studio NAXOS Frankfurt: Letzte Folge von ROT ODER TOT ab 5. Dezember

Der Stoff der letzten Tage der DDR ist aus Euphorie, Mut und Hoffnung, aus Enttäuschung, Ahnungslosigkeit und Verzweiflung gewebt. Die verkrusteten Strukturen des alten SED-Staates sind aufgebrochen und plötzlich scheinen ungeahnte Veränderungen möglich. Doch wie umgehen mit der neugewonnenen Freiheit? Und um was für eine Art von Freiheit handelt es sich dabei?
Im letzten Teil von ROT ODER TOT nehmen uns die Protagonistinnen mit in die wilden 90er Jahre, in denen plötzlich alles möglich scheint: Reform und Rechtsruck, Annäherung und Fremdheit, Selbstverwirklichung und Selbstverleugnung, Aufstiegschance und Arbeitslosigkeit.

Über die Produktion

30 Jahre nach dem Mauerfall ist die aktuelle Geschichtsschreibung über die DDR größtenteils immer noch an den westdeutschen Identitätsbedürfnissen ausgerichtet. Erfahrungen und Werte der Ostdeutschen, die keine dieser Identitäten bestätigten, werden dadurch als falsch und irrelevant gekennzeichnet oder erst gar nicht behandelt.
Die Gruppe ELEGANZ AUS REFLEX um die Regisseurin Carolin Millner setzen diesem einseitigen Geschichtsbild ein komplexes und interaktives Erzählen entgegen, in dem sie die Protagonist*innen der damaligen Kulturund Arbeiterszene der DDR auf die Bühne holen und damit die politische Richtung eines anderen, sozialistischen Deutschlands diskutieren. Dabei kommen uns die Fragen gespenstisch nahe und erzählen sehr viel über unsere kapitalistische Gegenwart und die Sehnsucht nach einer wirklichen Alternative.

ROT ODER TOT Folge 5/5*

Premiere in der Naxoshalle Frankfurt/M: 5. Dezember 19

Weitere Vorstellungen: 6., 7., 13. und 14.12., jeweils 20.00 Uhr
*Alle Teile von ROT ODER TOT funktionieren als eigenständiger Theaterabend ohne Vorkenntnisse der bisherigen Folgen.

Regie: Carolin Millner
Bühne: Marcus Morgenstern & Nils Wildegans
Dramaturgie: Theresa Selter
Konzeptionelle Beratung: Fee Römer
Kostüm: Maylin Habig
Regieassistenz: Ivana Mitric
Dramaturgieassistenz: Maria Tsitroudi
Kostümassistenz: Jule Räsch

Spieler*innen: Sarah Gailer / Johanna Miller

Die Produktion entstand in Kooperation mit studioNAXOS. Ermöglicht wurde das Projekt durch das Kulturamt Frankfurt am Main, dem Ministerium für Kunst und Wissenschaft des Landes Hessen, dem Kulturfonds Rhein Main und flausen-young artists in residence.

studioNAXOS // Waldschmidtstr. 19, 60316 Frankfurt am Main
Reservierungen unter studionaxos.de


Stimmen zu bisherigen Teilen

30 Jahre Mauerfall. DDR-GESCHICHTE ALS THEATERPROJEKT. Ludger Fittkau interviewt Carolin Millner im Deutschlandfunk, 4. Oktober 2019: deutschlandfunk.de

„Wie versetzt man ein Theaterpublikum unmittelbar in eine andere Zeit, etwa in die achtziger Jahre der Deutschen Demokratischen Republik? Man kann es beispielsweise direkt als Versammlung adressieren, als FDJ-Gemeinschaft, und es ernsthaft auffordern Vorschläge einzubringen. Es geht darum, wie einer jungen Genossin geholfen werden kann, bei der es mit der Ausbildung nicht gut läuft. Das ist noch eine unverfängliche und zeitlose Frage. Doch was, wenn man Entscheidungen zu den essentiellen Fragen dieser Zeit treffen soll: Bleiben oder gehen? Die DDR reformieren oder die Mauer einreißen und sich der Bundesrepublik anschließen? Die lassen sich nicht immer ganz so leicht beantworten, wie es scheint. […] Die Konversationen werden selten in direkter Dialogform dargeboten, sondern fast immer über das Publikum geführt, und obwohl der Text in großen Teilen persönliche Positionen vorbringt und sich nah an eine Alltagssprache schmiegt, behält er doch eine hohe literarische Qualität.

