StudioNAXOS zeigt ERFOLG III: SIEGBERT – DAS VOLK SIEHT NICHTS

ERFOLG III: SIEGBERT - DAS VOLK SIEHT NICHTS (© Robert Schittko)

Am Freitag, den 26. November um 20 Uhr feiert „ERFOLG III: SIEGBERT – DAS VOLK SIEHT NICHTS“ (ELEGANZ AUS REFLEX/ Regie Carolin Millner) Premiere auf der studioNAXOS-Bühne in Frankfurt/M.

Als Grundlage der Romanvorlage Lion Feuchtwangers nimmt die ERFOLG-Trilogie die Zeit der zwanziger Jahre unter die Lupe. Der letzte Teil von ERFOLG ist ein abgeschlossener Theaterabend und ohne Vorkenntnisse der Teile 1 und 2 verständlich. Weitere Vorstellungen finden am 27. und 28. November, sowie am. 3., 4. und 5. Dezember statt.

Am 4. und 5. Dezember ist jeweils vor den Aufführungen von ERFOLG III Sebastian Blasius mit „CHÖRE DES SPEKULATIVen“ zu Gast im studioNAXOS.

Der Regisseur reaktiviert das dramatische, im Theater der Neuzeit nahezu verschwundene Mittel des Chores: Er beauftragte sechs internationale, renommierte Dramatiker*innen, in stilbildende Szenen des europäischen Kanons nachträglich chorische Stimmen hineinzuschreiben und so neue, ungewohnte Perspektiven auf vermeintlich Bekanntes zu ermöglichen. Diese Texte bilden die Grundlage für einen Theaterabend an der Schnittstelle von Sprechtheater, Choreografie und Installation, der untersucht, wie heute eine relevante Form des Chors aussehen kann. Statt auf festen Plätzen zu sitzen, werden die Zuschauer*innen Teil der mobilen Gemeinschaft, die ihre Perspektive(n) immer neu wählen kann.

ERFOLG III: SIEGBERT – DAS VOLK SIEHT NICHTS

Von Eleganz aus Reflex
Der letzte Teil der ERFOLG-Trilogie von ELEGANZ AUS REFLEX, ERFOLG III: SIEGBERT – DAS VOLK SIEHT NICHTS, kommt erstmals am 26. November auf die Bühne von studioNAXOS und ist danach an fünf weiteren Abenden zu sehen: 27. und 28. November, 3., 4. und 5. Dezember, jeweils 20 Uhr.
Die Goldenen Zwanziger. Dass sie gar nicht so golden waren, wissen wir spätestens seit BABYLON BERLIN. Doch dass das München der 20er Jahre seine demokratische Atmosphäre einbüßte, viele Künstler und Künstlerinnen dem Isar-Athen den Rücken kehrten und, anstatt ihrer, viele Rechtsradikale ansammelte, blieb bisher weitaus unbesehen. Diese Zeit der zwanziger Jahre, die nicht nur hedonistisch, stilvoll, exzessiv war, sondern auch gewalttätig, rassistisch, antisemitisch, völkisch und einen Vorgeschmack auf das gab, was kommen würde, nimmt die Trilogie ERFOLG unter die Lupe. Lion Feuchtwangers Romanvorlage bildet dabei die Grundlage.

In ERFOLG I: JOHANNA – GEBOREN, UM LIEBE ZU GEBEN? beschäftigte sich die Gruppe ELEGANZ AUS REFLEX mit der Figur Johanna Krain und dem Verhältnis von politischen Systemen zur gesellschaftlichen Stellung von Frauen. Mit ERFOLG II: OTTO – WER REINKOMMT, IST DRIN betrachteten sie die herrschende Seite und das damit einhergehende Selbstverständnis der (damaligen) Machthaber. Wo Johanna Krain für das Auflehnen und den Kampf gegen ein repressives System stand, da war der Bayerische Justizminister Otto Klenk sein Vertreter. Siegbert Geyer nun ist das Gegenstück zu Otto Klenk. In ERFOLG III steht damit eine Figur im Mittelpunkt, die sich immer als
Teil der Gesellschaft empfand, sich nun aber eingestehen muss, dass sie sich darin getäuscht hat.

Die Auseinandersetzung mit seiner Figur ist eine Auseinandersetzung mit Antisemitismus und Assimilation. Wo und wie war Antisemitismus schon immer vorhanden und akzeptiert? Wie war seine Steigerung zu spüren und zu erfahren? Wie lange hofften Betroffene nicht gemeint zu sein oder dachten auch, nicht zu den Adressierten zu gehören?
Um unsere Gegenwart mitgestalten zu können, müssen wir unsere Vergangenheit kennen.
Auch der dritte Teil ist ein abgeschlossener Theaterabend und ohne Vorkenntnisse der Teile 1 und 2 verständlich.


