Uraufführung des Siegerstücks des Preises der Jungen Dramatik am Theater Magdeburg

»Anorexia Feelgood Songs« von Fayer Koch

Bühnenbild »Anorexia Feelgood Songs« ~ Theater Magdeburg

Im Mai 2020 gewann der junge Dramatiker Fayer Koch den Wettbewerb »Preis der Jungen Dramatik«, den das Theater Magdeburg erstmals mit dem Staatstheater Braunschweig auslobte. Der Preisträger gewann den Auftrag zur Fertigstellung des Stücks inklusive der Uraufführung am Theater Magdeburg. Es ist seine erste an einem Stadttheater. Der nun fertige Text »Anorexia Feelgood Songs« beschreibt in bildgewaltigen Szenen die Geschichte eines jungen Mannes, der mit stereotypen Vorstellungen von Männlichkeit hadert und mit einer Krankheit kämpft, die in unserer Gesellschaft vor allem weiblich konnotiert ist: Anorexia nervosa Magersucht. Regisseurin Juliane Kann bringt das Stück am Sa. 18. 9. um 19.30 Uhr zur Uraufführung im Studio des Schauspielhauses.

Das Stück spielt in einem heißen Sommer. Jugendliche Jungs treffen sich am Kanal, genießen die Unbeschwertheit, trinken Alkopops und machen Mutproben. Doch unter dem Filter dieses scheinbaren Bilderbuchsommers gibt es einen aus der Gruppe, der zu kämpfen hat: mit dem eigenen Selbstbild, mit den Erwartungen von außen und an sich selbst, verstärkt durch eine ernstzunehmende Krankheit, die so gar nicht dem stereotypen Bild junger Männer zugeordnet wird: Magersucht, Anorexia nervosa. Der Protagonist – längst schon in ärztlicher Behandlung und umgeben von Angehörigen, die sich in ihrer Ursachenforschung vor allem um sich selbst drehen – spielt die Probleme herunter. Denn eigentlich sehnt er sich doch nur danach, sich so zeigen zu können und gesehen zu werden, wie er ist: ohne die Krankheit, durch die er in seinem Umfeld vor allem Verzweiflung, Mitleid und Wut auslöst.

Fayer Koch trifft mit seinem ersten Stück einen kraftvollen Sound, der in sowohl lebensbejahenden als auch verzweifelten Szenen seine volle Wucht entfaltet. Monologisch-rhythmische Sequenzen wechseln sich ab mit epischen Beschreibungen, die das Gefühl vermitteln, wie das Leben in einer vorurteilsfreien Gemeinschaft sein könnte. Auffällig dabei: Der Protagonist spricht von sich immer in Form des „Du“. Alles was passiert, wird beschrieben wie eine außerkörperliche Selbstbeobachtung. Für die Regisseurin Juliane Kann liegt darin die Stärke, aber auch Herausforderung des Textes für die Bühne: Trotz der direkten Sprache umkreist diese den Konflikt, umkreist das Ungesagte, zwischen dem Protagonisten und den Angehörigen – Eltern, Ärztin, Freundeskreis, Bekannte. Entsprechend verteilt die Regisseurin den Text auf fünf Schauspieler*innen, ohne dabei die Hauptfigur – das »Du« – selbst auftreten zu lassen. Ihr Verschwinden wird so ganz augenscheinlich. Unterstützt wird dieses Bild durch die fragmentarische Bühne von Marie Gimpel, in der die Möbel und Requisiten in einem See aus geschmolzenen Wassereis zu versinken scheinen. Musikerin Miriam Berger entwickelt dazu einen passenden Soundtrack, der die Lieder im Stück – die Feelgood Songs – als hoffnungsvolle Sehnsuchtsorte aufgreift. Behutsam formuliert sich so in einem Wechselspiel von Selbst- und Außenwahrnehmung, von bitterer Realität und utopischen Wünschen die Frage, wer eigentlich definiert, was schön, gesund und normal ist.

Das Stück wird im Rahmen der Kooperation auch am Staatstheater Braunschweig gezeigt.


Anorexia Feelgood Songs

Von: Fayer Koch

Siegerstück des Autor*innenwettbewerbs »Preis der Jungen Dramatik«
Premiere/Uraufführung am Theater Magdeburg: 18. September 2021 (Studio)

Regie:
Juliane Kann
Bühne, Kostüme: Marie Gimpel
Musik: Miriam Berger
Dramaturgie: Caroline Rohmer

Mit: Maike Schroeter, Katharina Walther, Frederik F. Günther, Heiner Junghans, Valentin Kleinschmidt

Karten zur Premiere zu 23,- €/erm. 14,- €,
Weitere Vorstellungen zu 19,- €/erm. 10,- €, an der Theaterkasse, Tel: (0391) 40 490 490, kasse@theater-magdeburg.de und theater-magdeburg.de