Staatstheater Wiesbaden gedenkt Schauspieler Franz Nagler

Der Schauspieler Franz Nagler ist tot. Franz Nagler war in den Jahren 2002 bis 2008 prägendes Ensemblemitglied des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, und auch in den Jahren danach – als er aus freien Stücken ausgeschieden war – blieb er dem Haus als regelmäßiger Gast noch lange Zeit verbunden.

Erste Karrierehöhepunkte erlebte Franz Nagler am Theater Heidelberg in der Zusammenarbeit mit dem Regisseur David Mouchtar-Samorai – in dessen Inszenierung von Marlowes »Edward II.« gastierte Nagler 1982 auch beim Berliner Theatertreffen. Am Schauspiel Frankfurt spielte er 1985, gemeinsam mit Uwe Eric Laufenberg, in der skandalträchtigen Uraufführung von Rainer Werner Fassbinders »Der Müll, die Stadt und der Tod« in der Regie von Dietrich Hilsdorf, mit
dem Nagler auch später immer wieder fruchtbar zusammenarbeitete.

Manfred Beilharz holte ihn 1992 in sein Ensemble an das Theater in Bonn, ehe beide 2002 nach Wiesbaden wechselten.

In ihren Nachrufen würdigen die Intendanten Uwe Eric
Laufenberg und Manfred Beilharz Franz Nagler als »Urviech« und »starke Persönlichkeit« und
heben seine »übergroße Liebe zum Theater« hervor.

Am 28. November 2021 ist Franz Nagler in Heidelberg mit 77 Jahren verstorben.


Uwe Eric Laufenberg

(Intendant Hessisches Staatstheater Wiesbaden)

Franz Nagler war das, was man im Theater ein »Urviech« nennt. Das ist eine Art von
Schauspielern, die erstens sehr selten ist, die zweitens, wenn sie auftritt, nicht übersehen werden
kann, und drittens das Theater so in ihrem Blut hat, dass sie immer und überall sofort mit dem
Theater loslegen kann. Was solche Menschen auch auszeichnet ist, dass sie eine übergroße Liebe
für das Theater hegen, und wenn sie an Leute geraten, bei denen sie wittern, dass diese große
Theaterliebe nicht geteilt wird, können sie für diese gefährlich werden. Zu dieser besonderen
kleinen Gruppe von Schauspielern gehörte Franz Nagler.

Sehr früh bin ich ihm begegnet, schon 1985 am Schauspiel Frankfurt, wo er festes Ensemblemitglied war und ich einen Vertrag als Schauspieler und als Regieassistent hatte. In Fassbinders Skandalstück »Der Müll, die Stadt und der Tod« standen wir zum ersten Mal zusammen auf der Bühne und mussten erleben, dass man uns nicht spielen ließ. Mitglieder aus der jüdischen Gemeinde hatten die Bühne besetzt, und die Aufführung fand nur ein einziges Mal als geschlossene Vorstellung statt. Es war einer der letzten großen Theaterskandale, der damals ganz Westdeutschland bewegt hat.

In verschiedenen Orten, u.a. in Bonn, bin ich Franz Nagler wieder begegnet. Für mich war jede Zusammenarbeit mit ihm ein Fest. Vielleicht auch deswegen, weil ich zu jenen Leuten gehörte, denen er die Theaterliebe glaubte. Franz Nagler war am Hessischen Staatstheater Wiesbaden unter der Ära von Manfred Beilharz zwölf Jahre lang festes Mitglied des Ensembles. Er wurde dann pensioniert, zog nach Heidelberg.

Wir waren immer wieder in Kontakt, ich versuchte, ihn trotz seines Ruhestandes noch einmal auf
die Bühne zu holen. Leider, leider ist das nicht gelungen.


Dr. Manfred Beilharz

Intendant Hessisches Staatstheater Wiesbaden 2002 – 2014

Franz Nagler war eine starke, auffällige Persönlichkeit. Auf der Bühne und im Leben. Bei Bühnenproben war er stets auf hoher Betriebstemperatur. Manchmal ein Vulkan kurz vor dem Ausbruch. Es kostete den jeweiligen Regisseur einige Energie, ihm ganz leise und zurückgenommene Gesten und Töne abzuringen. Wenn das aber gelang, gehörten seine Rollen zu den Sternstunden unseres Berufes: Big Daddy in Tennessee Williams’ »Katze auf dem heißen Blechdach« 2004 in der Regie von Dietrich Hilsdorf, oder Sir Toby in Shakespeares »Was ihr wollt« in der Regie von Tilman Gersch 2005. Oder früher in Bonn: Franz Nagler als Hofmarschall von Kalb in András Fricsays »Kabale und Liebe« – ein bemitleidenswertes Häufchen Elend, das einen zu Tränen rührte.

