»Schluss mit Schlussstrich? Die Deutschen und ihre Erinnerungskultur« Filmvorführung und Diskussion im Schauspiel Frankfurt

»Schluss mit Schlussstrich?

Schauspiel Frankfurt (© Birgit Hupfeld)

Die Erinnerungskultur der Deutschen gilt als vorbildlich. Im Ausland ernten wir Respekt für unsere stetige Bereitschaft, uns mit dem dunkelsten Kapitel unserer Vergangenheit auseinanderzusetzen: den Verbrechen des Nationalsozialismus und dem Holocaust. Doch eine Umfrage von ZDFinfo aus dem Jahr 2020 zeigt, dass diese Bereitschaft heute kein Konsens mehr ist. Fast jeder Dritte stimmte der Aussage zu, die Deutschen sollten einen Schlussstrich unter die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus ziehen. Auch dass ein Viertel der Befragten Wissenslücken beim Thema Holocaust hat, bestürzt die Experten. Wissenschaftliche und pädagogische Aufarbeitung über Jahrzehnte – und doch geht Wissen, ja sogar Interesse verloren? Liegt es an einer ritualisierten Erinnerungskultur, die viele als Zwang empfinden? Und steigt damit die Gefahr, dass der rechte politische Rand noch stärker wird – und die Geschichte sich wiederholt?

Die Schlussstrich-Debatte beginnt bereits in den Trümmern des Zweiten Weltkriegs, die Deutschen wollen damals lieber vergessen und nach vorne schauen. Mit dem Ende der Nürnberger Prozesse soll auch mit der NS-Zeit bitte Schluss sein. In den Familien herrscht lautes Schweigen über den Krieg, jahrzehntelang. Erst Ende der 70er, als die Serie »Holocaust« im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wird, spricht man öffentlich über den millionenfachen Mord an den Juden. Über die Schuld der Eltern und Großeltern, über die Verantwortung der Enkel wird erstmals diskutiert. Konsens ist damals: Wir wollen nicht vergessen, die Schuld nicht verdrängen. Doch heute denkt knapp die Hälfte unserer Befragten, die Deutschen hätten „nicht so viel“ bis keinerlei Schuld an der Vernichtung der Juden getragen, 81% sagen sogar, die meisten Deutschen hätten wenig bis gar nichts über den Holocaust gewusst.

Auf das Schweigen folgte das Bedürfnis nach Aufarbeitung, auch wenn sie schmerzvoll ist, und darauf wiederum eine große Sehnsucht nach Unschuld. Kein Wunder also, dass die Debatte um einen Schlussstrich aktuell ist wie nie zuvor.

Wie weit sind die Deutschen mit der Aufarbeitung der NS-Zeit also gekommen? Stehen wir bereits am Beginn einer neuen Erinnerungskultur? Und wie gefährlich sind die Tabubrüche am rechten politischen Rand, wie der Forderung nach einem Opferdenkmal für Deutsche?

Über diese Fragen diskutiert ZDF-Chefredakteur Dr. Peter Frey mit Marc Grünbaum (Vorstand und Kulturdezernent der Jüdischen Gemeinde Frankfurt), Katrin Himmler (Politikwissenschaftlerin und Autorin), Dr. Felix Klein (Beauftragter der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus), Prof. Dr. Mirjam Wenzel (Direktorin des Jüdischen Museums Frankfurt) und Prof. Dr. Michael Wolffsohn (Historiker und Publizist).

4. November 21, 19:30 Uhr, Schauspielhaus
Vorab wird die Folge 10 aus der erfolgreichen ZDFinfo Produktion »Krieg und Holocaust – Der deutsche Abgrund – Die Verantwortung 1945-1948« zu sehen sein.

Eine gemeinsame Veranstaltung von ZDFinfo, Schauspiel Frankfurt und der Jüdischen Gemeinde Frankfurt.

www.schauspielfrankfurt.de; Preis: 5,- €