Schauspiel Frankfurt: Premieren im September und Theaterfest

Schauspiel Frankfurt (© Birgit Hupfeld)


Onkel Wanja

Jan Bosse, von dem am Schauspiel Frankfurt zuletzt Richard III und jedermann (stirbt) zu sehen war, eröffnet die neue Spielzeit 2022/23 im Schauspielhaus mit Anton Tschechows »Onkel Wanja«.

Sonja bewirtschaftet das Gut ihrer verstorbenen Mutter gemeinsam mit deren Bruder Wanja, also ihrem Onkel, der das Anwesen verwaltet und bei dem sie aufgewachsen ist. Mit ihrer Arbeit unterstützen sie das Leben ihres Vaters, der als berühmter Professor der Kunstwissenschaften in der Stadt lebt und den sein Schwager Wanja verehrt. Sonja wiederum bewundert den mit ihm befreundeten Arzt und Umweltschützer Astrow, der gegen die Ignoranz und Dummheit der Menschheit vor allem verzweifelt Wodka einsetzt.

Als der Professor mit seiner neuen jungen Frau Jelena zu Besuch aufs Land kommt, gerät das Leben, in dem sie sich eingerichtet haben, gründlich durcheinander. Gefrühstückt wird erst gegen Mittag, die Nacht wird zum Tag und der Alkohol fließt.

Um das Chaos perfekt zu machen, verliebt sich Wanja in Jelena, die sich wiederum aber vor allem für Astrow interessiert. Die Stimmung wird explosiver, und in einer dieser Nächte lässt der Professor die Bombe platzen: Er braucht mehr Geld für sein Leben in der Stadt und will das Gut verkaufen, deren rechtmäßige Erbin eigentlich Sonja ist.

Die Lebenslügen liegen plötzlich blank, alle Stützen der fragilen Konstruktion brechen zusammen. Wofür hat man sich die letzten Jahre aufgeopfert? Gibt es einen Aufbruch in eine neue, sinnvolle Zukunft?

Jan Bosse gilt als Regisseur, dem es immer wieder gelingt, klassische Stoffe mit großer Lebendigkeit, Humor und Spielfreude zu füllen und durch genaue Lesart der Texte heutige Perspektiven freizulegen. Die Figuren Tschechows sieht er als vom Leben Getriebene, die sich in Sackgassen verirren, aus denen sie voller Panik nach Auswegen suchen. Zitat Bosse: »Wer will schon gerne unglücklich sein?«

Onkel Wanja

(Djadja Wanja)
Drama in vier Akten
Von: Anton Tschechow
Uraufführung: 26. Oktober 1899 (Moskau, Künstlertheater)

Premiere: Donnerstag, 22. September 22 (Schauspielhaus)

Regie: Jan Bosse
Bühne: Stéphane Laimé
Kostüme: Kathrin Plath
Musik: Carolina Bigge
Dramaturgie: Gabriella Bußacker

Mit: Torsten Flassig, Christina Geiße, Wolfram Koch, Heiko Raulin, Peter Schröder, Lotte Schubert, Melanie Straub

Die nächsten Vorstellungen: 26. September, 06./07. Oktober 22
schauspielfrankfurt.de


Solastalgia

In den Kammerspielen blickt der Dramatiker Thomas Köck aus ganz und gar heutiger Perspektive auf das Themenfeld Klima. Er hat für das Schauspiel Frankfurt einen neuen Text geschrieben, den er selbst zur Uraufführung bringt. »Solastalgia« bezeichnet den Schmerz, den man im Augenblick der Erkenntnis erlebt, dass der Raum, den man bewohnt, angegriffen wird. Zusammen mit dem Musiker Andreas Spechtl geht Köck auf Spurensuche nach angegriffenen Orten.
Koproduktion des Kunstfest Weimar und Schauspiel Frankfurt
Förderung: Thüringer Ministerium für Umwelt, Energie & Naturschutz

Solastalgia

Eine sprachliche Spurensuche nach den verbleibenden Relikten unserer Heimat
Von: Thomas Köck

Uraufführung: 8. September 22 (Weimar, Deutsches Nationaltheater, E-Werk)

Premiere: Freitag, 23. September 22 (Kammerspiele)

Regie: Thomas Köck
Bühne: Barbara Ehnes
Kostüme: Agathe MacQueen
Musik: Andreas Spechtl
Dramaturgie: Marlies Kink, Julia Weinreich

Mit: Katharina Linder, Agnes Kammerer, Miriam Schiweck, sowie Laia Haro Catalan, Maria Laura Oliveira und Patrícia Pinheiro (Live-Musik)

Die nächsten Vorstellungen: 24. September, 14., 21. Oktober 22

kunstfest-weimar.de / schauspielfrankfurt.de


Yo Bro

Als gemeinsame Produktion mit dem Künstlerhaus Mousonturm entsteht im Rahmen des Festivals »Politik im Freien Theater« die Produktion »Yo Bro«. Die Choreografin, Performerin und Theater-Künstlerin Joana Tischkau erforscht in dieser Arbeit zusammen mit ihrem Zwillingsbruder Aljoscha Tischkau kultur- und kunstgeschichtliche Repräsentationen von Verwandtschaftsverhältnissen.

