Schauspiel Stuttgart verleiht erstmals hochdotierten europäischen Dramatiker*innen Preis

Europäischer Dramatiker*innen Preis ~ Wajdi Mouawad ~ Foto: Simon Gosselin

Schirmherr Ministerpräsident Winfried Kretschmann: „Gezielte Würdigung von Kunst und Kultur ist starkes und europaweit wirkendes Signal“
Europäischer Dramatiker*innen Preis (dotiert mit 75.000 €) geht an Wajdi Mouawad
Jasmine Lee-Jones erhält Nachwuchsdramatiker*innen Preis (dotiert mit 25.000 €)
Preisverleihung am 20. September 2020 im Schauspiel Stuttgart

Das Schauspiel Stuttgart vergibt erstmals einen Europäischen Dramatiker*innen Preis. Die vom Kunstministerium Baden-Württemberg geförderte und mit 75.000 Euro dotierte Auszeichnung ehrt eine*n europäische*n Dramatiker*in für deren*dessen herausragendes Gesamtwerk. Der Europäische Dramatiker*innen Preis ist der erste hochkarätige Preis, der die dramatische Kunst in Europa in all ihrer Vielfalt in den Blick nimmt und sie als verbindendes Element zwischen den europäischen Kulturen versteht.

Schirmherr des neuen Europäischen Dramatiker*innen Preises ist Winfried Kretschmann, Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg. „Mit der gezielten Würdigung von Kunst und Kultur in Form des neuen Preises setzen wir ein starkes und insbesondere auch europaweit wirkendes Signal“, sagte Kretschmann am Mittwoch in Stuttgart. „Die aktuelle politische Situation Europas wird durch die künstlerische Auseinandersetzung im Theater mit den Grundwerten wie Freiheit und Zusammengehörigkeit reflektiert und offengelegt. Dabei kommt der Gegenwartsdramatik eine hervorgehobene Rolle zu. Ich beglückwünsche das Schauspiel Stuttgart, dass es hier international Neuland betritt.“

Gefördert wird der Preis vom baden-württembergischen Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst und dem Förderverein der Württembergischen Staatstheater e.V.. „Die Württembergischen Staatstheater stehen weltweit für herausragende Bühnenkunst. Länderübergreifende Koproduktionen, europäische Regisseur*innen und internationale Diskurse sind fester Bestandteil des Hauses und des Schauspiels Stuttgart“, sagte Baden- Württembergs Kunstministerin Theresia Bauer. „Hier bildet sich ab, was Europa ausmacht: der Reichtum unterschiedlicher Kulturen, Erzählungen und Geschichten. So war die Idee für einen Europäischen Dramatiker*innen Preis nur folgerichtig, schließlich fördert und festigt gerade die Auseinandersetzung mit europäischer Literatur das Verständnis zwischen den Kulturen. Durch die Auslobung dieses europäischen Preises kann das Land Baden-Württemberg seinem Anspruch als innovatives Kraftzentrum innerhalb Europas gerecht werden.“

Für Schauspielintendant und Initiator Burkhard C. Kosminski verbindet der Europäische Dramatiker*innen Preis zwei Kernpunkte des Schauspiels Stuttgart: das zeitgenössische Autorentheater und die internationale Ausrichtung. „Europa ist reich an unterschiedlichen Kulturen – und wo werden diese so kraftvoll und lebendig wie im Theater? Gerade zeitgenössische Dramatiker*innen entfalten in ihren Werken die faszinierende Vielfalt Europas und konfrontieren uns mit den gesellschaftlichen Bruchstellen und unterschiedlichen Lebensrealitäten. Trotzdem gab es bisher keinen europäischen substantiellen Preis für Dramatik, der es Autor*innen erlaubt, mit finanzieller Unabhängigkeit und frei von konkreten Theateraufträgen zu schreiben. Der Europäische Dramatiker*innen Preis war also mehr als überfällig, und ich bin dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst, dem Ministerpräsidenten, der SRH Holding und dem Förderverein der Staatstheater sehr dankbar, dass sie das Vorhaben von Anfang an unterstützt und mit auf den Weg gebracht haben.“

1. Europäischer Dramatiker*innen Preis für Wajdi Mouawad

Erster Preisträger des Europäischen Dramatiker*innen Preis ist Wajdi Mouawad.

