Mit Mahlers geheimnisvoller Siebten eröffnet François-Xavier Roth die Pfingstfestspiele Baden-Baden

François-Xavier Roth (© Holger Talinski)

Der Ehrenpreisträger der deutschen Schallplattenkritik und ausgewiesene Mahler-Experte dirigiert am Samstag, 28. Mai 2022, 18 Uhr, das SWR Symphonieorchester im Festspielhaus Baden-Baden.

Wie zaubert man ein Meisterwerk? Man nehme ein Triangel, ein Tamtam, Herdenglocken, tiefe Glocken, eine Rute, ein Tamburin, ein Glockenspiel, eine Gitarre, eine Mandoline und schon klingt sie zum Himmel, Mahlers siebte Sinfonie. Ein paar Streicher und andere konventionelle Instrumente braucht es auch, das meiste davon in sehr großer Zahl. Doch Rute und Herdenglocken führen einen auf die richtige Spur: Mahlers siebte Sinfonie, 1908 uraufgeführt, ist ein bizarres Meisterwerk. Weil sich die Sinfonie nicht in eine Schublade stecken lässt (die nicht von Mahler stammende Bezeichnung „Lied der Nacht“ ist ein unzureichender Versuch), zählt sie zu Mahlers unbekanntesten.
Musikalisch erklärbar ist es nicht. Dass das Stück in Wien nicht angekommen war, weil man sein Finale als Parodie auf Wagners „Meistersänger“-Ouvertüre empfand, spricht aus heutiger Sicht eher für als gegen die Musik.

„Die Welt gehört mir!“ kommentierte Mahler den Bombast dieses Schlusssatzes in C-Dur, der klingt, als würde man alle Apotheosen aufeinander packen wollen. Geheimnisvoll märchenhaft geht es in den Sätzen davor zu – „Mahlers Märchenwelten“ wäre überhaupt der weitaus sinnvollere Name für diese Sinfonie. Dafür sprechen bereits die erwähnten Instrumente, die das Kind im Hörer herauskitzeln. Das Werk hat fünf Sätze und ist symmetrisch in Brückenform gebaut: Sätze eins und fünf bilden den Rahmen, zwei und vier sind mit „Nachtmusik“ überschrieben. Im Zentrum steht dann der dritte Satz, das wilde Scherzo „Schattenhaft“, eine geisterhafte Parodie auf den Wiener Walzer, die die Expressionisten begeisterte. Die Tatü-Tata-Trompetenquarten im ersten Satz hat sich Arnold Schönberg für seine erste Kammersinfonie abgeschaut –heutige Hörer werden sich eher an Star-Trek-Musik erinnert fühlen.

Diese heimliche Kultsinfonie braucht einen unheimlich guten Dirigenten. Der renommierte Ehrenpreis der deutschen Schallplattenkritik 2020 für sein audiophiles Gesamtwerk – an den jüngsten Dirigenten in der Geschichte des Preises – beweist, dass François-Xavier Roth einer der besten ist. Der Franzose hat es geschafft tausendfach dirigierter Musik des Fin de Siècle neue Seiten abzugewinnen: sei es Musik von Richard Strauss´ oder von Ravel und Debussy. Roth gilt als ausgemachter Mahler-Experte, die siebte Sinfonie dirigiert er am 28. Mai indessen das erste Mal. Im Festspielhaus war er zuletzt bei den diesjährigen Osterfestspielen zu Gast – am Pult der Berliner Philharmoniker.

Das SWR Symphonieorchester, 2016 aus der Zusammenführung des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart des SWR und des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg hervorgegangen, zählt Interpretationsansätze aus der historisch informierten Aufführungspraxis, das klassisch-romantische Kernrepertoire und Musik der Gegenwart zu seinem künstlerischen Profil. Seit 2020 ist das SWR Symphonieorchester das Residenzorchester der Pfingstfestspiele Baden-Baden.


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