Neuigkeiten von den Bregenzer Festspielen (23. Juli)

Michel van der Aa © Priska Ketterer Luzern

„Upload“ – Interview mit Michel van der Aa
Fünf Fragen an Alexandra Uhlig, Mitglied der Wiener Symphoniker
75. Bregenzer Festspiele erfolgreich gestartet
Festspiel-Flair in der Bregenzer Innenstadt
Einblick in die Ausstellung Scorcellettis
Vermischtes
Ausblick: Das tut sich in den nächsten Tagen


„Upload“ – Interview mit Michel van der Aa

„Ich mag diesen Platz zwischen Leben und Tod, zwischen Himmel und Erde“

Bregenz, 23.7.21. Philosophie und Science-Fiction: der Komponist und Regisseur Michel van der Aa erzählt in seiner Oper Upload von einer Vater-Tochter-Beziehung und spannt einen Bogen vom Sinn des Lebens zu künstlicher Intelligenz. Im Interview erzählt er, was ihn an Technik reizt und was ihn wirklich berührt.

Der Protagonist der Oper Upload möchte unsterblich werden, indem er seinen Geist nach seinem Tod in eine Art Cloud hochlädt. Wie sind Sie auf das Thema gekommen?

Michel van der Aa: Vor einigen Jahren habe ich über genau diese Idee gelesen: Die theoretische Möglichkeit, seinen Geist nach dem eigenen Tod hochzuladen – mich hat diese Vorstellung nicht mehr losgelassen. Und da entstand irgendwann der Wunsch, eine Oper daraus zu machen. Ich bin ein Nerd, ein Technikfreak, mich interessiert, was in den Wissenschaften gerade los ist und welche technische Neuerungen es gibt. Ich habe mich dann mit den beiden Dramaturgen, Madelon Kooijman und Niels Nuijten zusammengesetzt und angefangen, zu dem Thema weiter zu recherchieren.

Die Oper handelt von der Endlichkeit des Lebens. Sie sind Anfang 50, hätten Sie auch eine Oper über den Tod schreiben können, als Sie noch jünger waren?

Ja. Ich mochte diesen Platz zwischen Leben und Tod, zwischen Himmel und Erde schon immer. Ein sehr interessanter Ort, den es lohnt, genauer zu betrachten. Ich habe ein Triptychon aus drei Opern gemacht, die erste hieß Afterlife, die zweite Sunken Garden. Damals war ich erst Mitte dreißig. Upload ist nun der Abschluss.

Wen wollen Sie erreichen: die Jungen, die an die technischen Neuerungen gewöhnt sind oder die Alten, die sich Gedanken über das Ende des Lebens machen?

Ich möchte natürlich beide Gruppen ansprechen. Mein Opernpublikum ist zum Glück sehr divers, vom Alter her und von den Interessen. Da kommen nicht nur strenge Opernfreunde im klassischen Sinne, sondern auch Menschen, die sich für Visual Art interessieren oder für Filmkunst. Meine Stücke behandeln immer Dinge, die mich persönlich faszinieren. Und dann hoffe ich, dass das viele andere Menschen anspricht und interessiert. Bei Upload sind es tiefe philosophische Fragen.

Was ist denn die philosophische Essenz des Stückes?

Die Frage, was es heißt zu leben. Der Vater und Protagonist der Oper denkt zu Beginn, dass es nicht unbedingt einen Körper braucht um zu existieren. Seine Tochter sieht das aber ganz anders. Sie möchte nicht, dass irgendjemand hochgeladen wird, und ist überhaupt nicht mit der Sicht ihres Vaters auf das Leben einverstanden.

Aber es könnte doch jeder so entscheiden, wie er oder sie es für richtig hält?

Eigentlich schon, aber die Entscheidung der Tochter wird ein großes Problem für den Vater: Seine Tochter wird älter werden und sterben, er jedoch beziehungsweise sein Upload, wird für immer im gleichen Alter bleiben. Ihm wird immer klarer, dass das ein hartes Los für ihn sein wird. Und eine einsame wie auch immer geartete Existenz.

Muss man sich mit künstlicher Intelligenz auskennen, um Gefallen an Upload zu finden?

Nein, gar nicht. Ich wollte keine Geschichte über die Möglichkeiten der Technologie erzählen. Ich wollte ein anderes, vielleicht größeres Thema anfassen: Was macht uns zu Menschen? Braucht man einen Körper, um Mensch zu sein?

Haben Sie Antworten gefunden?

Das Stück gibt keine. Aber es gibt Anregungen, um sich selbst auf die Suche nach Antworten zu machen. In der Oper geht es immer wieder um die Vor- und Nachteile des ewigen Lebens. Auch die ethischen Implikationen einer Kopie eines Menschen. Ist die Kopie immer noch der gleiche Mensch? Hat die Kopie die gleichen Rechte wie die biologische Version der Person? Auch ohne Körper?

