Staatstheater Nürnberg Ballett präsentiert „Exquisite Corpse Extra“ als Online-Ausgabe

Junge Choreografinnen und Choreografen aus der eigenen Compagnie zeigen elf Stücke in drei Episoden – erstmals aufgenommen auf der Opernbühne

Staatstheater Nürnberg Ballett ~ Exquisite Corpse Extra (UA) - Me Inside Me ~ Choreografie: Carlos Blanco ~ Im Bild: Carlos Blanco ~ Foto: Bettina Stöß

Ab dem 10. April ist das Staatstheater Nürnberg Ballett auf ganz besondere Weise zu erleben: In drei verschiedenen Episoden geht „Exquisite Corpse Extra“ jeweils um 19.30 Uhr an drei Samstagen im „Digitalen Fundus“ online. Das 2011 entstandene, erfolgreiche Projekt „Exquisite Corpse“ bietet den Tänzerinnen und Tänzern des Ensembles eine Plattform, ihre ersten eigenen Choreografien auf die Bühne zu bringen. 2021 ist die Reihe als „Extra“-Ausgabe erstmalig für die Bühne des Opernhauses und zudem als rein digitale Version konzipiert worden. Für die Künstlerinnen und Künstler eine besondere Herausforderung und Chance: Entstanden sind elf vielseitige, ausdrucksstarke Stücke.

Das Format „Exquisite Corpse“ zeigt die Mitglieder des Ballett-Ensembles in neuem Licht: Als Choreografinnen und Choreografen entwickeln sie frei von thematischen Vorgaben eigene Inhalte und Bewegungssprachen. Für die Kreation eines Stückes ist neben Talent und Ideen die praktische Unterstützung unterschiedlicher Abteilungen des Theaters und damit eine gute Planung erforderlich. Ganz besonders ist Teamgeist gefragt, denn jede Choreografin und jeder Choreograf tanzt auch in Kreationen der Kolleginnen und Kollegen. Die elf facettenreichen Choreografien der „Extra“-Ausgabe sind unter den erschwerten Bedingungen der Pandemie entstanden und zum Teil auch inhaltlich von dieser Erfahrung geprägt. Einige der insgesamt dreizehn jungen Choreografinnen und Choreografen haben bereits eine Reihe von eigenen Arbeiten kreiert, andere haben sich erstmals auf neues Terrain gewagt. Mit sechs Choreografinnen sind die weiblichen Talente dabei stark vertreten. Die Stücke zeigen zeitgenössischen Tanz in all seinen Facetten und vielen Bewegungssprachen, erzählen kleine Geschichten mit Humor und Tiefsinn oder be-leuchten kritisch aktuelles Zeitgeschehen. Sie sind ab dem 10. April in drei Episoden im „Digitalen Fundus“ des Staatstheaters Nürnberg zu erleben.

Programm „Exquisite Corpse Extra (UA)“

1. Episode: Ab 10. April 2021, ab 19.30 Uhr on demand im „Digitalen Fundus“

In „Me Inside Me” verbildlicht der Kubaner Carlos Blanco mittels einer sehr konzentrierten Körpersprache seine poetische Innensicht auf eigene Gefühlswelten und auf die Frage, wie man sich seinem Gegenüber erklärt, die richtigen Worte für Emotionen findet. Der brasilianische Tänzer und Choreograf Edward Nunes hat mit „Maria“ eine Choreografie für sechs Tänzerinnen entwickelt, die die Unterdrückung der Frau behandelt. Gewidmet ist das sehr persönliche Stück seiner Mutter, die auch namensgebend war. „Music for Spirit Monkeys“ von Andy Fernández ist ein Ensemblestück. Der US-Amerikaner mit puertoricanischen Wurzeln beschäftigt sich darin mit der Wirkung von Musik und Sound auf unseren Körper. Der Komponist Mason Johnston schuf dafür eigens einen Soundteppich, der an die Rhythmen des Hip-Hop erinnert. Auch die Bewegungssprache ist stark an die des Hip-Hop angelehnt.