Mitwirkende in ERFOLG III:

Regie: Carolin Millner
Bühne und Kostüm: Maylin Habig & Nils Wildegans
Produktionsleitung: Jasna Witkoski

Spieler: Florian Mania

Premiere: 26. November 2021, 20 Uhr

Weitere Aufführungen:
27. und 28. November, jeweils 20 Uhr
3. und 4. Dezember, jeweils 21 Uhr
5. Dezember, 20 Uhr

Ort: studioNAXOS, Naxoshalle, Waldschmidtstr. 19, 60316 Frankfurt am Main
Corona-Info: Zutritt entsprechend 3G-Regel
Tickets: www.studionaxos.de/programm
Eintritt: solidarisches Preissystem

Eine Produktion der ELEGANZ AUS REFLEX GbR in Kooperation mit studioNAXOS. Gefördert vom Kulturamt Frankfurt am Main und dem Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst. ELEGANZ AUS REFLEX wird vom Kulturamt der Stadt Frankfurt am Main mehrjährig institutionell gefördert.

Zu ERFOLG I und ERFOLG II fanden Gesprächswerkstätten, u.a. mit der Politologin und Autorin Dr. Antje Schrupp statt. Diese sind online verfügbar.
ERFOLG I: youtube.com
ERFOLG II: youtube.com

ELEGANZ AUS REFLEX besteht aus den Künstler*innen Carolin Millner (Regie), Maylin Habig (Bühne/Kostüm), Magdalena Wabitsch (Schauspiel) und Nils Wildegans (Bühne/Kostüm), Fee Römer (Dramaturgie) und Bettina Földesi (in Mutterschutz). Die Gruppe steht für eine Form des Sprechtheaters, die in enger Verbindung zu Performance und installativer Kunst steht und sich in seinen Stückentwicklungen mit historisch-politischen Themenkomplexen auseinandersetzt. In Abgrenzung zu einer journalistischen Herangehensweise arbeitet sie assoziativ, schlägt subtile Verbindungen ins Heute und entwickelt Welten, die zwischen einem Blick in die Vergangenheit und einer utopisch-dystopischen Zukunft oszillieren. Die Künstler*innen glauben daran, dass subversive Kritik von Gegenwart nicht ohne den Blick in die Vergangenheit auskommt. Ziel ist es, für den jeweiligen Themenkomplex eine eigene Erzählform und spezifische Ästhetik zu entwickeln. ELEGANZ AUS REFLEX arbeitet Recherche-basiert zu motivischen oder thematischen Setzungen (wie zuletzt zur DDR) und mit professionellen Schauspieler*innen. Inhaltliches Interesse der Arbeit sind Identitäts-, Wahrheits- und Erinnerungspolitiken und die gesellschaftlichen wie individuellen Verhältnisse zu diesen Themen. Außerdem interessiert sich die Gruppe für die Themen Verlust und die Ökonomisierung aller Lebensbereiche. Oft arbeitet sie mit Archivmaterial und verwendet Filme, Theaterstücke, Romane, Sachbücher, Tagebucheinträge und Briefwechsel aus der Geschichte.

ELEGANZ AUS REFLEX versucht dabei immer ein oder mehrere Narrative zu finden, die als roter Faden durch den Abend führen. Wichtig sind der Gruppe die performativen Qualitäten des “Unspektakulären”, des natürlich-konfrontativen Sprechens, um eine Aktivierung im Sehen, im Zuhören und im Anteilnehmen bei den Zuschauer*innen anzuregen, sowie subtiler Humor.

Das vorherige ELEGANZ AUS REFLEX-Projekt, die DDR-Pentalogie ROT ODER TOT, fand überregional Beachtung, wurde durch die Bundeszentrale für politische Bildung gefördert, war für den Citoyen Preis der Stadt Frankfurt nominiert und erhielt den Jury-Preis beim Made Festival 2019 in Frankfurt.

Der fünfte Teil von ROT ODER TOT: Wendestress – Too much past inside my present, war vor wenigen Tagen beim flausen+festival#3 in Bielefeld zu sehen.

