Neuigkeiten von den Bregenzer Festspielen (1. Juli)

Sibirien ~ Bregenzer Festspiele ~ Probenfoto ~ © BregenzerFestspiele / Wolfgang Streiter


Oper im Festspielhaus: Kämpfen für die Liebe

Mit Sibirien sprang Umberto Giordano für säumigen Puccini ein

Mit dem international aufstrebenden Regisseur Vasily Barkhatov sowie Dirigent Valentin Uryupin, der in Bregenz bereits Eugen Onegin musikalisch leitete, bringen zwei junge Künstler aus Moskau die mitreißende und zu Unrecht vergessene Oper Sibirien ins Festspielhaus. Zwischen der Oper von Umberto Giordano und dem neuen Spiel auf dem See, Giacomo Puccinis Madame Butterfly, gibt es übrigens mehrere Verbindungen.

Die auffälligste Gemeinsamkeit ist diese: Beide Opern führen Luigi Illica als Librettisten auf. Bei Puccini teilte er, wie zuvor schon für dessen La bohème und Tosca, die Textdichtung mit Giuseppe Giacosa. Madame Butterfly hätte im Dezember 1903 uraufgeführt werden sollen. Doch der 55 Jahre alte Komponist war wegen eines Autounfalls mit seiner sechsten Oper nicht rechtzeitig fertig geworden. Als Ersatz zog die Mailänder Scala kurzfristig die Uraufführung eines neuen Werks des um neun Jahre jüngeren Umberto Giordano im Spielplan nach vorn: Sibirien bzw. Siberia, wie es im Original heißt.

„Großartige Musik!“, fällt Olaf A. Schmitt, Dramaturg und Künstlerischer Berater der Bregenzer Festspiele, als Erstes auf die Frage ein, was Sibirien für ihn auszeichnet. Und Elisabeth Sobotka, Intendantin der Bregenzer Festspiele, lässt sich zur euphorischen Beschreibung „wundervoller italienischer Opernschinken“ hinreißen. Wenn das mal keine Vorgaben sind!

Ein realitätsnahes Stück

Die Musik – über jeden Zweifel erhaben, aber Sibirien als Thema …? Da denken wir hier in Mitteleuropa doch automatisch an Kälte, Unwirtlichkeit, Unterdrückung und nicht an eine Liebesgeschichte. Doch genau um solche Gegenpole ging es dem Librettisten Luigi Illica und Umberto Giordano als Komponisten: Als Vertreter des sogenannten Verismo Opernstoffe nicht mehr im, sagen wir: abgehobenen Adelsumfeld anzusiedeln, sondern auf nachvollziehbareren Ebenen der einfachen Leute. Schmitt: „Verismo war der Versuch, auf der Opernbühne so etwas wie Wahrheit zu erzählen in den Handlungsabläufen und dargestellten Gefühlen“ Oder anders gefragt: Könnte das Stück der Realität entnommen sein?

Mit Sicherheit 1903, als die Oper uraufgeführt wurde. In der Thematisierung gesellschaftlicher Grausamkeit findet man eine weitere Übereinstimmung zwischen den diesjährigen Opern auf der Seebühne und im Festspielhaus. Hier der grobe Handlungsstrang von Sibirien, der ungeheuerlich beginnt: Stephana gibt ihr abgesichertes Leben als Kurtisane im eleganten Stadtpalais in St. Petersburg auf, um ihrer großen Liebe Vassili ins sibirische Straflager zu folgen. Dort, in der Verbannung, wandelt sich Stephana zur unerschütterlichen Kämpferin, sie setzt sich gegen Ungerechtigkeiten und Verleumdung zur Wehr. In der ausweglosen Situation der Gefangenen keimt Hoffnung, als die für unmöglich gehaltene Flucht des Paares zu gelingen scheint. Doch dann fällt ein Schuss.

