Neuigkeiten von den Bregenzer Festspielen (28.06.)

Ania Marchwinska (© Bregenzer Festspiele / Eva Cerv)

Ein Arbeitstag am Bodensee hat viele Gesichter
Fünf Fragen an Mezzosopranistin Anna Goryachova (Tancredi)
Besonderheiten und Raffinessen des neuen Spiels auf dem See


Ein Arbeitstag am Bodensee hat viele Gesichter

Vormittag oder Mitternacht, Probenplan, Opernbegleitung oder Lichtstimmungen: Ein Arbeitstag am Bodensee hat viele Gesichter.

Der Kosmos Bregenzer Festspiele hat viele Gesichter. Drei Mitarbeiter:innen geben einen Einblick in ihren Arbeitstag und nehmen uns mit in ihre Welt. Dabei wird unter anderem klar: Fast rund um die Uhr ist jemand im Einsatz, vom Vormittag bis spät in die Nacht.

»Bindeglied zwischen Technik und Kunst«

Momentan kommt Nino Walser erst gegen 2 Uhr morgens ins Bett. Seit dem Probenstart zum Freischütz hat der Co-Projektleiter der Lichtabteilung Abenddienst. Seine Schicht startet um 16.30 Uhr. Nach einer Besprechung mit dem Team und der genauen Aufgabenverteilung folgt der Aufbau für die Beleuchtungsprobe. Dann geht es beispielsweise um das Feintuning der Effekte, Übergänge von Lichtstimmungen und Projektionen. 164 – größtenteils bewegliche – Scheinwerfer kommen zum Einsatz.

Vom ersten Entwurf vor drei Jahren bis heute ist Walser in die Entwicklung des Lichtdesigns einbezogen. Bei den Bregenzer Festspielen und bei der Kongresskultur Bregenz hat er viel Erfahrung gesammelt, seit er vor 13 Jahren seine Lehre zum Veranstaltungstechniker begann. Später kam die Weiterbildung zum Beleuchtungsmeister dazu – als »Bindeglied zwischen Technik und Kunst«, wie der 29-Jährige sagt. Nach einer gelungenen Premiere könne er zurück in den Tagdienst wechseln und die Vorbereitung auf die Saison 2026 fortsetzen.

Auf die Probe gestellt

»Vor den Festspielen beginne ich in Zusammenarbeit mit den Projektleiter:innen, die Dispositionen aller Produktionen zu planen«, erzählt Ludovica Filippello. Derzeit ist die wichtigste Aufgabe für die Mitarbeiterin im Künstlerischen Betriebsbüro, den Tagesprobenplan zu erstellen. Viele Proben und die dazugehörigen Räume sind seit Langem fixiert. Anderes ergibt sich kurzfristig – beispielsweise, wenn es eine Zusatzprobe braucht oder eine Sängerin ausfällt. Das Ergebnis ihrer Arbeit ist im detaillierten Tagesprobenplan nachzulesen, der bis zu sechs Seiten lang ist und jede:n Beteiligte:n aufführt. Ein wichtiges Dokument, an dem sich alle orientieren.

Sie hat mit Künstler:innen aus aller Welt und aus sämtlichen Produktionen der Saison zu tun. Diese Internationalität gefällt ihr sehr. »Die Woche vor der Eröffnung ist für mich sehr stressig«, sagt sie und ist dabei bester Laune. Als weitere Aufgabe kümmert sie sich unter anderem um die Feiern nach den Premieren von Der Freischütz und Tancredi. International dürfte es auch dort zugehen.

