Theatergruppe e.V. im Megalomania Theater spielt ab 5. September Brechts »Leben des Galilei«

© Megalomania Theater

Ein Interview mit dem Regisseur

Warum spielen wir „Leben des Galilei“ von Brecht?

Abraham Teuter: Weil es in vieler Hinsicht ein großartiges Stück ist. Es ist handwerklich eines der besten von Brecht, weil es unglaublich mit der Sprache spielt, sehr erfolgreich mit der Sprache spielt. Es macht einfach Spaß zuzuhören wie die Leute reden. Das ist natürlich nicht alles. Wir haben in der Gruppe Leute, die jetzt Master in Physik machen, und da frage ich mich, ob die sich mit den Fragen aus dem Galilei beschäftigen. Warum freuen wir uns darüber, wenn die Physiker etwas gefunden haben oder freuen wir uns nicht? Interessiert uns das oder ist das so weit weg? Ich glaube, dass der Brecht die Frage, was Naturwissenschaften den Menschen bringen kann und wie man damit umgehen muss, wenn man Naturwissenschaften betreibt, auf eine ziemlich spannende Art und Weise darstellt. Und insgesamt ist das natürlich auch ein reiches Stück weil es persönliche Beziehungen hat, die wir jetzt während der Proben mehr herausarbeiten. Was für ein Verhältnis hat er zu seiner Haushälterin, mit der er mal per Du, mal per Sie ist? Was für ein Verhältnis hat er zu seiner Tochter? Warum gelingt es ihm, zu einem fremden Jungen freundlicher zu sein als zu seiner eigenen Tochter? Das sind alles keine Anklagepunkte, aber Dinge, die man während der Proben herausarbeiten sollte und dann gibt das ein ganz reiches, unterhaltsames Stück.

Was ist deine Beziehung zu Brecht?

Abraham Teuter: Ich mag ihn sehr. Ich mag seine Stücke. Ich würde wahnsinnig gerne hier den „Kaukasischen Kreidekreis“ spielen, weil ich denke, dass das ein großartiges Stück ist. Es ist sehr schwierig das so zu sagen, weil es so etwas wie eine Einschüchterung dadurch gibt, dass man so eine Figur auf ein Gipspodest stellt. Wenn du Brecht in London siehst, dann siehst du auf einmal den „Puntila“ als Komödie und dann ist der witzig und dann ist der große Klasse. Das ist ein Stück über das Verhältnis von einem Herren und einem Knecht, sehr spannend. Und wenn du die ganze Zeit daran denkst, das ist ein Lehrstück und hier muss ich diese Lehre zeigen und da muss ich diese Lehre zeigen, dann ist es wahrscheinlich schwierig. Das ist auch etwas, dass Brecht schon gesagt hat,: man muss, um seine Sachen zu spielen, eine Leichtigkeit haben und das ist ganz schön schwierig, aber die Engländer schaffen das. Ich habe „Galilei“ in London gesehen, ich habe den „Kaukasischen Kreidekreis“ gesehen und fand das ungeheuer eindrucksvoll; ich habe „Puntila“ gesehen und habe mich amüsiert. Das ist toll. Also man kann ganz viel machen und das sind Stücke, die aktueller sind. Zum Beispiel haben wir „Flüchtlingsgespräche“ hier gemacht, und das hat mir viel Spaß gemacht. Also ich glaube, dass er etwas macht, was heute sehr viel seltener ist: er erzählt einfach auch Geschichten. Die Geschichten an und für sich sind spannend. Ich lese immer mal so neue deutsche Texte und dann stelle ich auf einmal fest, es fehlt ihnen etwas.
Die wollen zeigen, dass die Welt schlecht ist. Die sind so demonstrativ, und komischerweise den Brecht, dem man vorwirft, dass er didaktisch ist, finde ich viel weniger didaktisch, weil der Stories erzählt. Und noch etwas: seine Art des Theaterspielens finde ich richtig. Also, dass man sich Mühe gibt, genau zu sein, dass man sich Mühe gibt, leicht zu sein, dass man aber immer weiß „Ich bin ein Schauspieler und ich kommuniziere mit dem Publikum“. Da ist keine vierte Wand und die Zuschauer stehen nur atemlos, hingerissen von dem, was da hinter der Wand passiert, sondern da ist ein Gespräch, weswegen ich auch sehr froh bin, dass wir hier ein Theater haben, wo man also die Zuschauer wirklich ansprechen kann und ihnen deswegen nahe ist.

Dieses Durchbrechen der vierten Wand, was ja sehr typisch für Brecht ist, ist in unserer Inszenierung an zusätzlichen Stellen eingebaut, was auch mit der momentanen Situation zu tun hat. Inwiefern ist das ein hilfreiches Mittel?