Jury-Vorsitzender Peter Michalzik zur Begründung: „Schon die Biografie – geboren im Libanon; Ausbildung und Erfolge als Autor, Schauspieler, Regisseur und Theaterleiter in Kanada; seit 20 Jahren auch in Frankreich tätig, dort leitet er heute sehr erfolgreich das Théâtre National de la Colline in Paris – macht das große Spektrum und den weiten globalen Erfahrungshorizont von Wajdi Mouawad deutlich. In den Stücken werden die prägenden Wunden und Verletzungen der jüngeren Vergangenheit, vor allem im Nahen Osten, benannt und nacherlebbar. Diese Stücke sind oft Versuchsanordnungen der Versöhnung durch Wahrheit, seine Dramaturgie ist eine Dramaturgie der Heilung, die mit großen Geschichten, Schockmomenten und zugespitzten Konstellationen arbeitet. Mouawad schafft Szenen und Stücke von überwältigender dramatischer Wucht. Wahrheit und Lüge, Herkunft und Identität, Versöhnung und Feindschaft sind selten leidenschaftlicher und intensiver thematisiert worden. Mouawad ist ein ausgesprochen fruchtbarer und äußerst engagierter Dramatiker, dessen vielfältiges Werk deutlich in einem humanistischen Erbe wurzelt, das nicht auf Europa beschränkt bleibt. Außerdem ist er einer der meistgespielten Dramatiker unserer Zeit, seine Stücke wie Verbrennungen und Vögel sind auch formal Vorbilder geworden.“

Der Jury für den 1. Europäischen Dramatiker*innen Preis 2020 gehören an: Barbara Engelhardt (Intendantin Theater Maillon, Straßburg), Peter Kümmel (Theaterkritiker und Redakteur im Feuilleton der Wochenzeitung Die Zeit), Peter Michalzik (Autor, Juryvorsitzender), Petra Olschowski (Staatssekretärin im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg) und Thomas Ostermeier (Künstlerischer Leiter der Schaubühne Berlin und Regisseur).

Der Europäische Dramatiker*innen Preis wird künftig alle zwei Jahre vom Schauspiel Stuttgart verliehen. Um die Transparenz und Objektivität des Auswahlprozesses zu gewährleisten, wird der*die Preisträger*in in einem zweistufigen Auswahlverfahren ermittelt: Zunächst schlägt ein international besetzter Beirat Dramatiker*innen für die Longlist vor. Voraussetzungen für einen Vorschlag sind die hohe literarische, dramatische und theatrale Qualität des Werks und eine hervorragende Reputation des*der Dramatiker*in. Zudem muss das Werk in mehrere Sprachen übersetzt sein und in verschiedenen europäischen Ländern gespielt werden. 2020 umfasste der Beirat 23 Regisseur*innen, Autor*innen, Theaterleiter*innen, Dramaturg*innen und Theaterkritiker*innen aus 18 europäischen Ländern (Namen im Anhang). Ausgehend von der Longlist des Beirats (2020: 44 Dramatiker*innen aus 17 europäischen Ländern) bestimmt die unabhängige Jury zunächst eine Shortlist von 8 Dramatiker*innen und schließlich den*die Preisträger*in.

Europäischer Nachwuchsdramatiker*innen Preis
Jasmine Lee-Jones

Foto: Helen Murray

Jasmine Lee-Jones erhält 1. Nachwuchsdramatiker*innen Preis

Neben dem Hauptpreis verleiht das Schauspiel Stuttgart zudem einen Europäischen Nachwuchsdramatiker*innen Preis. Alleinjuror der Auszeichnung in Höhe von 25.000 € ist in diesem Jahr der britische Theaterautor Simon Stephens. Seine Wahl fiel auf die Dramatikerin Jasmine Lee-Jones.

„Jasmine Lee-Jones’ Erstlingswerk Seven Methods of Killing Kylie Jenner (dt. Sieben Methoden, um Kylie Jenner töten) verblüffte mich, als ich es vor zwei Jahren das erste Mal las. Es war ein kurzes, zehnseitiges Stück voller Wut und Witz. Sie schrieb mit einem Funkeln und einem seltenen wie unwiderstehlichen Sinn für Grenzüberschreitung“, so Simon Stephens in seiner Begründung. „Sie hatte ein Stück aus einem eindrucksvollen Splitter in etwas vollendet ausgefertigtes und komplexes entwickelt. Sie schreibt voll formaler Innovation. Sie erschafft Figuren, die durchweg lebendig und überraschend sind. Ihre Sprache ist geschmeidig und wach. Ich liebe ihren Zorn. Ich liebe ihre Einsicht. Wenn wir wieder aus dieser seltsamen, traurigen COVID-Unterbrechung herauskommen, sind es Autor*innen wie Jasmine, die uns helfen, das Stückemachen neu zu prägen.“

Die britische Autorin und Schauspielerin Jasmine Lee-Jones wurde 1998 in Nord-London geboren und absolvierte 2019 das BA Acting-Programm der Guildhall School. Ihr Debüt- Stück Sieben Methoden, um Kylie Jenner zu töten wurde im Juli 2019 am Royal Court Theatre in London uraufgeführt, und sie gewann damit den Stage Debut Award als beste Dramatikerin sowie den Alfred Fagon Award für das beste neue Stück. Jasmine Lee-Jones erhielt außerdem den Evening Standrad Theatre und den Critics‘ Ciorle Theatre 2020 Award als vielversprechendste Dramatikerin. Für die renommierten Olivier Awards 2020 war sie ebenfalls mit Sieben Methoden, um Kylie Jenner zu töten nominiert.

