläser, Wasserflaschen usw. Diese funktionalen Werkstätten samt ihrer Bediener/Arbeiter als Objekte sollen quasi als “ready mades” hell ausgeleuchtet ausgestellt werden.

Hintergrund

Schuberts/Müllers WINTERREISE ist der wohl meist aufgeführte Liederzyklus aller Zeiten und das nicht nur hier zu Lande, er ist als europäisches Top-Exportprodukt in die Konzertsäle aller Welt eingezogen.

Die WINTERREISE ist das erste und großartigste Konzeptalbum der Musikgeschichte. Ian Bostridge

Jedoch geriet die zugrunde liegende Lyrik Wilhelm Müllers in den letzten 200 Jahren beinahe in Vergessenheit. Franz Schubert, ähnlich sensibel und politisch vom herrschenden System enttäuscht, fühlte sich angesprochen auch von der bitteren Ironie in Müllers Versen, die ihn zu einem seiner besonders vollendeten Liederzyklen inspirierten. Je begeisterter Schuberts Kompositionen Verbreitung fanden, desto mehr verloren die Gedichte ihr Eigenleben, und der Name ihres Schöpfers wurde schließlich (fast) vergessen. Wenn Wilhelm Müller heute in Besprechungen von Schubertschen Liederabenden oder Aufnahmen der WINTERREISE nicht einmal mehr erwähnt wird, erscheint dies gerade dazu aufzufordern, an diesem Umstand etwas zu ändern. Sind es doch gerade die Texte, die für sich alleine stehend auch ohne Musik nichts an ihrer Aussagekraft einbüßen.

Die in Müllers WINTERREISE artikulierten Gefühle der Fremdheit und Verlorenheit sind auch Reflex einer Gesellschaft auf dem Weg zur Moderne, in Richtung einer sich noch zu erfüllenden Idee von Europa. Die Rezeption der Lyrik lässt beinahe vergessen, dass diese bereits vor 200 Jahren geschrieben wurde, passen die Worte doch so sehr in unsere heutige Zeit, in der die freiheitlich-demokratische Grundordnung zunehmend von restaurativen Kräften in Frage gestellt und gleichzeitig von einer scheinbar ungebremsten Globalisierung und Kapitalisierung bedroht wird.

Augst & Daemgen erweitern die, der Klassik eigenen, limitierten Interpretationsmöglichkeiten. Diversität in der Instrumentierung und Interpretation unterstreichen den universalen Charakter der WINTERREISE ebenso wie die ursprüngliche Nähe des Lieds zur Gesellschaft, zum “Volk” – vergleichbar mit der Populärmusik heute.

Wilhelm Müller – Ein europäischer Dicher

1821 gelang Müller eine seiner wichtigsten poetischen Arbeiten – die erste der beiden Sammlungen der „Waldhornisten-Lieder”. Die zweite Sammlung erschien 1824. Franz Schubert sollte später daraus „Die schöne Müllerin” und „Die Winterreise” vertonen.
Hinter der harmlosen Heimatlyrik versteckte sich allerdings harsche Kritik an der Restaurationspolitik des Deutschen Bundes. Angesichts der strengen Zensur konnte Müller nur auf diesem Wege seinen Missmut äußern.

[…] ich glaubte erst in Ihren Liedern den reinen Klang und die wahre Einfachheit gefunden zu haben. Wie rein, wie klar sind Ihre Lieder, und sämtlich sind es Volkslieder […] ohne, daß man nötig hat, die alten Sprachholprigkeiten und Unbeholfenheiten nachzuahmen. Es drängt mich Ihnen zu sagen, daß ich keinen Liederdichter außer Goethe, so sehr liebe wie Sie. Heinrich Heine, Brief an W. Müller, 1826

Man kann wohl davon ausgehen, dass Müllers eigene beschwerliche Heim- und WINTERREISE, zu Fuß von Brüssel nach Dessau, den autobiografischen Kern der Gedichtsammlung bildet. Die Tränen, angedeutet in dem Brief an den Vater kurz vor Verlassen der Stadt, bekommen in dem Zyklus zentralen Stellenwert. Unehrenhaft schied er vom Militär, und um den drohenden und endgültigen Konsequenzen eines Deserteurs zu entkommen, schlich er sich nachts heimlich aus der Stadt. „Da dacht ich schon in meinem Wahne / Sie (die Wetterfahne) pfiff den armen Flüchtling aus“.

Auch das Bild der Krähen, damals bekannter Ausdruck für Spitzel und Denunzianten, passt zur Fluchtsituation. Die Krähen im Lied „Rückblick“ stehen für die feindliche Atmosphäre, der sich der Wanderer fortan ausgesetzt sieht.

