Neues Album von Igor Levit: Tristan

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  • Auf seinem neuen Album »Tristan« beschäftigt sich Igor Levit mit nachtdunklen Themen wie Liebe und Tod, Furcht, Ekstase, Einsamkeit & Erlösung in Werken von Richard Wagner, Franz Liszt, Gustav Mahler & Hans Werner Henze.
  • Erstmals hat der Pianist ein Werk mit Orchester eingespielt, mit dem Gewandhausorchester Leipzig unter Franz Welser-Möst.
  • Die erste Single – Liszts »Harmonies du soir« erscheint heute – Zu hören u. a. auf YouTube: https://youtu.be/tqunoUgmnqc
  • Das Album erscheint am 9. September bei Sony Classical .

Rund 135 Jahre umspannt das Repertoire von Igor Levits neuem Album: die Zeit von etwa 1837 bis 1973. Ganz unterschiedliche Genres treffen aufeinander; nur eines der Werke ist originär für Soloklavier konzipiert. Levits Annäherungen an existenzielle Grenzerfahrungen – den Tod in „Life“ (2018), die Begegnung mit dem Spirituellen in „Encounter“ (2020) und,  jetzt in „Tristan“, die Verbindung von Liebe, Tod und Erlösungsbedürftigkeit – bringen es mit sich, dass wiederum nicht allein Meisterwerke für sein Instrument im Mittelpunkt stehen, sondern vor allem Kompositionen, in denen gewisse thematische Assoziationen eine möglichst persönliche Gestaltung finden.

Dabei kreisen Levits eigene Gedanken bei „Tristan“ weniger um die Liebes- und Todesthematik als solche als vielmehr um Erlebnisse der Nacht und des Nächtlichen – als dunkler Gegenwelt zum bewussten Handeln bei Tage. Psychische Ausnahmezustände geben den Ton vor: „Die Nacht hat so viele Gesichter. Sie kann Zuflucht und Kontrollverlust bedeuten, sie steht für Liebe und Tod, und sie ist die Zone tiefer, paranoider Ängste“, sagt Levit. „Im Adagio von Mahlers Zehnter Sinfonie gibt es den berühmten Aufschrei des dissonanten Schmerzensakkords, und Wagners Tristan und Isolde inszeniert geradezu eine Art emotionale Kernschmelze. Alle wesentlichen Geschehnisse des Stücks spielen sich in der Nacht ab. Auch Hans Werner Henze spricht in seinen Erinnerungen an die Zeit von Tristan von Alpträumen und traumartigen Halluzinationen.“

Henzes „Préludes für Klavier, Tonbänder und Orchester“ – ein schwärmerisch-raffinierter Hybrid aus Soloklavier, Elektronik, Konzert und Sinfonie – bildet das Herzstück des Albums. Es ist die erste Orchesterproduktion Levits überhaupt. Zusammen mit Franz Welser-Möst hat er das suggestive Werk, von dem bisher nur die kompromissbehaftete Aufnahme unter Leitung des Komponisten greifbar war, sowohl bei den Salzburger Festspielen als auch mit dem Gewandhaus Orchester in Leipzig aufgeführt; im Zusammenhang mit den Leipziger Konzerten ist 2019 die vorliegende Aufnahme entstanden.

Henzes Beschäftigung mit der Tristan-Thematik ging ursprünglich auf den Plan eines Balletts zurück. Zusammen mit dem Londoner Elektronik-Pionier Peter Zinovieff, einem Toningenieur, dessen Erfindungen großen Einfluss auf die Pop-Musik jener Jahre, etwa von Pink Floyd ausübten, hatte Henze drei Bänder angefertigt, in denen unter anderem mehrstimmige Renaissance-Musik, der Trauermarsch aus Chopins Zweiter Klaviersonate und das Vorspiel zum dritten Akt aus Wagners Tristan einflossen. Die virtuosen Orchesterpartien komponierte Henze anschließend auf Basis der Elektronikspuren. Zu dem noch unvollendeten ersten Prélude für Klavier solo fügte er zwei weitere hinzu, sodass das Werk auf insgesamt sechs Teile anwuchs. Im September 1973 kam es zum blutigen Militärputsch in Chile. Wystan Hugh Auden, der bewunderte Dichter, starb in Wien. Und Ingeborg Bachmann, Henzes enge Freundin, erlag den schweren Verletzungen ihres Brandunfalls. Henze geriet in eine tiefe psychische Krise. Er vollendete seinen Tristan schließlich in Venedig, wo Wagner 1883 gestorben war.

