Preisträgerstück des Chemnitzer Theaterpreises für junge Dramatik 2019

Chemnitzer Theaterpreises für junge Dramatik 2019

Der Chemnitzer Theaterpreis für junge Dramatik 2019 geht an Natalie Baudy für ihr Stück „Rauschen – Oder: Wenn du nicht existierst, geh mir bitte aus dem Licht. Danke!“. Die Entscheidung wurde bei der Jurysitzung Ende Januar 2019 getroffen.

Aus 66 Einsendungen entschied sich die Jury, bestehend aus Andrea Czesienski (Lektorin des Henschel Verlags), Brian Bell (Regisseur), Johannes Schulze (Vorsitzender des Theaterfördervereins) und Kathrin Brune (Dramaturgin) einstimmig für dieses Stück. Thematische Brisanz, stilistische Genauigkeit, verbunden mit einem humoristisch-kritischen Blick auf Mensch und Gesellschaft waren ausschlaggebend für die Entscheidung.

Der mit 5000,- € dotierte Preis ist mit einer Uraufführung am Schauspiel Chemnitz verbunden. In der Regie von Brian Bell feiert „Rauschen – Oder: Wenn du nicht existierst, geh mir bitte aus dem Licht. Danke!“ am 3. Mai 2019 im Ostflügel des Schauspielhauses Premiere. Am gleichen Tag findet auch die offizielle Preisverleihung an die Autorin Natalie Baudy statt.

Der Chemnitzer Theaterpreis für junge Dramatik versteht sich als Nachwuchs- und Förderpreis und lädt junge Autorinnen und Autoren dazu ein, Formen auszuprobieren und meinungsstark Position zu beziehen. Der Preis wird 2019 zum sechsten Mal vergeben. Die vorherigen Gewinnerstücke waren „Die Erben des Galilei“ von Martin Bauch (2014), „Zerstörte Seele“ von Jan Peterhanwahr (2015), „die zärtlichkeit der hunde“ von Uta Bierbaum (2016), „InnerOuterCity“ von Azan Garo (2017) und „Sieben Geister“ von Sören Hornung (2018).

Der Chemnitzer Theaterpreis für junge Dramatik wird unterstützt vom Förderverein der Theater Chemnitz.


Rauschen – Oder: Wenn du nicht existierst, geh mir bitte aus dem Licht. Danke!

Von: Natalie Baudy
Gewinnerstück des Chemnitzer Theaterpreises für junge Dramatik 2018

Premiere/Uraufführung am Schauspielhaus Chemnitz (Ostflügel): 3. Mai 2019

Regie: Brian Bell
Bühne und Kostüme: Daniel Unger

Das Stück
Oertel, Ruk und Al Tee landen auf der Erde oder nein, anders: Peng – sie sind einfach da. Während Oertel und Ruk in einem merkwürdigen Gebäude mit siebenundzwanzig identischen Zimmern und einem scheinbar endlosen Flur landen, verschlägt es Al Tee in eine politisch engagierte Wohngemeinschaft, die gegen TTIP auf die Straße geht, den Müll trennt und bestens vernetzt und weltoffen ist und grundsätzlich findet, dass man einfach mehr zu sich selber finden muss. Aber wenn plötzlich so ein Außerirdischer in der Küche sitzt, gerät das Selbstbild und die eigene Wahrnehmung doch etwas ins Wanken. Man wird unsicher, ob das befremdliche Gegenüber überhaupt da sein kann. Was es nicht gibt, das gibt es schließlich nicht. Aber man möchte ja auch nicht unhöflich sein.

Oertel und Ruk haben mittlerweile herausgefunden, dass dieses Gebäude mit den siebenundzwanzig identischen Zimmern ein Hotel ist und die permanent betrunkene Frau, in deren Zimmer sie versehentlich geraten sind, eine sehr erfolgreiche Pornoproduzentin ist. Diese geht wesentlich pragmatischer mit den Außerirdischen um. Welch eine Fügung, denkt sich die Dame, Außerirdische in der Pornoindustrie! Das kann man nutzen! Das steigert Einzigartigkeit, Marktwert und Auflage. Und sie engagiert Oertel und Ruk vom Fleck weg – ob sie wollen oder nicht.

In der WG haben sich Tom und Ebu mittlerweile auch an Al Tee gewöhnt. Dass er Isomatten isst und gerne ungefragt Menschen umarmt – nun ja, das eine ist nicht so schlimm, das andere sogar schön, weiß man doch, dass zu wenig Körperkontakt zu Depressionen führt. Deswegen wurden auch Umarmungen auf die WG-Agenda gesetzt. So leben sie zusammen, die Irdischen und die Außerirdischen. Bis irgendwann die Außerirdischen Heimweh bekommen und zurück möchten. Zu merkwürdig, fremd scheint ihnen das irdische Treiben. Aber wie zurück?

Natalie Baudy hat ein mutig skurriles, humorvolles und zugleich bissig-böses Stück über unsere Gesellschaft geschrieben. Ohne moralischen Zeigefinger setzt sie Außerirdische – die fernsten Fremden aller Fremden – als Spiegel vor unsere Nasen, um die großen und kleinen Zivilisationskrankheiten unserer Tage sichtbar zu machen. Durch den Einbruch des Fremden werden Ansichten, Meinungen, Vorurteile, Gewohnheiten unserer ansonsten doch so aufgeklärten Gesellschaft befragbar, hinterfragbar, kritisierbar.

Die Autorin Natalie Baudy

Natalie Baudy wurde 1990 in der Nähe von Augsburg geboren und ist in Ulm aufgewachsen. Sie studierte Theater- und Musikwissenschaften in Mainz, Paris und Berlin und Dramaturgie an der Theaterakademie August Everding in München. Vor und während ihres Studiums hospitierte sie unter anderem am Staatstheater Mainz, bei der Dance Company Nanine Linning/Theater Heidelberg, am Berliner Ensemble und am Maxim Gorki Theater. Sie realisierte erste eigene Projekte im PENG! in Mainz, im TOWER 2k15 in Berlin und wirkte bei verschiedenen Produktionen der Theaterakademie, der Otto Falckenberg Schule und am Residenztheater mit. Seit August 2018 lebt sie als freischaffende Dramaturgin in Berlin. Dort war sie zuletzt als dramaturgische Mitarbeiterin an der Produktion „Wheeler“ am Berliner Ensemble beteiligt und ist als Produktions- und Dramaturgieassistentin Teil der Performancegruppe MS Schrittmacher. Aktuell arbeitet sie mit dem Regisseur Klemens Hegen an einer künstlerischen Auseinandersetzung zum Thema Gegenwart und Erinnerung. Außerdem realisiert sie mit dem Komponisten Florian Paul das Hörspiel „einsam“, ihrer Fortschreibung von Gerhard Hauptmanns „Einsame Menschen“.

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