The English Theatre Frankfurt eröffnet Spielzeit 2020/2021

We have a plan... but not a clue!

© The English Theatre Frankfurt

Optimistisch in die Zukunft sehen, an das Theater glauben und daran, dass unsere Gesellschaft gemeinsam im (distanzierten) Austausch diese Krise meistern wird, ist für die kommende Spielzeit der Plan des English Theatre Frankfurts (ETF). Das „wie“ hingegen ist ungewiss: wie wird sich Leben und Arbeit mit Covid-19 entwickeln, wie verändert die Krisenerfahrung das Bedürfnis der Menschen nach Kulturerlebnis und wie werden die Regularien zu Proben- und Spielbetrieb in den nächsten Wochen und Monaten aussehen? Ungewissheit annehmen ist eine der größten Herausforderungen der Zeit.

Bei der Spielzeitplanung gilt das Konzept der Stunde: Agilität. Die Produktionen bleiben derzeit bewegliche Bausteine, die beliebig in der Spielzeit zum Einsatz kommen können. Das English Theatre Frankfurt plant also eine Spielzeit (We have a plan…), wissend, dass am Ende alles anders kommen kann als man denkt (but not a clue!).

Spielplanpräsentation im James the Bar/English Theater Frankfurt am 9. Juni 2020
Pressesprecherin Carolin Winter und Intendant Daniel Nicolai
Foto: Markus Gründig

Joker-Spielzeit

In London stehen die Schauspieler der ETF Produktion Secret Life of Humans (Uraufführung 2017) unter der Regie von Psyche Stott (The Chidlren, 2018) in den Startlöchern. David Byrnes Stück ist zugleich Anekdote eines One-Night-Stands, Lebensgeschichte von Jacob Bronowski (T\/-Evolutionsreihe The Ascent of Man, 1973) und behandelt nicht weniger als die Historie der Menschheit. Inspiriert von Bestsellerautor Yuval Noah Harari (Sapiens. A Brief History of Humankind, 2011) erörtert Secret Life of Humans die große Frage, was den Menschen zu den komplizierten Wesen macht, die wir sind.

Mel Brooks Comedy-Horror-Musical Young Frankenstein (Uraufführung Broadway 2007) sorgt am ETF für Entlastung, nimmt es sich doch selbst auf die Schippe und parodiert das gesamte Musical-und Horrorgenre. Frankenstein-Enkel Friedrich kämpft mit dem Erbe seines berühmten Großvaters und ohne es zu wollen, scheint er dessen Fußstapfen mehr als auszufüllen. Mit Young Frankenstein in der Regie von Derek Anderson (u.a. Hand to God, The Lion in Winter beide 2018 und Sweeney Todd 2019) steht eine der größten Mythen der Weltliteratur auf der Bühne des ETFs. Aufgrund der vielen Unwägbarkeiten kann es sein, dass die Musicalproduktion in der Spielzeit 2020/2021 nicht wie gewohnt im November startet, sondern erst im Frühjahr 2021.

Aus ihrer Realität ausbrechen möchte auch Rachel Watson in der Bühnenfassung von Paula Hawkins Bestseller The Girl on the Train (Uraufführung 2019). Frisch geschieden träumt sich die depressive Alkoholikerin auf ihren täglichen Zugfahrten in das Leben eines vermeintlich perfekten Paares, bis sie aus dem Fenster heraus Unglaubliches beobachtet. Regisseurin Psyche Stott inszeniert die Deutschlandpremiere dieser düsteren Geschichte um Liebe und lllusion.

Agiler Joker für das English Theatre Frankfurt ist The Great Play (A play to be announced); eine Programmierung geschrieben von Lebensumständen, vorläufig ohne Titel und Autor. Mit Trump’scher Gewissheit lässt sich vorhersehen, dass es großartig wird; wenn es denn wird.
Einsetzbar etwa als Zwei-Personen-Stück am Anfang der Spielzeit, als reguläres viertes Stück, als Überraschung am Ende der Spielzeit, als Koproduktion (American Son) mit dem Ensemble Theater Santa Barbara oder eben auch einfach gar nicht ~ wie es Covid-19 gefällt. ‚

Die Theaterpädagogik des ETF bereitet für die kommende Spielzeit im Rahmen der Digitalisierung der Schulen und der Bildungsanordnung (außerschulische Aktivitäten bis zu den Herbstferien einzustellen) Online Workshops vor, die aktuell mit Partnerschulen getestet werden. Das Online Outreach Programm wird durch Huck Finn (Play for young audiences) nach Huckleyberry Finn von Mark Twain ergänzt, als Open Air Vorstellungen für Familien (möglicherweise im Hof vom Dominikaner-Kloster), und dann zunehmend wieder als Matineeprogramm Schulgruppen. Die schockierenden Ereignisse in den USA unterstreichen die Bedeutung von Huckleberry Finn so viele Jahre nach Entstehung des Romans.