Er selber spielte indessen am liebsten die Außenseiter in Uraufführungen und schätzte die schrägen Regisseure wie Herbert Fritsch 2010 mit Ben Johnsons »Volpone«. Bei mir spielte Franz zuletzt Rollen in Horváth- und Ibsen-Stücken. Vor allem aber war er der Doktor im »Woyzeck« von Georg Büchner – ein monströses Exemplar irregeleiteter Wissenschaft.
Unsere Gastspiele mit diesem Stück in China, der Türkei, Polen und Slowenien freuten ihn besonders – war es doch eine willkommene Unterbrechung des bekannten Theateralltags. In Ljubljana hat er sich bei der Generalprobe am Aufführungstag beim Abgang im Dunkeln leider verletzt. Wir brachten ihn ins Krankenhaus und hatten schon eine Umbesetzung vorgesehen. Am Abend war er wieder da. Mit den Worten: »Mein Geburtsort in Österreich liegt direkt hinter der slowenischen Grenze. Ich werde doch mein Heimspiel nicht absagen. Außerdem ist Familie im Zuschauerraum.« Und er spielte den Doktor bravourös, wahrscheinlich unter großen Schmerzen.

Fast 30 Jahre kannten wir uns, davon war er 22 Jahre festes Mitglied in meinen Ensembles in Bonn und Wiesbaden. Immer wollte Franz Nagler das volle, pralle, vitale Leben. Jetzt ist er im Alter von 77 Jahren plötzlich verstorben.


Uwe Kraus

Schauspieler am Hessischen Staatstheater Wiesbaden

Vor mir liegt ein Foto, aufgenommen bei unserem letzten Treffen im September. Darauf lacht Franz sein unglaubliches Lachen: herzhaft, schallend, fast ein wenig theatralisch.
Dieses Lachen beschreibt ihn am besten, es ist ein »Ganz-oder-gar-nicht-Lachen«. Alles oder nichts! – So lebte er, so liebte er, so spielte er Theater: leidenschaftlich, berserkerhaft.
Man konnte mit ihm so herrlich streiten! Und dann darüber lachen. Und weinen. Und sentimentale Lieder singen. Und über Gott, die Welt und ihr schönstes Irrenhaus, das Theater, philosophieren; über »die Horizontale« und »die Vertikale«. Und er konnte so schön laut werden dabei… Legendär war er als Gastgeber, großzügig, ein fröhlicher Geber. Seine privaten Pokerrunden dauerten bis zum Morgengrauen. Er liebte es, Freunde zu bekochen (!) und zu bewirten – und da bogen sich dann die Tische unter erlesenen Speisen und edlen Getränken, serviert auf feinstem Porzellan und in herrlichen Pokalen. Pompös ist das passende Wort dafür. Oder barock, ja, er war ein barocker Mensch. Und er war mir ein Freund. Und der ist in unserem Metier, unter Schauspielern, nicht leicht zu finden. Franz, mein Lieber, Du wirst mir fehlen. Sehr.


Monika Kroll

Schauspielerin am Hessischen Staatstheater Wiesbaden

Lieber Franz! Soviel haben wir zusammen gespielt – gearbeitet –diskutiert –erlebt und vor allem gelacht! Ich danke Dir für all die schöne Zeit, die ich (noch bis vor kurzem) mit Dir erleben durfte! Danke! Du warst ein wunderbarer Freund – ein wundervoller Gastgeber – ein grandioser Koch – ein anstrengender, aber herrlicher Kollege, und ein sehr außergewöhnlicher Schauspieler mit Herz und Mut!

Nicht nur ich, sondern sehr, sehr viele Menschen werden Dich schmerzhaft vermissen.

Trotz allen Impfungen, Vorsorge und Rücksicht auf andere hat der Coronavirus zugeschlagen – das ist sehr tragisch und macht uns alle hilflos… es ist unfassbar…

Niemals werde ich Deine Worte vergessen, wenn eine Probe oder etwas im Theater völlig falsch lief: »Achtung, Achtung – hier spricht die Theaterpolizei!« In Liebe Deine Moni