»Tod der Treuhand« – Eine Stückentwicklung von Carolin Millner am Schauspiel Magdeburg

Carolin Millner (Fotograf: Michael Benthin)

Die Übernahme von Betrieben durch die Treuhand war für viele ehemalige DDR-Bürgerinnen und -Bürger ein Schock. Soziale Strukturen wurden auseinandergerissen, tausende Menschen verloren ihre Arbeit und mussten sich beruflich neu orientieren. Bis heute wird die Abwicklung der Treuhand zu einem Narrativ des Versagens stilisiert. Für Regisseurin Carolin Millner wird dabei oft zu wenig beachtet, dass es sich hier um zwei verschiedene Systeme handelte, die zusammengeführt werden sollten: »Mich interessiert vor allem auch, wie viel die Treuhand überhaupt noch machen konnte und was nicht auch schon vorher entschieden war«, betont sie.

Millner, die zuletzt eine ganze Pentalogie zu 40 Jahren Ostgeschichte entwickelt hat, hat sich für ihre Stückentwicklung am Theater Magdeburg intensiv mit dem Thema Treuhand befasst. Die Handlung dreht sich dann auch um ein Kollektiv aus Mitarbeiter*innen des SKET-Werks in der Elbestadt. Anhand von persönlichen Geschichten, die von den Magdeburger Schauspieler*innen verkörpert werden, verdichtet sich ein Bild eines Lebensgefühls der (Nach-)Wendezeit.

Dafür hat Maylin Habig ein Bühnen- und Kostümbild geschaffen, das den Übergang von einem System ins andere symbolisiert. Ironisch spielt sie mit dem Bild einer untergegangenen Welt: die Bühne ist eine Mischung aus Schleuse und geflutetem Wartezimmer, die Schauspieler*innen agieren mit Fischflossen. Sie verweisen damit auf den Zynismus einer vermeintlich alternativlosen Evolutionsgeschichte, in der die Menschen schnell laufen lernen mussten, um sich im neuen Zeitgeist erfolgreich zu bewegen. Jacob Bussmann sorgt mit seiner musikalischen Umrahmung am Klavier zum einen für Erinnerungsmomente an eine vergangene Zeit – zum anderen für Töne in konkreten Situationen wie Demonstrationen gegen Betriebsschließungen.

Carolin Millner hat sich bewusst für einen nicht-dokumentarischen Ansatz entschieden, um das Publikum nicht mit Fakten zu überfordern. Stattdessen will sie mit der Mischung aus Zeitdokument und fiktiver Ebene zum neuen Diskurs anregen. In Zwischentönen fügt sich durch kleine Episoden ein Bild einer Zeit zusammen, die auch aus heutiger Sicht noch polarisiert und für viele Menschen noch nicht ausreichend aufgearbeitet ist.

Anlässlich des 30. Jahrestages der Deutschen Einheit findet vor der zweiten Vorstellung, am 2. 10. 2020, um 18.00 Uhr eine Podiumsdiskussion mit der Regisseurin sowie Zeitzeug*innen und Experten zum Thema Treuhand statt. Die Veranstaltung wird gemeinsam mit der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt organisiert.

Tod der Treuhand

Stückentwicklung von Carolin Millner
Premiere/Uraufführung am Schauspiel Magdeburg:
25. September 20 (Studio)
Text, Regie:
Carolin Millner
Bühne, Kostüme:
Maylin Habig
Dramaturgie:
Caroline Rohmer
Musik:
Jacob Bussmann

Mit:
Iris Albrecht, Anja Signitzer, Isabel Will, Christoph Förster, Philip Heimke

Premierenfieber:
So. 13. 9. 2020 11.00 Uhr Schauspielhaus Bühne
Podiumsdiskussion „Einheitstraum(a) – Die Rolle der Treuhand im Prozess der Wiedervereinigung“:
Fr. 2. 10. 2020 18.00 Uhr Schauspielhaus Bühne

Karten zur Premiere zu 23,- € / erm. 14,- € I
Weitere Vorstellungen zu 19,- € / erm. 10,- € an der Theaterkasse, Tel: (0391) 40 490 490, kasse@theater-magdeburg.de und theater-magdeburg.de