Die Proben zur Schülerproduktion Shockheaded Peter sollen wieder aufgenommen werden. Es wird gehofft, die Spielzeit 2020/2021 mit dieser Adaption von Heinrich Hoffmanns Struwwelpeter fulminant zu beenden.

Auch mit seinen Sonderprogrammen blickt das ETF optimistisch in die Zukunft. Kabarettist Vince Ebert ist aus den USA zurückgekehrt. In seinem neuen englischen Programm ,Make Science Great Again!‘ teilt er seine Auslandserfahrungen mit dem Publikum. Rhetoriker Lars Ruppel steht mit seinen Slammern in den Startlöchern, den monatlichen Poetry Slam Deluxe baldmöglichst präsentieren zu können.

Abhängig von den weiteren Lockerungsmaßnahmen wird über die Vorstellungstermine und die Stückfolge entschieden.

The English Theatre im Covid-19 Shutdown

Mitte März schloss das ETF gemäß den Richtlinien des Robert-Koch-Instituts und der Anordnung der Stadt Frankfurt den Spielbetrieb im Kampf gegen Covid-19. Die Produktion The Effect in Frankfurt und die Produktion Sweeney Todd auf Gastspiel in München wurden frühzeitig eingestellt. In London Secret Life of Humans in den Endproben abgebrochen und in Santa Barbara (Kalifornien, USA) die Produktion American Son kurz vor Probenbeginn gestoppt.

Ausverkaufte Vorstellungsblöcke der Jugendproduktion Huck Finn mussten abgesagt die laufenden Proben zur Schülerproduktion Shockheaded Peter ausgesetzt werden und der Festakt zum 40-jährigen Jubiläum des Theaters musste ausfallen.

In Kurzarbeit digitalisieren, reparieren und reinigen die Mitarbeiter seitdem das Theater und suchen nach neuen Formen, Theater präsentieren zu können. Die Krise hat aber auch gezeigt, wie sehr das ETF bei Freunden und Förderern in Frankfurt und der Region verankert ist. Das English Theatre Frankfurt ist seinem Publikum und seinen Förderern für die Solidarität und andauernde Unterstützung in dieser Krise sehr dankbar!

Kleine Rückschau in Zahlen:
Spielzeit 2019/2020 bis zum frühzeitigen Abbruch Mitte März:


Gesamtbesucherzahl: 50.546
– davon Studenten/ Schüler: 14.720 (ca. 29%)
– Gesamtauslastung: 88%

Besucherzahlen und Einzelauslastungen:
‚One flew over the Cuckoo’s nest‘: 10.409 Besucher (74%)
‚Sweeney Todd‘: 23.084 Besucher (89%)
Plus weitere 4.148 Besucher bis zum frühzeitigen Abbruch in München
‚The Effect“: 4.211 Besucher (82%) bis zum frühzeitigen Abbruch
‚Huck Finn“: 5.352 Besucher, mit weiteren ausverkauften Shows, die abgesagt werden mussten

Einnahmen durch Ticketverkäufe & Gastspiele:
In Spielzeit 2019/2020: € 646.000,-
rund € 1,3 Mill. weniger als in 2018/2019 (€ 1.944.000,-) und 2017/2018 (€ 1.941.000,- )

Standort im Gallileo Tower nur bis Ende 2022 sicher

Seit 2003 ist das größte englischsprachige Theater Kontinentaleuropas im Untergeschoss des Gallileo-Towers ansässig. Das Gebäude wurde im letzten Jahr verkauft und die Commerzbank AG wird zum Jahresende 2022 ausziehen. Dr. Steffen Paulmann vom Vorstand des English Theatre Frankfurt wies bei der Spielplanpräsentation darauf hin, dass dann die großzügige Förderung durch die Commerzbank AG entfallen wird (die bisher keine Miete, auch keine Nebenkosten, vom English Theatre Frankfurt verlangt). Mit dem neuen Eigentümer wurden schon gute Gespräche geführt, doch ist die Frage, wie es nach 2023 an diesem Standort weitergeht, noch offen (auch steht noch kein Nachmieter für das Hauptgebäude fest). Klar ist, dass nicht nur die Stadt Frankfurt gefordert sein wird, sondern auch das Land Hessen, reicht die Strahlkraft vom English Theatre Frankfurt doch weit über die Stadtgrenzen hinaus ins Land.