Millners Inszenierung verzichtet auf unnötige Dekoration und stellt den Diskurs in den Mittelpunkt.“
(FAZ, David Rittershaus, 20. Juli 2019, Kritik zu ROT ODER TOT 4, „IN DER GUNDERMAN-DDR“)

„…das vorliegende Projekt knüpft an entsprechende Versuche der Auseinandersetzung mit der deutschdeutschen Geschichte in früheren Arbeiten von Frau Millner an und setzt sie auf eine gleichermaßen risikofreudige wie experimentierende Art fort.“ (Prof. Dr. Nikolaus Müller-Schöll, Goethe-Universität Frankfurt)

„Das ist einmal eine wirklich persönliche Eröffnung eines Theaterabends: Unvermittelt setzt der eine oder andere der Akteure sich neben die draußen vor der Naxos-Halle entspannt in der lauen Sommernacht wartenden Zuschauer, stellt ihnen eine Frage, verwickelt sie in ein Gespräch, bittet dann freundlich hinein. Dort wird schon heftig über die Frage diskutiert, ob eine junge Frau Vorarbeiterin in ihrem volkseigenen Betrieb werden soll und die meisten im Publikum raten ab. […] So gleitet man unversehens mitten hinein in die Probleme des real existierenden Sozialismus, in der DDR, den das Künstlerkollektiv ELEGANZ AUS REFLEX unter der Überschrift ROT ODER TOT inszeniert hat. Unter der Regie von Carolin Millner verschwindet der Unterschied zwischen den erkennbaren Schauspielern und den spontanen Wortbeiträgen aus dem Publikum. Denn hier gibt es kein Draußen und Drinnen, alle sitzen im selben Staatsboot und ringen um die existenziellen Fragen des Aufbaus einer sozialistischen Gesellschaft. […] Es wird nicht auf den untergegangenen Staat eingedroschen, sondern gleichsam aus ihm heraus gefragt, wie es zu seinem Ende kam und ob nicht auch alles ganz anders hätte kommen können.“ (FAZ, Matthias Bischoff, 05. Juli 2018, Kritik zu ROT ODER TOT 3: – AN KAPITALISMUS MUSST DU NICHT GLAUBEN. ER IST EINFACH DA.)

„Die beeindruckend umfangreiche Recherche gewinnt durch die Genauigkeit der Darsteller und eine Bühne, die zugleich öffentlicher wie privater Raum, Tribunal wie Zuschau-Ort ist, künstlerische Plastizität und Überzeugungskraft.“ (Prof. Dr. Dagmar Borrmann, Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main)

Über Eleganz aus Reflex

Mit ELEGANZ AUS REFLEX stehen die jungen Künstler*innen für eine Form des Sprechtheaters, die in enger Verbindung zu Performance und installativer Kunst steht. In der Auseinandersetzung mit geschichtlichen Themen schlagen sie subtile Verbindungen ins Heute und entwickeln Welten, die zwischen Blick in die Vergangenheit und einer utopisch-dystopischen Zukunft oszillieren. Sie glauben daran, dass subversive Kritik von Gegenwart nicht ohne den Blick in die Vergangenheit auskommt.

Carolin Millner, Maylin Habig, Fee Römer, Magdalena Wabitsch und Nils Wildegans bilden den Kern von ELEGANZ AUS REFLEX. Sie arbeiten Recherche-basiert zu motivischen oder thematischen Setzungen (wie zuletzt zur DDR) und mit professionellen Schauspieler*innen. Dabei entstehen Stückentwicklungen, die Sprechtheater und immersive Installation vereinen. Inhaltliches Interesse sind bei ihren Arbeiten Identitäts-Wahrheits- und Erinnerungspolitiken und die gesellschaftlichen wie individuellen Verhältnisse zu diesen. Außerdem bilden Verlust und die Ökonomisierung aller Lebensbereiche das Interesse der Auseinandersetzung.
Häufig arbeiten sie dabei mit Archivmaterial, und verwenden Filme, Theaterstücke, Romane sowie Sachbücher, Tagebucheinträge und Briefwechsel dieser Zeit. Sie versuchen dabei dennoch ein oder mehrere Narrative zu finden, die durch den Abend führen. Wichtig sind ihnen performative Qualitäten des „Unspektakulären“, des natürlichen konfrontativen Sprechens, um eine Aktivierung im Sehen, Zuhören und Anteilnehmen bei den Zuschauer*innen zu stiften, sowie subtiler Humor.