Abraham Teuter: Es gelingt uns das gesamte Stück zu spielen aber es gibt Momente, gerade da, wo es um die Sachen geht, die man nicht automatisch mit „Leben des Galilei“ verbindet, wie dass der Galilei die Hand von der Frau Sarti nimmt oder dass der Galilei mal den Andrea in den Arm nimmt, wenn der weint und solche Sachen, die wir nicht machen können. Aber dann können wir, wenn es ganz wichtig ist, sagen „eigentlich nimmt der Galilei an dieser Stelle den Andrea in den Arm aber wir dürfen das nicht zeigen“. Ich finde wir sollten das machen und der Brecht würde das gut gefunden haben. Es gibt Stücke, die wir nicht machen können, weil wir uns an diese Regeln halten aber den Galilei kriegen wir hin…hoffe ich.

Oft gibt es bei Theaterstücken ja eine gewisse Botschaft oder einen Anreiz zum Nachdenken, den das Publikum mit nach Hause nehmen soll. Hättest du da einen Wunsch, was das Publikum nach dem Besuch unserer Vorstellung weiter beschäftigen sollte?

Abraham Teuter: Ja. Komischerweise nicht das, was man ganz am Anfang denkt. Das ist sehr persönlich: Ich finde, dass man sich Gedanken darüber machen kann, warum ein Mann, der vieles so großartig macht, seiner Tochter gegenüber so versagt und warum diese Tochter trotzdem zu ihm hält. Ich finde auch, dass man über die Ambivalenz, was den Galilei angeht, der sich so deutlich verurteilt aber trotzdem immer noch weiter arbeitet, nachdenken kann. Und dass man auch darüber nachdenken kann „Wie ist das zu vertreten, was ich selber in meinem Leben mache?“ Egal ob ich als Lehrer, als Lehrer ganz besonders, oder diese jungen Leute, die hier gespielt haben oder immer noch spielen und die Physiker werden, sollten sich auch mit dem Galilei, mit dem Brecht die Frage stellen „Für wen oder was mache ich das?“. Und ich sage nicht, dass Forschung erstmal ungeheuer gefährlich ist, also wenn ich an die Leute denke, die jetzt Coronaforschung betreiben, das ist sinnvoll, aber es gab oder gibt auch andere Forschungen.
Ich habe vor, dass wir bei den Physikern über dieses Problem auch Szenische Lesungen von anderen Stücken machen, die da relevant sind („In der Sache J. Robert Oppenheimer“, „Die Physiker“, „Kopenhagen“) weil da ist es ganz exemplarisch: Da können Leute was, was andere nicht können und wird das genutzt oder führt das eigentlich nur zur Gefährdung oder Unterdrückung? Und das kann man von den großen Physikern auch auf das kleine Leben beziehen. Man sollte sich selber fragen. Zum Beispiel als Lehrer sollte man sich fragen: „Sind die Schüler glücklich, wenn sie bei mir aus dem Unterricht raus gehen? Habe ich was für die Menschen getan? Oder habe ich sie einfach nur dressiert?“ Du bist vielleicht nicht so wichtig, wie der Galilei in der Physik, aber du bist vielleicht für diese kleinen Kinder wichtig, mit denen du zu tun hast. Und da kann man also mit dem Galilei nachdenken. Wobei, Galilei gibt es nicht auf Rezept. Das ist keine Medizin, die man schluckt, und danach ist man ein besserer Mensch, aber sie kann einem helfen nachzudenken und das ist mit Genuss verbunden.

Transkription eines Interviews vom 23.07.2020 geführt von Jennifer Trippel, © Theatergruppe e.V. im Megalomania Theater


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Das Leben des Galilei

Von: Berthold Brecht

Uraufführung: 9. September 1943 (Zürich, Schauspielhaus)
Premiere des Theatergruppe e.V. im Megalomania Theater FFM: 5. September20

Regie: Abraham Teuter

Besetzung:

Galileo Galilei: Dominic Betz
Frau Sarti, Mönch: Agnieszka Miroslawa Kimmel
Sagredo, Federzoni, Lakai, Mann, Gelehrter, Sekretär, Cosmo: David Helmchen
Doge, Philosoph, Soldat 2, alter Kardinal, Inquisitor, Gaffone: Hannah Maria Krämer
Ratsherr, Hofmarschall, Frau, Astronom 1, Barberini/ Papst, der kleine Mönch: Jennifer Trippel
Andrea Sarti, Christopher Clavius: Matthew Lazlow von Pokorny
Ludovico Marsili, Mathematiker, Astronom 2, Soldat 1, Vanni, Individuum:
Niccolo Pavoni
Virginia: Sara Lolaee
Kurator, Theologe, alte Frau, Bellarmin, Mucius, Beamter, Ansager, Bauer: Simone Vanessa Arians

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