Flucht

„Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh’ ich wieder aus“

Schemenhaft wandert er durch düstere und fahle Landschaften. Er kommt durch fremde Orte, findet für kurze Zeit einen Unterschlupf und wird beim nächsten Mal abgewiesen. Ein Fremdling, ein Mensch ohne Heimat. Zunächst erscheint er wie ein unglücklich Verliebter, der rastlos weiterzieht, ohne Ziel, allein mit seinen Träumen und Melancholien. Bei näherer Betrachtung ein Suchender, ein vor äußeren Bedrohungen Flüchtender der sein Lebensschicksal selbst in die Hand nehmen muss.

Tendieren wir dazu zu vergessen oder auszublenden, was die aktuell Flüchtenden wirklich erleiden müssen, hilft es sich zu vergegenwärtigen, was Müller widerfuhr und festgehalten hat:

Wilhelm Müllers Texte sind weitgehend frei von Schwärmerei und Verklärung einer besseren Zukunft. Sie bleiben in der unmittelbaren, wenig behaglichen Gegenwart des Wanderers. Denn der hier spricht, wirkt „hautlos“, schutzlos, verlassen und nicht willkommen. Dem Blick aus der puren Verzweiflung folgt selten ein Hoffnungsschimmer am Horizont, eher schon erwächst aus der ausweglosen Situation eine Todessehnsucht, die sich am Ende des Zyklus im „Leiermann“ als Erlöser abzubilden scheint.
Die Romantik des 19. Jahrhunderts nimmt in Müllers Texten zweifellos eine düstere und hoffnungslose Perspektive ein, in der die Gegenwart im Dunkeln und allenfalls die Zukunft vielleicht etwas Besserung versprechen könnte.

Das Vergangene zu reflektieren und an der Zukunft, sprich an einer besseren Welt zu arbeiten, sehen Augst & Daemgen als Künstler ihre Aufgabe.

Musikalische Umsetzung

Der Flüchtling/Wanderer bleibt schemenhaft und unbestimmt. Seelenzustände von Liebe, Schmerz, Einsamkeit, Orientierungslosigkeit und Entfremdung wechseln sich durch die 24 Lieder Wilhelm Müllers hindurch ab. Wir werden Zeugen extremer, unnachgiebiger Gefühlskontraste. Müller nutzt diese Gegensätze als erzählerisches Element und Schubert spricht selbst von einem „Zyklus schauerlicher Lieder“.
Schon bei Schubert gab es wenig bis keinen Raum für Sentimentalität.

Augst & Daemgen führen dies in ihren Liedbearbeitungen noch weiter. Ihre Fassungen mit Gesang, Sprache, Elektronik und dem sehr reduziertem Einsatz von Streichinstrumenten sind entkernt wie ein Skelett. Sie reduzieren damit den Text und die Musik auf das Wesentliche: Semantik und Melodie. Der Schauplatz dieser WINTERREISE ist nicht die unwirtliche Kälte der Natur und der Metternich’schen Restauration vor zwei Jahrhunderten. Es ist die zunehmend unbewohnbare Urbanität unserer Welt. Die Flucht ihres Wanderers führt nicht mehr durch ein winterliches Mittelgebirge, eher durch eine technisch hochgerüstete, empathielose Umwelt. Seine Sehnsucht nach Glück ist längst Resignation und der Suche nach Erlösung gewichen.

Ein besonderer Fokus liegt bei dieser WINTERREISE also auf dem Text, der durch die Neukomposition von Augst & Daemgen verstärkt wird. Das elektroakustische Gewebe trägt das Gesungene, kontrastiert das Gesprochene und gibt beidem eine zeitgemäße Theaterkulisse und imaginiert Gegenwart und Zukunft. Natur „als das Universelle, von dem keiner sich ausschließen kann, das alle berührt und betrifft“ (Röckel, Sinn und Form 4/19), ist dem Sound von Augst & Daemgen fern. Die elektronische Struktur und rhythmische Komplexität assoziieren, was sich beim Durcheilen heutigen städtischen Alltags unweigerlich aufdrängt. Neufassungen wie „Die Krähe“, „Erstarrung“ oder „Die Nebensonnen“ suggerieren zukünftiges und gehen in ihrer musikalisch-theatralischen Komplexität radikal weit. Geht es hier noch um menschliches Leben in einer uns vertrauten Umgebung oder sind es Cyborgs in einer Art ungelenken Tanz?

Müllers Wanderer scheint ein höchst Unbehauster, einer der nirgends hinein kommt. Augst & Daemgens Stadtbewohner hingegen kann nicht mehr hinaus. Müllers Text formulierte diesen Alptraum einst „nur“ als sozialen; als Gleichnis sozialen Ausgestoßenseins. Zweihundert Jahre später ist ein anderer Stand von Unbehaustsein erreicht; die Welt ist dabei unbewohnbar zu werde; es gibt kein Hinaus, und ein Zurück gerade noch im Traum.
Frank Kämpfer, Deutschlandfunk

Augst & Daemgen  

Oliver Augst und Marcel Daemgen arbeiten unter dem Label textXTND mit wechselnden Gastkünstlern als Autoren,- Kompositions,- und Aufführungskollektiv an den Schnittpunkten von Musiktheater, Komposition, Installation, Theorie und Text.

