Staatstheater Mainz: Vorstellung des Spielplans 2019/20

Außenansicht des Staatstheater Mainz (© Andreas Etter)

Das neue Programm ist da. Intendant Markus Müller präsentierte am heutigen Freitag gemeinsam mit Ina Karr (Chefdramaturgin Oper), Jörg Vorhaben (Chefdramaturg Schauspiel), Honne Dohrmann (Tanzdirektor) und Hermann Bäumer (Generalmusikdirektor) den Spielplan der Saison 2019/20 am Staatstheater und das druckfrische Jahresheft.

„In deiner Haut will ich nicht stecken“, heißt es, wenn wir auf keinen Fall mit unserem Gegenüber tauschen wollen. Im Theater aber tun wir explizit eben dies – die Perspektive wechseln, „mit den Augen des Anderen“ (Georg Büchner) auf die Welt und uns selbst blicken. Die Fähigkeit zu Empathie wird heute viel beschworen, während zugleich der gefährliche Impuls wächst, sich vor der Vielstimmigkeit und Komplexität unserer Gegenwart zu verschließen. Das ist nicht nur ein soziales, sondern vor allem ein politisches Thema: Multiperspektivität beschreibt das Grundprinzip demokratischer Gesellschaften, deren Verweigerung und der Rückzug auf einen unveränderlichen Standpunkt gefährdet sie im Kern. Das Theater aber öffnet uns eine Probebühne für uns selbst – ein großes Übungsgelände für Empathie, in dem wir gefahrlos in die Haut eines anderen schlüpfen und uns das fiktive Erfahrungswissen der Figuren borgen können. Das Programm aller Sparten am Staatstheater Mainz ist eine Einladung, dies in der Spielzeit 2019/20 wieder gemeinsam zu unternehmen.

Staatstheater Mainz: Spielzeit-Pressekonferenz (12. April 19)
Honne Dohrmann, Markus Müller, Ina Karr, Hermann Bäumer, Jörg Vorhaben
© Andreas Etter

SCHAUSPIEL
Der Spielplan 2019/20 im Schauspiel wird geprägt von großen Ensemblestücken und einem Schwerpunkt auf genuin dramatischen Stoffen – die sich wiederum durch ihre facettenreichen Frauenfiguren auszeichnen, wie Tschechows Drei Schwestern, Horvaths Geschichten aus dem Wiener Wald und Arthur Millers Hexenjagd. Ein starkes Ensemble und ein umfangreiches, stets wachsendes Repertoire sind seit Beginn der Intendanz vor fünf Jahren wesentlich für das Profil der Sparte. Mit 15 Premieren und 19 Wiederaufnahmen ist das Schauspielprogramm ebenso umfangreich wie vielfältig. Inhaltlich schreibt sich auch im Spielplan 19/20 die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen und politischen Themen fort – ästhetisch übersetzt in die verschiedensten Theaterformen: als moderner Klassiker, als Projekt wie in Lucas de Mans In Search of Democracy 3.0., als Monolog wie in der deutschsprachigen Erstaufführung von Aggro Alan, als Uraufführung und Stückentwicklung wie u.a. in Wer werden oder als Romanadaption wie mit Heinrich Manns Der Untertan.

Ein weiteres wesentliches Prinzip der Theaterarbeit in Mainz bleibt die kontinuierliche Vernetzung mit Partnertheatern und internationalen Künstler*innen. Mit mehreren Austauschgastspielen (aus Köln, Luxemburg, Mülheim u.a.) macht sich diese auch in der kommenden Saison bereichernd bemerkbar. In der Regie wird die erfolgreiche Zusammenarbeit mit K.D. Schmidt, Jan-Christoph Gockel, Asli Kişlal, Alexander Nerlich, Brit Bartkowiak u.a. fortgeführt. Unter anderem Hannah Biedermann und Maren E. Bjørseth werden erstmals am Staatstheater Mainz inszenieren.