Der Vater in der Oper versucht, durch den Upload ein Trauma zu überwinden, um glücklicher zu sein. Ist das permanente Streben nach Glück im Leben sinnvoll?

Auch das ist eine der Fragen im Stück. Würde man die Menschen von ihren Traumata befreien, wären sie noch dieselben? Es sind schließlich auch die schrecklichen Erlebnisse, die unsere Persönlichkeit formen und ausmachen. In der Oper sehen wir: Die Suche nach ständiger Glückseligkeit geht nicht unbedingt gut aus. Das lasse ich als Cliffhanger mal so stehen. Mehr verrate ich nicht.

Warum erzählen Sie von einer Tochter und ihrem Vater und nicht, zum Beispiel, von einer Mutter und ihrem Sohn?

Wir haben lange im Team diskutiert, in welchem Verhältnis die Protagonisten zueinander stehen sollen. Am Ende erschienen uns Vater und Tochter unter psychologischen Aspekten am interessantesten. Er ist alleinerziehend, eine Mutter kommt nicht vor. Die Entscheidung, seinen Geist hochzuladen, fällt er ganz allein. Darüber entfacht sich ein großer Streit, das ist der Beginn der Oper.

Ihr Stück ist eine »Filmoper«. Was kann man sich darunter vorstellen?

Die Inszenierung hat eine filmische Ebene. Aber der Film wird nicht so eingesetzt, dass die Handlung auf der Bühne stoppt und wir einen Film präsentieren. Der Film hilft, den Raum auf der Bühne zu vergrößern.

Neben Filmsequenzen verwenden Sie eine Menge technischer Effekte. Welcher ist der eindrucksvollste?

Jeder elektronische Effekt, die Filme, all die multimedialen Dinge stehen im Dienst des Librettos: Sie sollen die Geschichte möglichst gut erzählen. Mir ist lieber, wenn das Publikum nach Hause geht und angeregt über die philosophischen Themen diskutiert, als wenn es nur von der großartigen Bühne schwärmt oder von der wahnsinnigen technischen Finesse.

Warum dann nicht auf diese Effekte verzichten?

Wir sind täglich mit so viel raffinierter Technik umgeben, sind ständig mit unseren iPhones beschäftigt – unsere gesamte Kommunikation läuft über beeindruckende Technik. Es wäre komisch, keine technischen Neuerungen auf der Bühne zu verwenden. Deshalb möchte ich, als Regisseur im Jahr 2021, alle diese Werkzeuge nutzen. Im 19. Jahrhundert haben die Komponisten auch die Tuba und das Schlagwerk zu ihren Werken hinzugefügt – völlig neue Erfindungen zu dieser Zeit. Ich nutze in meiner Inszenierung Motion-Capture-Verfahren und 3D-Filme. Das ist eigentlich genau das Gleiche.

Wenn es im Theater oder in Filmen um die Zukunft geht, wird gemeinhin oft mit elektronischen Klängen gearbeitet. Ist das ein Klischee?

Für mich sind die elektronischen Klänge wie eine Extrafarbe, ein zusätzliches Instrument, das man in die Komposition einbauen kann. Seit der Band Kraftwerk und den Komponisten Karlheinz Stockhausen oder György Ligeti sind elektronische Klänge Teil der zeitgenössischen Musik. Sie klingen fast schon „alt“.

In welchen Klangwelten bewegt sich Upload?

Die Vertonung beruht auf einem kammermusikalischen Ensemble, elektronische Klänge erweitern den Sound. Es geht von einem Solo der Hammondorgel bis zu großen orchestralen Klängen, die das Publikum komplett umhüllen, weil wir mit sehr vielen Boxen arbeiten.

Sie haben komponiert, inszeniert, sich um das Filmskript gekümmert: Es scheint, Sie halten gerne alle Fäden in der Hand. Welchen Part hätte am ehesten eine künstliche Intelligenz übernehmen können?

Keinen. Ich will eine ganz persönliche Geschichte erzählen. Das ist mir viel wichtiger als die ganze Technologie. Ich möchte die Menschen berühren und das kann nur ein Mensch richtig gut. Bisher zumindest. (jd)


Alexandra Uhlig
© Julia Wesely

Konsequent spielfreudig ~ Fünf Fragen an Alexandra Uhlig, Mitglied der Wiener Symphoniker

Bregenz, 23.7.21. Seit 75 Jahren gibt es die Bregenzer Festspiele, genauso lange währt die Zusammenarbeit mit den Wiener Symphonikern. Alexandra Uhlig reist mit dem international renommierten Orchester seit dem Sommer 1986 an den Bodensee, lediglich unterbrochen von zwei Jahren Karenz und einem Jahr Lockdown. Die stellvertretende Soloflötistin ist bei Rigoletto, Nero und den Orchesterkonzerten im Einsatz.