2. Episode: Ab 17. April 2021, ab 19.30 Uhr on demand im „Digitalen Fundus“

Der Brasilianer Lucas Axel thematisiert in seinem Stück „Indoor“ die Beengung durch auferlegte Isolation, das Eingeschlossensein und die mangelnde Kommu-nikation mit Mitmenschen und bringt dies in Form eines Männer-Duetts auf die Bühne. Lichtdesign sowie Raumkonzept der Choreografie verstärken das Gefühl des Gefangenseins. „Matumaini“ bedeutet „Hoffnung“ auf Suaheli. Die südafrikanische Choreografin Sarah-Lee Chapman lehnt ihre Choreografie an den Regentanz eines südafrikanischen Stammes an. Für die Gestaltung der rituellen Klänge konnte sie den in Kapstadt ansässigen Klangschöpfer Dane Taylor gewinnen, dem sie das Stück auch gewidmet hat, nachdem er eine schwere Krebserkrankung überwunden hat. Auch die US-Amerikanerin Kate Gee verarbeitet in ihrem Solo die durch die Pandemieauflagen verursachte Isolation, den Verlust von Freiheiten und das verunsichernde Chaos. Welche Konstante existiert in solch einem Zustand noch? Können Glaube, Moralvorstellungen und Werte den erhofften Halt geben? Fragen wie diese stellt „The Undoing“ in den Mittelpunkt und pointiert zudem den Kontrast zwischen Festhalten und Loslassen. Die Belgierin Sofie Vervaecke beschäftigt sich in ihrem Ensemblestück „Peculiar Mortals“ – was in etwa „eigentümliche Sterbliche“ bedeutet – mit aktuellen sozialpolitischen Fragen und geht auf humorvolle Weise mit dem brisanten Thema Selbstverwirklichung und Individualismus um. Zu treibenden Techno-Beats lässt sie die Tänzerinnen und Tänzer auf der Bühne ihre Vielfältigkeit und Einzigartig-keit feiern.

3. Episode: Ab 24. April 2021, ab 19.30 Uhr on demand im „Digitalen Fundus“

Die aus Japan stammende Chisato Ide reflektiert mit „The Path“ die Entwicklung verschiedener persönlicher Lebenswege. Sechs Tänzerinnen und Tänzer zeigen in Soli und Duetten eigene (Lebens-)Geschichten. Minimalistisch und überraschend variantenreich breiten die Instrumentalisten Yann Tiersen und Ólafur Arnalds den Klangteppich dazu aus. Loslassen – damit frei werden fürs Vorwärtsgehen – und neue Schritte wagen, kann zu einem tückischen inneren Kampf werden. Mit „Vicious“ beschreibt die Niederländerin Bo Jacobs in einem varianten- und kontrastreichen Solo die Su-che heraus aus alten Mustern, um vertrauensvoll neue Wege beschreiten zu können. In „Day 100“ nähert sich der Spanier Oscar Alonso an die Gefühle der Menschen in seiner Heimat an, die die extrem harte Isolation des ersten Lockdowns dort hervorgerufen hat. Balkone und Fenster wurden allabendlich zu einem wichtigen Treffpunkt. Drei Tänzerinnen und Tänzer schweben im frühlingshaften Rausch und tanzen sich regelrecht aus ihren Begrenzungen frei.

Michael García, Victor Ketelslegers und Ana Tavares beschäftigen sich in „You know, it’s like…“ mit der Unerfüllbarkeit von Dingen und dem menschlichen Drang, alles definieren oder erklären zu wollen. In einem tanztheaterartigen Dia-log wird eine Gruppe von Menschen porträtiert, die immer wieder in eine Art Orientierungslosigkeit verfällt und sich nicht einigen kann, wie das Zusammenleben gestaltet werden soll. Das schwarzhumorige Stück mit kreativen Slapstick-Einlagen zielt durchaus auch auf die Lachmuskeln ab.


Exquisite Corpse Extra (UA)

Choreografien: Oscar Alonso, Lucas Axel, Carlos Blanco, Sarah-Lee Chapman, Andy Fernández, Michael García/Victor Ketelslegers/Ana Tavares, Kate Gee, Chi-sato Ide, Bo Jacobs, Edward Nunes, Sofie Vervaecke

Mit: Sarah-Lee Chapman, Olga García, Kate Gee, Yeonjae Jeong, Chisato Ide, Bo Jacobs, Karen Mesquita, Natsu Sasaki, Ana Tavares, Stella Tozzi, Sofie Vervaecke Nicolás Alcázar, Lucas Axel, Carlos Blanco, Andy Fernández, Michael García, Vic-tor Ketelslegers, Edward Nunes, Gerson Sanca, Jaime Segura, Juliano Toscano

Zum „Digitalen Fundus“: staatstheater-nuernberg.de