Eine etwas zu schöne Musik

Umberto Giordano, hochbetagt 1948 in Mailand gestorben, gilt als letzter Vertreter der klassischen italienischen Oper. Sein bekanntestes Werk André Chenier war 2011/12 als Spiel auf dem See zu erleben (auch hier ist das Libretto von Luigi Illica). Für Sibirien verwebt Giordano geschickt russische Klänge – von der Zarenhymne bis zum volkstümlichen Lied der Wolga-Schlepper – mit seinen effektvollen kompositorischen Einfällen und erzeugt emotionale Spannung, die Regisseur Vasily Barkhatov in der aktuellen Ausgabe der „Festspielzeit“ folgendermaßen beschreibt: „Wenn man sich dasselbe Libretto in einer Komposition von Leoš Janáček oder Dmitri Schostakowitsch vorstellt, wäre es eine harte, gewaltsame Oper. In der Handlung gibt es sämtliche Zutaten: Gefängnis, sibirisches Lager, Liebe, Betrug, Hass … Doch Giordanos etwas zu schöne Musik verwandelt sie wie in einen französischen Film aus den 1960er Jahren, wo selbst die schrecklichsten Taten und Verhältnisse gut aussehen.“

Ein exotischer Schauplatz mag vor rund 120 Jahren en vogue gewesen sein und faszinierende russische Klänge erzeugten das notwendige Lokalkolorit. Trotzdem blieb Sibirien für Giordano ein allgemein gültiges menschliches Drama: „Die Liebe und der Schmerz besitzen keine Nationalität.“

Aufführungen und Werkstattgespräch

Premiere von Sibirien ist am 21. Juli 2022, weitere Vorstellungen sind am 24. Juli und 1. August.

Am kommenden Montag, 4. Juli, findet um 20 Uhr im Festspielhaus in Kooperation mit dem ORF ein „Werkstattgespräch“ mit Regisseur Vasily Barkhatov, Dirigent Valentin Uryupin, Clarry Bartha (La fanciulla | Die alte Frau), Intendantin Elisabeth Sobotka und Dramaturg Olaf A. Schmitt zu Sibirien statt.


Einer großen Liebe nachspüren ~ Fotokünstlerin Viktoria Sorochinski bei den Bregenzer Festspielen

© Viktoria Sorochinski

Drei Jahre lang hofft Cio-Cio-San, genannt Madame Butterfly, dass ihr geliebter Marineleutnant Pinkerton aus den USA zu ihr zurückkehrt. Schließlich kommt er – doch die Geschichte endet alles andere als glücklich. Die Phase der Hoffnung einzufangen und einen Bezug zur Seebühne herzustellen: Das waren die Vorgaben an Fotokünstlerin Viktoria Sorochinski. „Als sie vor zwei Monaten nach Bregenz kam, haben wir die Inszenierung, das Bühnenbild und die Kostüme besprochen. Sie hat sofort ein Gespür für diesen Ort entwickelt und intuitiv interessante Motive gefunden“, erinnert sich Susanna Boehm, Ausstattungsleiterin der Bregenzer Festspiele.

Nicht nur Szenen rund um die Seebühne lichtete Sorochinski ab. Einen Ausflug auf den Pfänder, den Bregenzer Hausberg, nutzte sie für ihre Bilder. Am 14. Juli startet ihre Ausstellung im Rahmen der diesjährigen Bregenzer Festspiele. Der Eintritt ist frei.

Assoziativer, persönlicher Stil

Vom Bodensee reiste sie weiter zu einer Ausstellung nach Tokio. Mit im Gepäck hatte sie einige Stoffe aus der Festspiel-Requisite. In Japan traf sie eine 88-jährige Dame, die noch als Tänzerin aktiv ist und Kimonos sammelt, sowie deren Enkelin. Für die Fotografin die idealen Protagonistinnen, um Cio-Cio-Sans Gefühls- und Gedankenwelt in Szene zu setzen. „Ihre assoziativen Motive sind hier wie dort in einem Flow entstanden“, erzählt Boehm.

Kooperation mit Leica

Die Fotos werden vom 14. Juli an im Showroom des Festspielhauses Bregenz zu sehen sein. Wie vor drei Jahren bei Emanuele Scorcellettis Ausstellung ermöglicht dies eine Kooperation mit der Firma Leica. Kuratorin ist erneut Miriam Marzura, Managerin der Leica Galerie Wien. Sie war von Anfang an begeistert von Viktorias stimmungsvollen Fotoserien, ihrem behutsamen Blick und der themenbezogenen Verknüpfung der Elemente: „Viktoria Sorochinskis Werke für die Bregenzer Festspiele ziehen die Betrachter sanft in die Gedankenwelt der Madame Butterfly und schlagen gleichzeitig den Bogen von Japan nach Europa.“ Ihre Entscheidung für Viktoria Sorochinski als Künstlerin fiel übrigens lange vor dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Susanna Boehm haben die Bilder überzeugt: „Viktoria erleichtert dem Betrachter den Zugang zur uns fremden japanischen Kultur und Geschichte.“

