Premieren und Extras am Schauspiel Frankfurt im Januar 24

Schauspiel Frankfurt (© Alexander Paul Englert)


Die verlorene Ehre der Katharina Blum

Die 26-jährige Katharina Blum steht unter Verdacht, Mitwisserin einer umfangreichen Betrugsaffäre zu sein, nachdem sie eine Karnevalsparty mit einem gewissen – und ihr bis dato unbekannten – Ludwig Götten verließ. Nicht nur wird sie daraufhin stundenlang von der Polizei befragt, vor allem startet die ZEITUNG einen wahrhaftigen Shitstorm gegen die junge Hauswirtschafterin. Blum wird öffentlich als Mittäterin und »Flittchen« diffamiert, Aussagen von ihr nahestehenden Personen werden umformuliert und verfälscht wiedergegeben, die Boulevardredakteure lassen nicht mehr von ihr ab.

»Wie Gewalt entstehen kann und wohin sie führt« lautet der erweiterte Titel dieser 1974 erschienenen Erzählung des Schriftstellers Heinrich Böll. Denn durch die Kampagne gegen Katharina Blum wird diese wirklich zur Täterin und erschießt den dafür verantwortlichen Journalisten.

Heinrich Böll gibt in einer vorangestellten Notiz an: »Sollten sich (…) Ähnlichkeiten mit den Praktiken der Bild-Zeitung ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich« und beschrieb die Erzählung später als Pamphlet, das auf die konfliktverstärkende Rolle des Boulevardjournalismus in der öffentlichen Beachtung der Roten Armee Fraktion Bezug nehme. Er selbst hatte sich zuvor als Opfer einer solchen Medienkampagne gesehen und stellt an Katharina Blums Fall das Vorgehen der Presse beispielhaft zur Schau. Die Regisseurin Sapir Heller inszeniert diese Erzählung als temporeiche Verfolgungsjagd, die auf die Nähe des inzwischen allgegenwärtigen Sensationsjournalismus zum heutigen Populismus verweist.

Die verlorene Ehre der Katharina Blum

Erzählung von: Heinrich Böll
Bühnenfassung von: John von Düffel

Premiere: 19. Januar 24 (Kammerspiele)

Regie: Sapir Heller
Bühne und Kostüme: Ursula Gaisböck
Musik: Gustavo Strauß
Video: Lion Bischof
Dramaturgie: Lena Wontorra

Mit: Christoph Bornmüller, Stefan Graf, Sarah Grunert, Peter Schröder, Melanie Straub


Premiere: Der Würgeengel (UA)

Eine Party der High Society, bei der am Ende niemand nach Hause geht – eine plötzliche unsichtbare Grenze hält die Abendgesellschaft im Esszimmer der Gastgeber gefangen. Seltsamerweise scheinen die Hausangestellten der reichen Leute die Bedrohung vorauszuahnen, denn sie machen sich aus dem Staub, bevor der Spuk beginnt. Die vornehme Etikette der schicken Gesellschaft wird angesichts der neuen Realität ihrer vermeintlichen Gefangenschaft rasch von schonungsloser Brutalität gegeneinander abgelöst. Entbehrungen, Schuldzuweisungen, Sex im Wandschrank und Todesangst bestimmen ihre Tage, bis schließlich der Bann gebrochen wird, indem die Eingesperrten das Raum-Zeit-Kontinuum austricksen.

Nach dem Publikumsliebling »Der diskrete Charme der Bourgeoisie« gelangt mit diesem Stoff ein weiterer surrealistischer Film des Oscar-Preisträgers Luis Buñuel in einer Überschreibung von PeterLicht und SE Struck auf die Bühne des Schauspiel Frankfurt. Das Autor:innen-Duo untersucht mit bissigem Humor und einem heutigen Blick eine wiedererkennbare gesellschaftliche Klasse, die trotz oder aufgrund all ihrer Privilegiertheit, ihres Wissens und ihrer Fähigkeiten komplett handlungsunfähig ist.

Der Würgeengel (UA)

Von: PeterLicht und SE Struck nach Luis Buñuel

Premiere: 20. Januar 24 (Schauspielhaus)

Regie: Claudia Bauer
Bühne: Andreas Auerbach
Kostüme: Vanessa Rust
Musik: Alexandra Holtsch, Hubert Wild
Dramaturgie: Katja Herlemann
Licht: Marcel Heyde

Mit: Torsten Flassig, Anna Kubin, Sebastian Kuschmann, Katharina Linder, Julia Preuß, Arash Nayebbandi, Lotte Schubert, Andreas Vögler, Hubert Wild


Premiere: Nachts (bevor die Sonne aufgeht)

Es waren einmal eine Frau und ein Mann und ein schreiendes Kind – »aber die Dinge hängen nicht zusammen«. Ein Paar erzählt die gemeinsame Geschichte nach, wobei sich unterschiedliche Überzeugungen und sich widersprechende Ideale auftun. Nicht zuletzt hängt wie ein Damoklesschwert über alldem die Frage: Warum haben sie sich für ein Kind entschieden?

Mit dichter, rhythmischer Sprache fragt die britische Autorin Nina Segal in ihrem 2016 erschienenen Bühnentext nach Zusammenhängen von Ereignissen in der Welt und Entscheidungen im vermeintlich Privaten. Stück für Stück bricht das Außen in den geschützten Raum des Zuhauses ein und wirft das Paar auf sich und gefällte Entscheidungen zurück. Die Regisseurin Janina Velhorn entlarvt das Idyll der Familie als Ort des Unheimlichen, fragt nach Kippmomenten im Alltäglichen und verortet die Geschichte damit in einen Kontext des Horrors.

Nachts (bevor die Sonne aufgeht)

Von: Nina Segal

Premiere: 21. Januar 24, Schauspiel Frankfurt (Box)

Regie: Janina Velhorn
Bühne: Devin McDonough
Kostüme: Evelyn Gulbinski
Dramaturgie: Jana Fritzsche

Mit: Caroline Dietrich, Sebastian Reiß


Extras:

Humanistisch bleiben in 17 Schritten, 4. Januar 24, Schauspiel Frankfurt (Kammerspiele)
Matthias Brandt & Jens Thomas: Die Bergwerke zu Falun, 14. Januar 24, Schauspiel Frankfurt (Schauspielhaus)
Axel Hacke liest und erzählt, 28. Januar 24, Schauspiel Frankfurt (Schauspielhaus)


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