Sie spielen derzeit Ihre 33. Festspielsaison in Bregenz. Wird das auf die Dauer nicht ein bisschen langweilig?

Nein, ich kehre immer wieder sehr gern zurück. Das liegt am Festival und seiner Atmosphäre sowie am großen Freizeitwert, wenn See und Berge so nah beieinander liegen. Vielleicht gefällt mir das als gebürtiger Tirolerin besonders. Ich erledige hier alles mit dem Fahrrad, was ich in Wien nicht mache. Und wie viele meiner Orchesterkollegen verbringe ich in der letzten August-Woche noch Urlaub in Vorarlberg, bevor es zurück nach Wien geht. Mittlerweile habe ich hier eine kleine Wohnung geerbt und fühle mich dadurch noch mehr zuhause.

Apropos Zuhause: Sie haben einmal die Wiener Symphoniker mit einer großen Zweitfamilie verglichen. Wie familiär geht es denn zu?

Schon sehr. Man muss sich in jeder Situation aufeinander verlassen können. Das fängt bei Themen wie dem Dienstplan an und setzt sich erst recht beim Spielen fort. Es kommt auf ein gutes Verständnis füreinander an. In Bregenz ist die beste Zeit, sich auch einmal privat zu treffen. Das ist ein großes Miteinander und wirkt sich natürlich positiv auf die musikalische Qualität aus. Wenn wir gemeinsam musizieren, kommunizieren wir auf vielfältige Weise, teilen Energie und Inspiration. Wenn nötig helfen wir einander. Da reichen kleine Gesten und Blicke schon aus.

Was zeichnet ein gutes Orchester aus?

Es geht darum, dass man miteinander ein Ziel verwirklicht – im Idealfall noch mit einem Dirigenten, der das Beste aus den Musikern herausholt. Er muss seine ganze Persönlichkeit, seine sozialen und musikalischen Fähigkeiten einbringen und alle Fäden zusammenhalten. Es ist wie in einer Zweierbeziehung: Die Chemie muss passen. Wenn das gegeben ist, kommt etwas Großartiges zustande.

Worauf kommt es als Orchestermusikerin an?

Einerseits ist eine möglichst konsequente Vorbereitung entscheidend, andererseits ein Höchstmaß an Spielfreude. Hier in Bregenz ist eine gute Kondition wichtig. Oper ist nicht unser normales Geschäft, wir spielen bis auf wenige Ausnahmen unser symphonisches Repertoire. Daher braucht es zu Probenbeginn mehr Flexibilität und Energie, um sich auch auf Bühne und Sänger einzustellen.

Ihr Sohn Moritz scheint Ihr musikalisches Talent geerbt zu haben, wenngleich er sich für einen ganz anderen Stil entschieden hat …

Stimmt, er spielt E-Bass in einer Metal-Band. Er kommt manchmal zu einem Symphoniker-Konzert, mein Mann und ich schauen uns umgekehrt seine Auftritte an. Dann ziehen wir uns möglichst cool schwarz an, damit wir nicht negativ auffallen. Meine Tochter Valerie arbeitet für Superar, einen gemeinnützigen Verein, der kostenfreie Orchester-, Chor- und Musicalkurse für Kinder und Jugendliche in sieben europäischen Ländern anbietet. Es gibt viele Möglichkeiten, das Leben mit Musik zu bereichern. Jedes meiner Kinder hat seinen eigenen Weg dafür gefunden. (tb)


75. Bregenzer Festspiele erfolgreich gestartet

Österreichs Bundespräsident Van der Bellen eröffnete die 75. Bregenzer Festspiele


Festspiel-Flair in der Bregenzer Innenstadt

Anfang Juli erhielten Mitglieder der Wirtschaftsgemeinschaft Bregenz (WIGEM) Plakate und Dekorationsartikel von den Bregenzer Festspielen und dem Bregenzer Stadtmarketing – die Innenstadt wird seitdem von den Einzelhändlern und Einzelhändlerinnen feierlich herausgeputzt.

Nicht nur am und um den Platz der Wiener Symphoniker kommt Festspiel-Stimmung auf, sondern auch in den dekorierten Schaufenstern der Bregenzer Altstadt. Die Straßen sind mit bunten Festspiel-Fahnen geschmückt, Rigoletto-Plakate und Würfel zieren die Auslagen und Geschäftsräume der Läden.