Über Carolin Millner

Carolin Millner ist Regisseurin, Mitbegründerin und Teil der künstlerischen Leitung von studioNAXOS – einer Plattform für junge, freischaffende Künstler*innen Hessens – und Mitglied der Gruppe ELEGANZ AUS REFLEX. Geboren in Halle an der Saale, aufgewachsen in Berlin und Stuttgart, absolvierte sie zunächst ein Studium der Dramaturgie, Soziologie und neueren deutschen Literatur an der LMU München in Kooperation mit der Theaterakademie August Everding in München. Darauf folgte ein Regiestudium in Frankfurt am Main und Zürich, das sie 2019 beendete.
Seit 2014 inszeniert sie an Produktions- und Theaterhäusern wie dem Künstlerhaus Mousonturm, dem studioNAXOS, dem Badischen Staatstheater Karlsruhe, dem Landestheater Neuss und dem Schlosstheater Celle.
Ihre Inszenierungen wurden am Theaterdiscounter in Berlin, dem jungen theater Göttingen und dem Staatstheater Augsburg gezeigt, sowie zu Festivals wie, „frisch eingetroffen“ bei zeitraumexit in Mannheim, „KaltstartPro“ Hamburg, den Hessischen Theatertagen in Gießen, dem „Outnow-Festival“ in Bremen, dem 100° Festival Berlin, dem Büchner Festival in Gießen, dem flausen-Festival nach Bielefeld und dem made in Hessen Festival nach Wiesbaden und Darmstadt eingeladen.
Für ihre Performance zu Wilhelm Tell gewann Carolin Millner den Publikums- und Jurypreis der Versionale in Leipzig, in diesem Jahr folgte für die zweite Folge von ROT ODER TOT der jurypreis des made Festivals. Daneben erhielt sie mehrere Residenzen (Fatzertage in Mülheim an der Ruhr sowie ein flausen-young artists in residence Recherchestipendium und in diesem Jahr eine Residenz im Frankfurt LAB). Sie ist Alumni des DAAD sowie der Polytechnischen Stiftung als auch der Freunde und Förderer der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main.
Carolin Millners Arbeiten zeichnen sich durch eine choreographische Erzählform aus. Einen Schwerpunkt bildet dabei die Lust an der Entwicklung material- und themeninhärenter Erzählsprachen.

caromillner.com

Über studioNAXOS

studioNAXOS ist ein freies Produktionshaus in der Frankfurter Naxoshalle für zeitgenössischen Tanz und Theater. Es entstand 2014 aus dem Zusammenschluss von Studierenden der Hessischen Theaterakademie und hat sich in Zeiten großer Raumnot der Theaterschaffenden in Frankfurt als freies Produktionshaus in der Stadtgesellschaft und daruber hinaus einen Namen gemacht: Produktionen aus dem studioNAXOSProduktionsverbund waren in den letzten drei Jahren bei allen wichtigen deutschen Newcomer-Festivals vertreten (Korber-Festival, Radikal Jung, Out Now! Festival, Fast Forward Festival, Impulse Festival etc.) und wurden in zahlreiche andere Theater zu Gastspielen eingeladen. studioNAXOS kooperiert außerdem mit vielen lokalen Partnern und Forderinstitutionen wie dem Lichter Filmfest oder den Goethe-Festwochen und wird seit 2018 von der Stadt Frankfurt institutionell gefordert. Seit 2018 ist studioNAXOS daruber hinaus im deutschlandweiten Netzwerk Freier Theaterhauser (NFT).

studioNAXOS wird getragen vom Naxos-Bund zur Förderung junger Künstler*innen in Hessen e. V.

studionaxos.de