Mehr zu ELEGANZ AUS REFLEX und der Regisseurin Carolin Millner: caromillner.com


Über studioNAXOS

studioNAXOS ist ein freies Produktionshaus für zeitgenössisches Theater, Performance und Musik in der Frankfurter Naxoshalle. Es entstand 2014 aus dem Zusammenschluss von Studierenden der Hessischen Theaterakademie und hat sich in Zeiten großer Raumnot der Theaterschaffenden in Frankfurt als freies Produktionshaus in der Stadtgesellschaft und darüber hinaus einen Namen gemacht. Produktionen aus dem studioNAXOS-Produktionsverbund waren in den letzten Jahren bei allen wichtigen deutschen Newcomer-Festivals vertreten (Körber-Festival, Radikal Jung, Out Now! Festival, Fast Forward Festival, Impulse Festival etc.) und wurden in zahlreiche andere Theater zu Gastspielen eingeladen. studioNAXOS kooperiert außerdem mit vielen lokalen Partnern*innen und Förderinstitutionen und wird von der Stadt Frankfurt institutionell gefördert. Seit 2018 ist studioNAXOS im deutschlandweiten Netzwerk Freier Theaterhäuser (NFT) und seit 2020 ein assoziierter Partner der Hessischen Theaterakademie (HTA). Mehr Infos auf www.studionaxos.de oder über info@studionaxos.de. studioNAXOS wird getragen vom Naxos-Bund zur Förderung junger Künstler*innen aus Hessen e. V


CHÖRE DES SPEKULATIVEN

Chöre des Spekulativen
© Florian Krauss

Von Sebastian Blasius

Das Verschwinden des Chores im Theater der Neuzeit fällt mit einem gesellschaftlichen Phänomen zusammen, das sich in der Gegenwart immer weiter zu steigern scheint: Dem Bedeutungsverlust des Gemeinschaftlichen und der Konzentration des Individuums auf sich selbst. Vor dem Hintergrund dieser Gegenwartsanalysen rückt das Projekt „Chöre des Spekulativen“ das Motiv des Chors ins Zentrum, es thematisiert das Theater als kollektiven Ort und fragt, wie sich der ‚Logik des Besonderen‘ eine verbindende ‚Logik des Gemeinschaftlichen‘ entgegensetzen lässt.

Die Ausgangsfrage des Projekts lautet: Was hätte der suspendierte Chor zu jenen Szenerien gesagt, von denen er ausgeschlossen war, wie hätte er die Individuen in Dramentexten von der Renaissance bis zur Gegenwart befragen und kommentieren können?

Eine dekoloniale Perspektive etwa verfolgt der Chor-Text der marokkanisch-französischen Autorin Karima El Kharraze. Sie lässt eine Personengruppe zu Wort kommen, die in Molières Komödie „Scapins Streiche“ implizit durch Verfahren des ‚Otherings‘ abgewertet wird – von der Figur Zerbinette heißt es, sie sei als Kind „unter eine Bande jener Leute (geraten), die man Zigeuner nennt.“ Diese Gruppe stimmt nun zu einer chorischen Gegenerzählung an, die in sich wiederum alles andere als einheitlich ist. El Kharrazes Text thematisiert das Kollektiv als etwas in sich Widersprüchliches und problematisiert die Konstitution von Wahrheit und Wirklichkeit per se. Die chinesische Autorin Zhu Yi ergänzte eine bekannte Szene aus Friedrich Schillers „Kabale und Liebe“ um chorische Stimmen im Stil jener chatartigen Kommentare, mit denen in digitalen Streams auf das Gesehene reagiert werden kann. Zhu Yi liest also die Kommentare, Likes und Shitstorms einer anonymen Masse im digitalen Raum als heutige Form des Chors. Sie montiert Schillers Text als Inbegriff des hochkulturellen Bildungskanons mit Elementen des Trashs; bürgerliche Empfindsamkeit wird so
von popkultureller Oberflächenästhetik infrage gestellt vice versa.

Der Dramatiker Björn SC Deigner umspült eine Szene des Verliebens aus Shakespeares’ „Der Sturm“ mit Stimmen, die vielfältige Frauenbilder zur Entstehungszeit des Stücks auffächern und die Domestizierung des weiblichen Körpers im Frühkapitalismus thematisieren und sowohl das Shakespeare’sche Liebesduett wie auch die Imaginationen der Zuschauer*innen (ver)stören. Etc.

In der Summe entsteht ein chorisches Konglomerat heterogener Stimmen, Sprachen, Perspektiven und Schreibstilen, in dem eine alternative/marginalisierte Geschichte (z.B. ein nicht-westlicher, nichtweißer und weiblicher Blick) aufscheint, die jenem westlichen/weißen/männlichen Kanon sein oftmals geglättetes Selbstverständnis nimmt. Dieses Reframing von Szenerien des neuzeitlichen westlichen Theaterkanons möchte das Projekt anbinden an eine Auseinandersetzung damit, wie angesichts gegenwärtiger gesellschaftlicher Herausforderungen (z.B. Individualisierung) relevante Formen des Chors/ des Kollektivs aussehen können.