OPER
Mit Luigi Nono setzt auch das Musiktheater einen dezidiert politischen Schwerpunkt. Al gran sole carico d’amore verhandelt textlich, anders als der poetische Titel vermuten lässt, Revolutionen – oder besser: deren Scheitern. Musikalisch ist Nonos Werk von 1975 herausfordernd, was u.a. nach den erfolgreichen Deutschen Erstaufführungen von Pascal Dusapins Pérelá und Georges Aperghis’ Avis de Tempête sowie der Uraufführung von José M. Sánchez-Verdús Argo eine Kontinuität der Opernsparte in der Auseinandersetzung mit anspruchsvollen, zeitgenössischen Stücken beschreibt.
Musikalisch aus einer völlig anderen Zeit, aber nicht weniger politisch, geht es auch in Modest Mussorgskijs Boris Godunow um gesellschaftliche Umbrüche und Aufstände, die Macht Einzelner und die Wankelmütigkeit der Masse.
Zum Beethoven-Jahr 2020 denkt Hausregisseur Jan-Christoph Gockel, der zu diesem besonderen Anlass Kontakt zur Nachbarsparte aufnimmt, wie gewohnt groß: In einer spartenübergreifenden Produktion wird kein einzelnes Werk aufgeführt – stattdessen wird Gockel gemeinsam mit Generalmusikdirektor Hermann Bäumer und Puppenbauer Michael Pietsch der Musik, dem Mythos und der Biografie des Komponisten auf ungewöhnliche Art die Bühne des Großen Hauses bereiten.
Spartenübergreifend ist auch der Zugriff bei der Musicalproduktion The Producers, eine rabenschwarze und hochkomische Satire auf das Showbusiness, die ebenfalls im Großen Haus zu sehen sein wird.
Von der Barockoper Zanaida im Kleinen Haus über Puccinis Manon Lescaut im Großen Haus bis zu Uraufführungen der Hörtheaterreihe in der Filiale wird der zeitliche und ästhetische Bogen auch in der kommenden Opernspielzeit wieder weit gespannt. Nach seinem erfolgreichen Auftritt als Sprecher in Der Ring an einem Abend kehrt Max Hopp als Regisseur von Zanaida zurück nach Mainz. Fortgesetzt wird die künstlerische Zusammenarbeit mit Elisabeth Stöppler und Anselm Dalferth. Und mit jungen Regisseur*innen wie Wolfgang Nägele, Gerard Jones oder Krystyn Tuschhoff, die erstmals in Mainz arbeiten, darf das Publikum außerdem auf neue Inszenierungshandschriften in der Sparte gespannt sein.

TANZ
tanzmainz bereitet auch in der kommenden Spielzeit wieder als Place of Creation internationalen Choreograf*innen und der tanzmainz-Company die Bühne. Zum einen können die künstlerischen Früchte dieser kontinuierlichen Arbeit geerntet werden, wenn im Kleinen Haus Sharon Eyals mit dem FAUST-Preis ausgezeichnete Choreografie Soul Chain wieder zu erleben ist (ab 17. September 19), Krawall im Kopf wegen des großen Erfolgs weiter auf dem Spielplan steht und auch Guy Weizmans und Roni Havers Freiheit wiederaufgenommen wird.
Zum anderen entwickeln u.a. mit Giuseppe Spota und Pierre Rigal spannende Choreografen neue Kreationen mit tanzmainz. Spota widmet sich in seiner Arbeit der Faszination und dem Schrecken der Natur. Tambora ist der Name eines indonesischen Vulkans, dessen Ausbruch Anfang des 19. Jahrhunderts vorübergehend weltweite Auswirkungen auf das Klima hatte. Unser paradoxes Verhältnis zur Natur, das sich zwischen der Sehnsucht nach unverfälschtem Idyll und dessen gleichzeitiger Zerstörung beschreiben lässt, wird Thema des Tanzabends – und der weltweit gefragte Lichtdesigner Avi Yuona Bueno „Bambi“ dazu beitragen, es uns ästhetisch außergewöhnlich nahe zu bringen.
Die Zusammenarbeit mit dem französischen Choreografen Pierre Rigal, der unter anderem für das Ballett der Pariser Oper gearbeitet hat, steht im Kontext eines größer angelegten Projekts des Institut Français. Die bereits bestehenden und kontinuierlich gepflegten Kontakte von tanzmainz mit dem französischen Tanz sollen ausgebaut und vertieft werden.
In dem Kooperationsprojekt 3D International mit der Göteborg-Operans Danskompani und dem Scapino Ballett aus Rotterdam wird jungen Tänzer*innen die Möglichkeit gegeben, sich als Choreograf*innen zu entwickeln – was in hohem Maße dem Profil der Tanzsparte in Mainz entspricht, das selbstbewusste Potenzial der künstlerischen Persönlichkeiten im Ensemble zu sehen und zu fördern.
Im tanzmainz festival UPDATE #3 schließlich, das unter dem Arbeitstitel The other Europe konzipiert wird, werden Choreograf*innen aus Ländern zu erleben sein, die sonst selten auf Festivals vorkommen – wie etwa Serbien, Griechenland oder Rumänien.

JUSTMAINZ
Auch in der Spielzeit 2019/20 wird das Programm der Kinder- und Jugendtheatersparte justmainz wieder von allen Sparten des Hauses bespielt. Im Schauspiel stehen mit Astrid Lindgrens Ronja Räubertochter im Großen Haus und Otfrid Preußlers Krabat im Kleinen Haus gleich zwei große Familienstücke auf dem Programm, wobei letzteres auch und gerade im Abendspielplan zu sehen sein wird. Die Oper zeigt auf U17 Das Kind der der Seehundfrau und das Hörtheater Fish Forward mit Werken von Ludwig van Beethoven, Heinrich Böll u.a. als Uraufführung im Kleinen Haus – und im Tanz gibt es ein Wiedersehen mit Andreas Denk, einem der profiliertesten Choreografen für Kinder und Jugendliche. Seine Choreografie Popcorn wird ihrem Namen Ehre machen und alles und jede*n durcheinanderschütteln.