Zweite Heimat für Ania Marchwinska

Seit 2009 ist Ania Marchwinska Korrepetitorin bei den Bregenzer Festspielen. Solange das Orchester noch nicht eingetroffen ist, übernimmt sie am Klavier die musikalische Begleitung. Diesen Sommer ist sie bei einem Orchesterkonzert und beim Freischütz im Einsatz. Während der Probenzeit für das Spiel auf dem See ist ihr Arbeitsort ab 10.30 und ab 19 Uhr ein kleines Zelt auf der Tribüne. An manchen Tagen kommen Proben mit dem:der Dirigent:in und einigen Sänger:innen dazu, ein anderes Mal ein Einzelcoaching für kleine Korrekturen. Zusammengefasst: »Jeder Tag ist anders.« In diesem Jahr fällt ihr zudem eine ganz neue Rolle zu: Sie spielt beim Freischütz elektrisches Cembalo auf der Bühne. Zusammen mit einem Kontrabass und einem Akkordeon liefert sie die Untermalung für die zahlreichen Dialoge. »Hoffentlich starten bald die Proben für die Bühnenmusik. Ich freue mich schon darauf«, sagt sie lächelnd.

Den Sonnenuntergang am Bodensee während der Abendproben mag sie sehr. Außerdem gefallen ihr die Konzerte für Sponsoren und den Freunde-Verein der Bregenzer Festspiele besonders. Die gebürtige Polin ist viel herumgekommen, beherrscht acht Sprachen und hat an der berühmten Juilliard School in New York City sowie in Stanford studiert. An ihrem langjährigen Engagement hat sie sicht- und hörbar Freude. Familie und Hund folgen ihr jedes Jahr an den Bodensee: »Einen Sommer ohne Bregenz kann ich mir gar nicht mehr vorstellen.« (tb)


»Tancredi war immer meine Traumrolle«
Fünf Fragen an Mezzosopranistin Anna Goryachova (Tancredi)

Anna Goryachova
© Bregenzer Festspiele / Eva Cerv)

Anna Goryachova bereitet sich in diesen Tagen intensiv auf ihre Titelrolle in Tancredi, der Oper im Festspielhaus, vor. Geboren wurde die Mezzosopranistin in St. Petersburg, damals Leningrad. Mittlerweile ist sie mit dem italienischen Bariton Simone Alberghini verheiratet und lebt mit ihm in Pesaro – ausgerechnet in jener Stadt an der Adriaküste, in der Gioachino Rossini, der Komponist von Tancredi, im Jahr 1792 zur Welt kam. »Das Leben hat mich dorthin geführt«, sagt sie mit einem Lächeln.

Sie gaben ihr Debüt bei den Bregenzer Festspielen vor fünf Jahren, als Sie in der Hausoper Don Quichotte sangen. Wie kam es zu Ihrer Rückkehr nach Bregenz?

Als ich das Angebot für Tancredi bekam, habe ich mir sofort gedacht: Yes! Das war immer meine Traumrolle. Entsprechend musste ich nicht lange nachdenken. Ursprünglich habe ich Sopran gesungen und dabei die ganze Zeit gekämpft. Nach meinem Wechsel zum Mezzosopran war Tancredi eine der ersten Partien, die ich gelernt habe.

Neben Mozart und Händel ist Rossini Ihr Lieblingskomponist. Was zeichnet seine Musik generell und speziell bei Tancredi aus?

Auf der einen Seite ist sie fröhlich und verspielt. Auf der anderen Seite hat sie bei seinen ernsten Werken wie Tancredi eine extreme Tiefe, sehr berührende Harmonien – einfach unglaublich! Leider wird diese Oper viel zu selten gespielt. Diese kosmische Musik bringt mich in eine bessere, in eine perfekte Welt. Rossini ist einfach ein Genie!

Vor zwei Jahren standen Sie bei einem Konzert in Beaune zum ersten Mal als Tancredi auf der Bühne. Was für ein Charakter ist Tancredi?

Er ist ein Krieger, ein Außenseiter, der sich verstecken muss. Ein typischer Held in einer Opera seria, der verrückt vor Liebe zu einer Frau ist. Das ist in diesem Fall Amenaide. Rossini schrieb zwei unterschiedliche Finale, ein tragisches und ein glückliches. Beim Festival in Beaune war es die Version mit einem Happy End.

Anders als in Beaune ist in Bregenz Tancredi eine lesbische Frau, die sich als Mann verkleidet, um zu ihrer Geliebten zu gelangen. Wie gefällt Ihnen diese Interpretation des Stoffs und inwiefern müssen Sie Ihre Herangehensweise ändern?