Das Projekt greift die im Mittelpunkt stehende Vermittlung zwischen Individuum und Kollektiv auch räumlich auf und spiegelt sie in einem Erfahrungsraum wider: Installativ angelegt, ist die klassische Trennung von Bühnen- und Zuschauerraum aufgehoben, Performer*innen und Publikum befinden sich im selben Raum. Der Maler, Zeichner, Grafiker und Bühnenbildner Mark Lammert zeichnet sich für die Raumgestaltung verantwortlich. Er entwickelte bereits Bühnenbilder für so renommierte Regisseure wie u. a. Heiner Müller sowie Dimiter Gotscheff, ist seit 2011 Professor für Malerei und Zeichnung an der Universität der Künste Berlin und Mitglied der Akademie der Künste. Lammert erhielt den Grafikpreis der Kunstmesse Dresden und den Käthe-Kollwitz-Preis der Akademie der Künste.

Uraufführung mit Texten von Ebru Nihan Celkan, Karima El Kharraze, deufert + plischke, Zhu Yi, Björn SC Deigner, Antigone Akgün, Sophokles, Molière, Samuel Beckett, William Shakespeare, Johann Wolfgang Goethe, Friedrich Schiller

Trailer: https://vimeo.com/493688142

Regie: Sebastian Blasius
Dramaturgie: Dirk Baumann
Raum: Mark Lammert
Licht: Jakob Boeckh
Assistenz: Leonie Hahn

Mit: Alexandra Finder, Fabian Hagen, Berit Jentzsch, Francesco d’Amalio, Brigitta Schirdewahn, Maria Helgath

Aufführungen:
4. Dezember um 19.00 Uhr
5. Dezember um 18.00 Uhr
Ort: studioNAXOS, Naxoshalle, Waldschmidtstr. 19, 60316 Frankfurt am Main
Corona-Info: Zutritt entsprechend 3G-Regel
Tickets: www.studionaxos.de/programm
Eintritt: solidarisches Preissystem

Pressestimmen

„Eine hoch elaborierte, in seiner fragmentarischen Dichte kryptisch bleibende Sprech-Spiel-Choreografie ist daraus geworden, die Mythen und Stile zu verknüpfen sucht (…). Die Spieler gehen dabei immer gemäßigt, gezielt quer im leeren Raum umher, positionieren sich bedächtig zu Tableaus, schauen sich spannungsreich an und wippen ihre eigenen Rhythmen. Gesucht ist in allem der Chor der Vielen.“ (Doris Meierhenrich, Berliner Zeitung)

„Die performative Spekulation über chorische Formen des Zusammenseins liest sich (…) als kritischer Kommentar über die beschädigte Gesellschaft des „Westens“, in der Begriffe wie Solidarität, Ethik oder Gerechtigkeit jede Bedeutung verloren haben und keinen Bezug mehr zur sozialen Praxis herstellen können. (…) (Es) stellt sich die entscheidende Frage: wie kann man zusammen und dennoch anders und divers sein?“ (Dr. Andrej Mircev, Tanzschreiber.de)

Sebastian Blasius

ist Regisseur, Choreograf und Theaterwissenschaftler. Er realisiert Projekte an der Schnittstelle von darstellender, bildender und akustischer Kunst, die bundesweit und international Aufmerksamkeit erfahren. Leitmotivisch befasst er sich Themen wie Identität, kulturellem Erbe, dem Verhältnis zwischen Zuschauern und Ausführenden und dem Handlungscharakter von Kunst. Seine Arbeit begreift er beständig als Forschung, die verschiedene künstlerische, theoretische und politische Strategien in einen Dialog bringt.

In einer Reihe von Inszenierungen an der Grenze von Tanz und Schauspiel griff Sebastian Blasius auf frühere ikonographische Aufführungen zurück, um diese zunächst zu rekonstruieren und dann mit eigenen Fragestellungen zu überschreiben. Seit 2014 arbeitet er verstärkt an installativen Performances, darunter auch im Galerie- und Museumskontext. Er doziert an Universitäten und Hochschulen in den Bereichen Theorie und künstlerische Praxis. Das Fachmagazin ‚Theater der Zeit‘ nannte Sebastian Blasius „eine wichtige Stimme in der aktuellen Theaterlandschaft“. sebastianblasius.com