Viktoria Sorochinski wurde 1979 in der Ukraine geboren. Sie lebte in Russland, Israel, Kanada und den USA, bevor sie 2013 nach Berlin zog. Ihre Werke wurden in 23 Ländern ausgestellt. Sie ist Preisträgerin mehrerer Wettbewerbe, darunter der Leica Oskar Barnack Award. In ihrer Arbeit bewegt sich die Künstlerin zwischen Dokumentation und Fiktion. Familiendynamik, Tradition, Kultur und Mythologie sind zentrale Themen. viktoria-sorochinski.com.

Foto-Ausstellung Viktoria Sorochinski

Showroom des Festspielhauses, Nähe Haupteingang
Freier Eintritt
Vernissage: 14. Juli, 18 Uhr
Geöffnet bis zum 21. August, täglich von 10 bis 18.30 Uhr

Oper miterleben im Theater am Kornmarkt ~ Bregenzer Festspiele suchen Kinder-Darstellerin für Armida

Für die Inszenierung von Joseph Haydns Armida suchen die Bregenzer Festspiele ein Mädchen im Alter von 9 bis 13 Jahren.

Das Kind übernimmt als junge Armida eine prominente szenische Rolle zu Beginn der Oper und tritt im Laufe der Inszenierung noch einige Male auf. Es gibt für das Kind keine Gesangs- oder Sprechstellen. Details: bregenzerfestspiele.com

Hör-Spiele: Der Podcast der Bregenzer Festspiele

Bühne frei für Hör-Spiele den Podcast der Bregenzer Festspiele. Hier erwarten euch spannende Hintergründe zu Komponisten, Werken und Inszenierungen sowie Erläuterungen von Mitwirkenden rund um das Programm der Bregenzer Festspiele.

Folge 1: Kapitän Nemos Bibliothek

Zu Wort kommen im Podcast Komponist Johannes Kalitzke sowie Regisseur Christoph Werner.

Zum Podcast: bregenzerfestspiele.com

Bühnen-Präsentation „Madame Butterfly“

20 Minuten erklärte Opernkulisse – Eintritt frei

Ab 2. Juli präsentieren die Bregenzer Festspiele an zwei Samstagen um jeweils 14.00 Uhr ihre Opernkulisse im Bodensee.

Madame Butterfly ~ Bühnenbildpräsentation
Bregenzer Festspiele

© Bregenzer-Festspiele / Matthias Grabher

In einer rund 20-minütigen Präsentation des Madame Butterfly-Bühnenbilds zeigen Künstlerinnen und Künstler sowie Mitarbeitende dem Publikum auf der Tribüne, welche technischen Raffinessen im Bühnenbild stecken und worum es in Giacomo Puccinis Oper geht. Außerdem sind kurze musikalische Kostproben zu hören.

Der Eintritt ist frei. Die Termine sind Samstag 2. und 9. Juli, jeweils 14.00 Uhr, Seetribüne Bregenz.

Am Donnerstag, 14.7.22, 14.00 Uhr, gibt’s eine Bühnen-Präsentation speziell für Kinder und Jugendliche.

Bühnen-Präsentation Madame Butterfly
Zeit: an den Samstagen 2. und 9. Juli
Donnerstag, 14. Juli, Bühnen-Präsentation für Kinder und Jugendliche
Ort: Seetribüne
Beginn: jeweils 14.00 Uhr
Dauer: ca. 20 Minuten

DER EINTRITT IST FREI!


Festival-Potpourri

Heiße Phase: Zusammen mit den Wiener Symphonikern schickt Enrique Mazzola Grüße von der heißen Probenphase in Wien, die auch meteorologisch von heißen Temperaturen begleitet wird: instagram.com

Made it: Eine Woche vor der Premiere von Die Italienerin in Algier postet Spencer Britten (Lindoro) stolz auf Instagram: „I made it“: instagram.com

Work in Progress: Die dritte Probenwoche von Sibirien hat begonnen und Regisseur Vasily Barkhatov feilt im Sonnenschein auf dem Platz der Wiener Symphoniker an seiner Inszenierung: instagram.com


Die Bregenzer Festspiele 2022 finden von 20. Juli bis 21. August statt. Tickets und Infos unter www.bregenzerfestspiele.com Telefon 0043 5574 407 6.