Stadtwerbung für »Rigoletto«
© Bregenzer Festspiele / Katharina Prochart

Kreativer Festspielschmuck

Abseits der offiziellen Deko-Artikel findet man auch künstlerische Eigenkreationen in den Schaufenstern. In der Auslage des „Cafe Götze“ etwa ist eine Miniatur-Abbildung des Rigoletto-Bühnenbildes ausgestellt, die Schokoladenmanufaktur „Xocolat“ hat das Zirkus-Thema aufgegriffen und ihr Schaufenster in eine kleine Manege verwandelt.

Vor allem Rigolettos Kopf begegnet einem beim Spaziergang durch die Innenstadt häufig – in der Auslage des Kindermodengeschäfts „Der Kleine Sagmeister“ kann sogar eine kleine Clownskopf-Ausstellung bewundert werden: Im Rahmen eines Kulturprojektes für Kinder entstanden viele bunte Köpfe und Ballone, die während der Festspielzeit im Schaufenster des Geschäfts ausgestellt sind. (kp)


Einblick in die Ausstellung Scorcellettis

Die Leica Galerie Austria gibt über YouTube einen digitalen Vorgeschmack in Emanuele Scorcellettis Welt zwischen Traum und Wirklichkeit. Der Fotograf hat 2019 einen Blick hinter die Kulissen der Bregenzer Festspiele geworfen und das Leben auf der Hinterbühne fotografisch festgehalten. Leicas Teaser-Video zeigt eine Auswahl der Bilder, die der Meisterfotograf im Showroom der Bregenzer Festspiele ausstellt. Das Video auf YouTube: youtu.be


Vermischtes

„Bravi tutti!“ – Vergangenen Donnerstag fand im Seestudio die Meisterklasse mit Brigitte Fassbaender statt. Vor Publikum erarbeiteten sich die jungen Sängerinnen und Sänger ihre Rollen aus Gioachino Rossinis Die Italienerin in Algier. Spencer Britten postet auf Instagram ein Gruppenfoto und gibt Einblicke in die Probenarbeit. instagram.com

Hinter den Kulissen – Stacey Alleaume bewegt sich in ihrer Rolle als Gilda rund um und sogar im Kopf des Rigoletto. Auf Instagram zeigt die Sopranistin, wie das technische Meisterwerk von hinten aussieht. instagram.com

Miniatur-Symphonikerin – Gemeinsam mit den Wiener Symphonikern reisen Bernadette Regenz und ihr Kontrabass an den Bodensee. Im Gegensatz zum Orchester, das seit 1946 bei den Bregenzer Festspielen mitwirkt, ist B. Regenz zum ersten Mal im Ländle. Auf Instagram gibt die Miniatur-Musikerin einen Einblick hinter die Kulissen der Bregenzer Festspiele. #playlikeachildagain instagram.com

Ratespiel – Bei welchem Festival verschönert BMW Austria den Vorplatz? Wir kennen die Antwort! Vor dem Festspielhaus sprayt ein Street-Art Künstler im Auftrag von BMW Austria den Rigoletto-Kopf in knalligen Farben auf den Platz. instagram.com


Ausblick: Das tut sich in den nächsten Tagen

Am 23. Juli 2021 um 19.30 Uhr feiert Michael Kohlhaas Premiere. An insgesamt drei Abenden wird das Theaterstück von Heinrich von Kleist im Theater am Kornmarkt aufgeführt.

Auch nach der Premiere des Spiels auf dem See bleibt Rigoletto regelmäßig am Programm der Bregenzer Festspiele – im Juli um 21.15 Uhr, ab August um 21.00 Uhr.

Arrigo Boitos Nero wird noch am 25. Juli 2021 und am 2. August 2021 im Festspielhaus zu sehen sein.

Mit Werken von Strozzi, Bach und Larcher tritt der Tenor Julian Prégardien gemeinsam mit Pianistin Tamar Halperin am 25. Juli 2021 um 19.30 Uhr im Seestudio auf. Das Konzert findet im Rahmen der Veranstaltungsreihe Musik & Poesie statt.

Am 26. Juli 2021 findet das erste Orchesterkonzert statt. Auf dem Programm steht Die Schöpfung von Joseph Haydn, aufgeführt von den Wiener Symphonikern unter der Leitung von Andrés Orozco-Estrada sowie dem Bregenzer Festspielchor und dem Kornmarktchor.

Am 29. Juli 2021 um 20.00 Uhr feiert die Filmoper Upload Premiere (Uraufführung). Michel van der Aas zeitgenössische Oper, die sich mit ethischen Fragestellungen und dem brandaktuellen Thema der künstlichen Intelligenz beschäftigt, ist an zwei Abenden auf der Werkstattbühne zu sehen.

Tickets und weitere Informationen unter bregenzer-festspiele.com