Beyoncé und Jay-Z, Prince Harry und Meghan Markle, Die Simpsons, Der Prinz von Bel Air, The Kelly Family, Hanni und Nanni, Charlie und Louise – gesellschaftliche Vorstellungen von Familie sind oftmals durch (pop)-kulturelle Repräsentationen gefestigt. Obwohl es äußerst naheliegend erscheint, dass Verwandtschaft und nahe, intime, verwandtschaftsähnliche Beziehungen auch abseits physiognomischer Gemeinsamkeiten funktionieren, erleben nicht-weiße, aber auch queere Personen immer wieder, wie ihnen diese Verbindung abgesprochen wird.

»Yo Bro« bricht gängige, normative Darstellungen von Familie, indem diesen radikalere Formen der Zusammengehörigkeit und alternative Konzepte von Gemeinschaft gegenübergestellt werden. Die Choreografin, Performerin und Theater-Künstlerin Joana Tischkau erforscht in dieser Arbeit zusammen mit ihrem Zwillingsbruder Aljoscha Tischkau, der als Sozialpädagoge tätig ist, kultur- und kunstgeschichtlichen Repräsentationen von Verwandtschaftsverhältnissen. Mittels des performativen Potentials ihrer Körper kreieren sie Bilder von Ähnlich- und Andersartigkeit und erzählen so Familiengeschichte(n) neu.

Yo Bro

Von: Joana und Aljoscha Tischkau
Koproduktion mit dem Künstlerhaus Mousonturm und dem Festival Politik im Freien Theater

Premiere / Uraufführung: Samstag, den 24. September 22 (Bockenheimer Depot)

Regie: Joana und Aljoscha Tischkau
Bühne: Carlo Siegfried
Kostüme: Nadine Bakota
Sounddesign: Frieder Blume
Dramaturgie: Elisabeth Hampe, Lukas Schmelmer

Mit: Joana und Aljoscha Tischkau

Die nächsten Vorstellungen; 26./28. September

Wie es ist, sich nicht mit der eigentlichen Realität abzufinden, macht Henrik Ibsens »Ein Volksfeind« deutlich, mit dem die britisch-deutsche Regisseurin Lily Sykes nach ihrer Inszenierung »Die Bürgschaft« aus dem Jahr 2011 nach Frankfurt zurückkehrt.

politikimfreientheater.de / schauspielfrankfurt.de


Ein Volksfeind

Als Henrik Ibsen 1882 sein Drama »Ein Volksfeind« verfasste, stand er unter dem Eindruck liberalistischer Diskurse über Staat und (Volks)souverän. Nach der Vereinnahmung des Begriffs durch die Nationalsozialisten schien sich zumindest in demokratischen Staaten die Einsicht durchzusetzen, dass wir auf die Vorstellung von »Volksfeinden« gut verzichten können. Und doch erlebt der »Volksfeind« in heutigen Tagen wieder eine furchtbare Renaissance. Im Zuge der autoritären Revolte taucht der Begriff seit Jahrzehnten wieder in Reden und Schriften der Neuen Rechten auf, geistert durch die sozialen Medien, erscheint in Morddrohungen und prangt auf Transparenten der Querdenker:innen-Szene. Wirr ist »das Volk«.

Ibsens Stück hat somit heute große Aktualität – nicht, weil es Antworten liefern würde, sondern weil es modellhaft genau jene Begriffsfelder, die heute wieder zu Kampfzonen geworden sind, miteinander in Beziehung setzt. Lily Sykes erzählt die Geschichte des Arztes Thomas Stockmann, der eine Seuche heilen will und dabei scheinbar die Gemeinschaft vergiftet, als Konflikt zwischen der Freiheit des Einzelnen und der Freiheit aller, als Geschichte über Manipulation und Macht und Postulat einer Gesellschaft der Sorge füreinander.

Ein Volksfeind

(En Ffolkefiende)
Schauspiel in fünf Akten
Von: Henrik Ibsen
Uraufführung: 13. Januar 1883 (Oslo, Christiania-Theater)

Premiere: Sonntag, den 25. September 22 (Schauspielhaus)

Regie: Lily Sykes
Bühne: Thea Hoffmann-Axthelm
Kostüme: Jelena Miletic
Musik: Fabian Kalker
Dramaturgie: Alexander Leiffheidt

Mit: Isaak Dentler, Tanja Merlin Graf, Caroline Dietrich, Uwe Zerwer, Oscar Olivo, Sebastian Reiß, André Meyer, Stefan Graf

Die nächsten Vorstellungen: 02. Oktober, 16.00 Uhr, 05. Oktober, 19.30 Uhr

schauspielfrankfurt.de


Theaterfest: Oper und Schauspiel öffnen ihre Pforten

Die Städtischen Bühnen öffnen – vom Keller bis zum Dachgeschoss: Genießen Sie Konzerte, Performances, Lesungen und Lieder, und werden Sie bei Workshops, Orchester-Projekten, Führungen, Opern-Karaoke und Coachings selbst aktiv. Für kleine Besucher*innen gibt es ein umfangreiches Kinderprogramm.

Sonntag, 11. September, 11–17 Uhr

Ein Download des Programms ist unter oper-frankfurt.de möglich (PDF-Dokument; Änderungen vorbehalten)