Augst & Daemgen entwickeln seit Jahren eine genreübergreifende Produktionsreihe, die sie mit dem Titel „Archiv Deutschland“ überschreiben. Diese befasst sich als Schwerpunkt kritisch und multiperspektivisch mit der Geschichte Deutschlands und untersucht dabei, wie sich Politik in Unterhaltung/Kultur bzw. kultureller Praxis ausdrückt.

Dazu gehören die CD- und Konzertreihe „ARBEIT“, die sich Neuinterpretationen u.a. von Liedern von Brecht/Eisler oder Arbeiterliedern widmet und mit den Mitteln der Neuen Musik und elektronischen Instrumenten aktuelle politisch-ästhetische Fragestellungen reflektiert.

Unter diesem diskursiven Gesichtspunkt entstanden ebenfalls zahlreiche Hörspiele (Hessischer Rundfunk, RBB Berlin, ORF Wien, SWR, DLRKultur Berlin, Radio France Paris) u.a. zu den Themenkomplexen Revolutionsgeschichte („Long Live the People of the Revolution“, HR 2004), Arbeitersprechchöre der 1920er Jahre („Stadt der tausend Feuer“, Texte von Bruno Schönlank, HR/SWR 2013), und Aufarbeitung der Entstehung des Ersten Weltkrieges („Alle Toten 1914“, auch als Musiktheater an der Volksbühne Berlin, RBB/DLR 2014). Live-Performances mit dem Electronic Music Theater (z.B „Marx“) oder das Musical „The Whole World is Watching“ von und mit Raymond Pettibon über die radikale Splittergruppe der US-amerikanischen Studentenbewegung „The Weatherman“ (Sophiensaele Berlin, 2007) führen diese Befragung auf einer theatralisch-experimentellen Ebene vor Publikum weiter.

Das Lied ist der Pol

Musikalisch liegt der Schwerpunkt auf dem Lied. Das Lied ist der Pol, um den alles kreist. Es ist der Ausgangspunkt für die Projekte von Augst & Daemgen, die Arbeitsfläche, auf der sich die kompositorische Kreativität ihrer musikalischen Arbeit entfalten, und es dient auch als Matrize für die Form, in welche die musikalischen Ergebnisse eingebettet werden. Der enge Konnex zu der populären und mit schwerer Tradition behafteten Gattung bedeutet nun keineswegs, dass ihre Arbeit sich innerhalb der Grenzen eines konventionellen, vertrauten oder gar schlicht unterhaltsamen Terrains bewegt, im Gegenteil. Augst & Daemgen nutzen sämtliche Freiheiten heutigen Komponierens. Eine davon ist die Möglichkeit, nicht mehr nur moderne, zeitgenössische Klänge, sondern ganz beliebiges Material zu verwenden. Das kann dann eben auch ein Volkslied, ein Schlager oder ein Kunstlied sein, was Augst & Daemgen wie ein Zitat einsetzen oder fragmentarisch und klanglich stark bearbeiten. So öffnet sich der Kontext, in dem das Lied ursprünglich stand. Nun lässt es neue Deutungen zu, neue Wege, mit der Liedmelodie, den Harmonien und Rhythmen oder auch der Anmutung des Stücks zu komponieren.

Augst & Daemgen wählen für ihre Projekte ganz bestimmte Bereiche des Liedguts aus, vornehmlich solche, die ihnen heute wichtig scheinen. Über Volkslieder beschäftigten sich Augst & Daemgen mit dem Begriff „Heimat“. Unter dem Thema „Marx“ recherchierten sie nach Liedgut, das im weiteren Sinne mit dem Themenkomplex des Marxismus in Verbindung gebracht werden kann. Durch das subjektive Herausgreifen eines speziellen Liedgutes und dessen utopischen Gehalts aus seinem gesellschaftspolitischen und musikästhetischen Kontext projizieren sie es auf die gesellschaftliche Gegenwart und machen es wieder aktuell „hörbar“.

Die enge Verbindung zwischen Inhaltlichem und Musikalischem ist das Prinzip ihrer Arbeit. Die Auswahl eines Themas, ausführliche Recherche und das Experimentieren am gefundenen Material, an Texten und Klängen. Das alles bildet einen Pool, mit dem dann in einem Prozess des Austauschens und Improvisierens die „Endprodukte“ entwickelt werden. Dabei werden bewusst die Grenzen des Werkbegriffs überschritten.