Der vollständige Spielplan 2019/20 ist im Jahresheft und auf www.staatstheater-mainz.com zu finden.


Premieren Oper:

Hoffmanns Erzählungen (Jacques Offenbach; 1881), Premiere: 31. August 19 (Großes Haus)
The Producers (Musical von Mel Brooks und Thomas Meehan; 2001;spartenübergreifend), Premiere: 28. September 19 (Großes Haus;)
Boris Godunow (Modest Mussorgskij; 1869/1874), Premiere: 26. Oktober 19 (Großes Haus)
Zanaida (Johann Christian Bach; 1763), Premiere: 7. November 19 (Kleines Haus)
The Cold Trip – Eine Winterreise (UA) Hörtheater mit Werken von Franz Schubert und Bernhard Lang, Premiere/UA: 11. Januar 20 (Filiale und andere Orte)
Manon Lescaut (Giacomo Puccini; 1893), Premiere: 25. Januar 20 (Großes Haus)
Al gran sole carico d’amore (Unter der großen Sonne von Liebe beladen; Luigi Nono; 1975), Premiere: 14. März 20 (Großes Haus)
Beethoven (spartenübergreifende biografische Collage mit Musik von Ludwig van Beethoven), Premiere: 3. Mai 20 (Großes Haus)
Das Tal der Ahnen (eine imaginäre Prärie mit Werken von Henry Purcell, Franz Kafka, Frank Zappa u. a.; spartenübergreifend) Premiere/UA: NN (Filiale)

Premieren Schauspiel:

In Search of Democracy 3.0 (DSE; eine Live-Recherche-Performance von Lucas De Man, 2019), Premiere: 5. September 19 (U17)
Geschichten aus dem Wiener Wald (Ödön von Horváth, 1931), Premiere: 8. September 19 (Kleines Haus)
Aggro Alan (DSE; Penelope Skinner, 2017), 22. September 19 (Filiale)
Krabat (nach dem Roman von Otfried Preußler, 1971), Premiere: 6. Oktober 19 (Kleines Haus)
Nach dem Olymp (UA; Stückentwicklung von Jana Vetten und Ensemble, 2019), Premiere: 28. November 19 (U17)
Hexenjagd (Arthur Miller, 1953), Premiere: 7. Dezember 19 (Kleines Haus)
Nachts (Bevor die Sonne aufgeht) (DSE; Nina Segal, 2016), Premiere: 14. Dezember 19 (Filiale)
Werther (nach Johann Wolfgang von GoethesBriefroman Die Leiden des jungen Werthers, 1774; Fassung von Brit Bartkowiak und Boris C. Motzki, Premiere: 9. Februar 20 (Großes Haus)
Was denn da fehlt oder Wie ich im Datingportal Foucault kennen lernte (UA; ein Projekt von Vincent Doddema, 2020), Premiere: 13. Februar 20 (Filiale)
Drei Schwestern (Anton Tschechow 1901), Premiere: 29. Februar 20 (Kleines Haus)
Tage des Verrats (DSE; Beau Willimon, 2004), Premiere: 23. April 20 (Kleines Haus)
Der Untertan (nach dem Roman von Heinrich Mann, 1914/18), Premiere: 15. Mai 20 (Kleines Haus)

Premieren tanzmainz:
Tambora (UA; Giuseppe Spota)Premiere: 8. Dezember 19 (Großes Haus)
Welcome Everybody (UA; Pierre Rigal), Premiere: 4. April 20
3D International (UA; John Wannehag u. a.), Premiere: 25. April 20 (Kleines Haus)

Premieren justmainz:
Ronja Räubertochter (nach dem Roman von Astrid Lindgren, ab 6 Jahren), Premiere: 13. November 19 (Großes Haus)
Das Kind der Seehundfrau (Sophie Kassies, Musik von Robin Schulkowsky, ab 8 Jahren), Premiere: 14. Januar 20 (U17)
Popcorn (UA; Andreas Denk, ab 8 Jahren, Premiere: 11. Februar 20 (U17)
Wer werden (UA; eine Stückentwicklung von Hannah Biedermann, 2020, ab 12 Jahren), Premiere: 3. März 20 (U17)
Fish Forward (UA; Hörtheater mit Werken von Ludwig van Beethoven, Heinrich Böll u. a., ab 12 Jahren), Premiere: 25. März 20 (Kleines Haus)

Theaterfest: 24. August 19 (Tritonplatz und Staatstheater)
Operngala zur Spielzeiteröffnung: 25. August 19 (Großes Haus)