„ttt – titel, thesen, temperamente“ am Sonntag (06.10.)

ttt - titel thesen temperamente, am Sonntag im Ersten. Max Moor gibt Informationen über aktuelle Ereignisse und wichtige Trends im deutschen und internationalen Kulturleben. ttt stellt Künstler aller Genres in den Mittelpunkt der Betrachtung, macht Kunst optisch erfahrbar, zeigt Zusammenhänge auf und stellt den Wettstreit der Meinungen in der Kulturszene dar. © ARD/Thorsten Eichhorst

„ttt – titel, thesen, temperamente“ (MDR) kommt am Sonntag, 6.Oktober 2019, um 23:35 Uhr im Ersten.

Die geplanten Themen:

Memory Games

Johannes Mallow aus Magdeburg merkt sich in 5 Minuten über 500 Ziffern. Und dazu noch 132 Jahreszahlen, kein Problem für den Gedächtnisweltmeister und fünffachen deutschen Champion. Er ist einer der unspektakulär auftretenden Stars im Dokumentarfilm „Memory Games“, der am 3. Oktober im Kino anläuft. Der zeigt dem staunenden Publikum, dass jeder das Potenzial für phänomenale Gedächtnisleistungen in sich trägt. Und  erinnert uns auf unterhaltsame Weise daran, dass – jenseits der Rekorde der Gedächtnissportler – der Mensch ohne Erinnerung wenig ist und Kultur ohne Gedächtnis undenkbar. Autor: Andreas Lueg

Ilko-Sascha Kowalczuk: „Die Übernahme. Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde“

Nicht einmal elf Monate vergingen nach dem Tag, an dem die Mauer fiel, bis die DDR Geschichte war und am 3. Oktober 1990 der Bundesrepublik beitrat. Zum Auftakt des großen Jubiläumsjubeljahrs legt der Historiker und Publizist Ilko-Sascha Kowalczuk, der die letzten Tage der DDR in Ostberlin hautnah erlebte, einen fulminanten Essay vor. Da liest sich die Geschichte der Wiedervereinigung nicht zuletzt als umfängliches Sündenregister. Einheit durch Übernahme! Da wurde nicht eben feinfühlig ein ganzes Gemeinwesen entsorgt, mit Überheblichkeit traktiert, allzu gern auf die Verbrechen der Stasi reduziert. Wissenschaftlich fundiert, frei von jeglicher Ostalgie, zeigt Kowalczuk, wie Westdeutschland die einstigen „Brüder und Schwestern“ aus dem Osten allzu oft demütigte und ihrer Identität beraubte. Dieser Mangel an Respekt und Wertschätzung, das wird deutlich, wirkt bis heute. „ttt“ hat den Autor getroffen. Autor: Tilman Jens

Das Paradeappartement Augusts des Starken

1719 traf sich in Dresden der europäische Hochadel, um der Hochzeit des sächsischen Kronprinzen Friedrich August mit der österreichischen Kaisertochter Maria Josepha beizuwohnen. Das von August maßgeblich konzipierte Fest gilt heute als das größte Spektakel des europäischen Spätbarocks und als Paradebeispiel für kulturelle und politische Vernetzung Sachsens.
Eigens für das Fest ließ August der Starke im Dresdner Schloss eine ganze Flucht von repräsentativen Empfangsräumen einrichten – das sogenannte Paradeappartement.
Im Zweiten Weltkrieg komplett zerstört wurden die Räume pünktlich zum 300. Jubiläum der Hochzeitsfeierlichkeiten originalgetreu rekonstruiert. 35 Millionen Euro investierte der Freistaat Sachsen in dieses Prestigeprojekt. „ttt stellt das wieder errichtete Paradeappartement vor und fragt, welche Bedeutung dieses barocke Gesamtkunstwerk für Sachsen in Geschichte und Gegenwart hat. Autor: André Meier

Igor Levit: Mehr als ein gefeierter Virtuose

Schon 2010 bescheinigte die „FAZ“ dem damals gerade 23-jährigen Igor Levit, „einer der großen Pianisten dieses Jahrhunderts“ zu sein. Später begann sein atemberaubender Aufstieg. Im russischen Gorki geboren, übersiedelten er und seine jüdische Familie 1995 nach Hannover. Levit ist der Intellektuelle unter den Klassik-Stars und der politischste. Er mischt sich – für einen Klassikstar ungewöhnlich – per Twitter in aktuelle Debatten ein, in Wort, Bild und gerne auch mit einem Witz. Levit engagiert sich gegen Antisemitismus und  verewigte Frederic Rzewskis grandiose Variationen über das chilenische Revolutionslied „El pueblo unido“ auf einer CD. Für den inzwischen weltweit gefeierten Pianisten, der in Berlin lebt und an der Musikhochschule in Hannover eine Professur hat, ist alle Musik politisch. Auf seinem im Oktober erscheinenden Album hat er auf 12 CDs alle 32 Beethoven-Sonaten eingespielt. Er verleiht diesem König der Klassik darauf seine sehr persönliche, zeitgemäße Sicht. Und nimmt mit der Einspielung ein Thema vorweg, das 2020 die Musikwelt komplett beherrschen wird: 250 Jahre Beethoven. „tttzeigt den Ausnahmekünstler am Klavier, trifft ihn zum Gespräch, um ihn u. a. zu fragen, was an seinem Beethoven politisch ist. Autor: Reinhold Jaretzky

Karel Gott: Für immer jung

Für die Deutschen blieb er immer der Schmusesänger, die „goldene Stimme aus Prag“ – Karel Gott, der am 2. Oktober mit 80 Jahren starb. Doch Gott, der ursprünglich Maler werden wollte,  besang nicht nur die singende, kochende, tanzende „Babicka“ oder die kleine, freche, schlaue „Biene Maja“. Etwa 150 Millionen verkaufte Tonträger, 120 Alben, eine über 60-jährige Bühnenlaufbahn bezeugen ein künstlerisches Werk, das weit darüber hinausreicht. In Tschechien, wo er als er als Rock’n‘Roller und Caféhausmusiker begann und seit den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts ein Botschafter seines Landes auch im Westen wurde, nannte das Publikum ihn nur „Mistr“ (Meister). Fast bis zuletzt stand er auf der Bühne, immer offen für Neues, immer melancholischer werdend. Zusammen mit Skandalrapper Bushido wünschte er sich, „Für immer jung“ zu sein. Noch in diesem Sommer nahm er im Duett mit seiner 13jährigen Tochter Charlotte Ella ein neues Lied auf, das Vorahnung und Abschied zugleich war: „Wenn mich der Strom fortreißt, musst du schwimmen.“ Autor: Lutz Pehnert

Moderation: Max Moor
Redaktion: Rayk Wieland / Matthias Morgenthaler (MDR)

Im Internet unter DasErste.de/ttt