Der Europäische Nachwuchsdramatiker*innen Preis wird von der SRH Holding (SdbR) gefördert. Der Vorstandsvorsitzende Prof. Dr. Christof Hettich: „Der SRH liegen die Themen Bildung und Gesundheit sowie die Weiterentwicklung der Gesellschaft sehr am Herzen – und Kunst und Kultur sind dafür entscheidende Motoren auf nationaler wie auf europäischer Ebene. Insbesondere junge Künstler*innen analysieren mit einem frischen und kritischen Blick unsere Gegenwart und formulieren klar und mutig, wo es Veränderungen braucht. Gerade der Nachwuchs macht uns dabei immer wieder deutlich, dass wir uns mit dem Status quo nicht zufrieden geben dürfen. Wir freuen uns daher ganz besonders, mit der Förderung des Nachwuchs Dramatiker*innen Preises junge talentierte Dramatiker*innen auf ihrem Weg zu unterstützen.“

Preisverleihung am 20. September 2020 im Schauspiel Stuttgart

Die Preisverleihung des Europäischen Dramatiker*innen Preises an Wajdi Mouawad und des Europäischen Nachwuchsdramatiker*innen Preises an Jasmine Lee-Jones findet am 20. September 2020 im Schauspielhaus statt. Die beiden Preisträger*innen, die Jury und der Beirat werden anwesend sein.

Auf Einladung des Schauspiels Stuttgart werden sich zudem ausgewählte Theaterkünstler*innen der lokalen Stuttgarter Szene mit dem Werk von Wajdi Mouawad auseinandersetzen: das Citizen.KANE.Kollektiv, das Theater tri-bühne Stuttgart und das Studio Theater Stuttgart. Diese Arbeiten werden am Wochenende der Preisverleihung in verschiedenen Institutionen in Stuttgart gezeigt.

Ursprünglich war die Preisverleihung als Auftakt der Europäischen Theatertage „Writing Europe“ am Schauspiel Stuttgart geplant gewesen. Corona-bedingt musste das Festival mit internationalen Gastspielen und Vorstellungen des Europa Ensembles auf das Jahr 2021 verschoben werden.


Europäischer Dramatiker*innen Preis

Wajdi Mouawad
Und
Europäischer Nachwuchsdramatiker*innen Preis
Jasmine Lee-Jones

Preisverleihung
So – 20. Sep 20
Schauspielhaus Stuttgart

Die Schirmherrschaft für den Europäischen Dramatiker*innen Preis übernimmt Winfried Kretschmann, Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg.

Der Europäische Dramatiker*innen Preis wird vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst und dem Förderverein der Staatstheater Stuttgart e.V. gefördert.

Der Europäische Nachwuchsdramatiker*innen Preis wird von der SRH Holding (SdbR), Vorstandsvorsitzender Prof. Dr. Christof Hettich, gefördert.

Der internationale Beirat 2020:

1 Arnaud Antolinos (Frankreich)
2 Vincent Baudriller (Frankreich)
3 Calixto Bieito (Spanien)
4 Karen-Maria Bille (Dänemark)
5 Stefan Bläske (Belgien)
6 Stefanie Carp (Deutschland)
7 Ebru Nihan Celkan (Türkei)
8 Constantin Chiriac (Rumänien)
9 Maria Delgado (England, Spanien)
10 Roman Dolschanskiy (Russland)
11 Magnus Florin (Schweden)
12 Oliver Frljić (Bosnien)
13 Bettina Hering (Schweiz, Österreich)
14 Wolfgang Höbel (Deutschland)
15 Marius Ivaškevičius (Litauen)
16 Mateja Koležnik (Slowenien)
17 Wolfgang Kralicek (Österreich)
18 Kristina Matvienko (Russland)
19 Sir Brian John McMaster (England)
20 Simon Strauß (Deutschland)
21 Itay Tiran (Israel)
22 Krzysztof Warlikowski (Polen)
23 Franz Wille (Deutschland)

Die Mitglieder des internationalen Beirats durften nur Dramatiker*innen vorschlagen, mit denen sie in der letzten Zeit in keiner Arbeitsbeziehung standen.

schauspiel-stuttgart.de