Dieser moderne Ansatz mit zwei Frauen ist sinnvoll, finde ich. Ich habe schon sehr oft Hosenrollen gespielt, also als Frau auf der Bühne Männer verkörpert. Das sind meine Lieblingsrollen. Regisseur Jan Philipp Gloger hat mir gesagt: Du trittst auf der Bühne maskulin auf, aber bleib im Duett mit Amenaide eine Frau! Ich muss meine Körpersprache neu aufbauen, etwas weicher in den Bewegungen und Berührungen sein. Es geht um die richtige Balance zwischen der maskulinen und femininen Seite. Es ist gar nicht so einfach, sich umzustellen, aber eine schöne Herausforderung.

Bei Tancredi wird es jede Menge Kampfszenen geben, auch für Sie.

Stimmt, die Proben dazu machen richtig Spaß! Den Stunt-Choreografen Ran Arthur Braun kenne ich schon aus früheren gemeinsamen Produktionen. Ich habe ihm vorab geschrieben: Bitte lass mich bei den Kampfszenen mitmachen! Das ganze Stunt-Team ist großartig. Gleichzeitig ist völlig klar, dass die Musik immer im Vordergrund bleibt und es viele ruhige, innige Momente gibt. Die Dirigentin Yi-Chen Lin ist unglaublich und macht ihren Job perfekt.

Die Oper im Festspielhaus Tancredi mit Anna Goryachova in der Hauptrolle feiert am 18. Juli Premiere.

Am Montag, den 1. Juli, um 20.00 Uhr gibt es die Möglichkeit, bei einem Werkstattgespräch mit dem künstlerischen Team rund um Tancredi-Regisseur Jan Philipp Gloger einen vertieften Einblick in Rossinis Oper zu erhalten. (tb)


Besonderheiten und Raffinessen des neuen Spiels auf dem See

Grimmige Riesenschlangen, brennende Kirchtürme

Skelettpferd
© Bregenzer Festspiele / Eva Cerv

Das Bühnenbild des Freischütz gleicht einem Wimmelbild: In jeder Ecke gibt es Faszinierendes zu entdecken. Links ragt der zwölf Meter hohe Kirchturm in die Höhe, der brennen, leuchten und einstürzen kann, in der Mitte der Bühne versteckt sich eine grimmig dreinblickende Riesenschlange, die ebenfalls pyrotechnisch in Szene gesetzt wird. Rechts vorne erscheint im Laufe der Vorstellung ein Geisterpferd samt gespenstischem Reiter.

Knapp drei Wochen vor der Premiere am 17. Juli 2024 laufen die Proben für Carl Maria von Webers Oper Der Freischütz am Bregenzer Bodenseeufer auf Hochtouren. Täglich um 13.30 Uhr spielt sich derzeit auf der Seebühne der gleiche Szenenwechsel ab: Wenn die Probe zu Ende ist, verschwinden die Sänger:innen über die Hinterbühne in ihre wohlverdiente Pause, während am Uferweg immer mehr Techniker:innen auftauchen, um weiter am Bühnenbild zu feilen.

Das Kaschur-Team gibt der Riesenschlange mit schwarzer Farbe ihr finales, furchteinflößendes Aussehen. Währenddessen befestigt das Requisiten-Team Halterungen für Hirsche (aus Plüsch und Boxsackfüllung) an einem Baum und Tontechniker:innen platzieren Lautsprecher.

Technik-Direktor Wolfgang Urstadt ist zuversichtlich: »In den sechs Wochen zwischen Probenstart und Festspielbeginn setzen wir alle Puzzleteile für einen gelungenen Abend zusammen. Bis zur Premiere sind alle Requisiten platziert und alle technischen Effekte perfektioniert«.


Die Bregenzer Festspiele 2024 finden von 17. Juli bis 18. August statt.
Tickets und Infos unter bregenzerfestspiele.com und Telefon 0043 5574 4076.