Franz Liszts dritter Liebestraum ist heute als sentimentaler Show-Stopper aller Klavierpoeten bekannt. Dabei ist auch dieses Nocturne in As-Dur durchaus tragisch grundiert. Zurück geht es auf ein Kunstlied Liszts auf Verse von Ferdinand Freiligrath (1810–1876). Die Beginn des Gedichts lautet:

„O lieb’, so lang du lieben kannst!
O lieb’, so lang du lieben magst!
Die Stunde kommt, die Stunde kommt,
Wo du an Gräbern stehst und klagst!“

Nächtlich Verzweifeltes auch bei Mahler: Ende Juli 1910, mitten an der Arbeit am ersten Satz seiner Zehnten, erfuhr der Komponist von der Affäre seiner Frau Alma mit Walter Gropius. Mahler war dem psychischen Zusammenbruch nahe, er glaubte jedoch den Versicherungen Almas, sie werde ihn nicht verlassen und setzte in Toblach die Arbeit fort. Dabei baute er am Ende des umfangreichen Satzes jenen dröhnenden, extrem dissonanten Neunton-Akkord ein, durch den die Trompete den Ton a hält. Mahler starb nur wenige Monate später, im Mai 1911. Igor Levit spielt dieses Adagio in einer wenig bekannten Klaviertranskription des schottischen Komponisten Ronald Stevenson, für dessen große Passacaglia on DSCH er sich zuletzt so stark eingesetzt hat.

Erst in Harmonies du Soir, der elften der 12 Études d’exécution transcendante von Franz Liszt, scheint, bei aller Verdichtung pianistischer Majestät, eine Versöhnung auf. Die am Ende des Programms erklingenden „Abendklänge“ bilden das friedliche Gegenstück zu den Ekstasen und Alpträumen, die den Nachtgeweihten bei Wagner oder Mahler widerfahren.

„Tristan“ wird am 9. September als CD, Vinyl und digitales Album veröffentlicht.
Der erste Track – Liszts „Harmonie du Soir“– erscheint heute.


CD 1

FRANZ LISZT 1811–1886
1 Liebestraum No. 3 S 541/3 00:03:54
“O lieb, so lang du lieben kannst!”
Poco allegro, con affetto – Più animato con passione – sempre stringendo – Tempo I

HANS WERNER HENZE 1926–2012
Tristan
Preludes for Piano, Electronic Tapes and Orchestra
2 I Prolog 00:06:26
3 II Lamento 00:06:25
4 III Präludium und Variationen 00:10:57
5 IV Tristans Wahnsinn 00:05:36
6 V Adagio – Burla I – Burla II – Ricercare I – Burla III – Ricercare II 00:05:47
7 VI Epilog 00:14:05

CD 2

RICHARD WAGNER 1813–1883
1 Tristan und Isolde: Prelude 00:10:50
Piano Arrangement: Zoltán Kocsis
Langsam und schmachtend – Belebend – Allmählich im Zeitmaß etwas zurückhaltend

GUSTAV MAHLER 1860–1911
2 Adagio 00:27:53
from Symphony No. 10
Piano Arrangement: Ronald Stevenson

FRANZ LISZT 1811–1886
3 Harmonies du soir 00:10:00
No. 11 from Études d’exécution transcendante S 139
Andantino – Poco più mosso – Più lento con intimo sentimento – Molto animato

Igor Levit piano
Gewandhausorchester Leipzig
Franz Welser-Möst conductor [CD 1, 2–7]

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