Martin Woelffer zieht Bilanz eines schwierigen Theaterjahres „Eine Achterbahn der Gefühle“

Komödie am Kurfürstendamm im Schiller Theater in Berlin

Martin Woelffer im Schiller Theater (Foto: Michael Petersohn ~ polarized.de)

Berlin, 7. Januar 2021 – „Meine Familie macht seit drei Generationen Theater und es gab schon eine Menge Krisen, die wir bewältigen mussten, aber eine Phase, in der wir so lange nicht spielen durften, gab es noch nie.

Wenn ich morgens über die menschenleere Bühne gehe, tut mir das in der Seele weh. Ich vermisse das Publikum, die Mitarbeiter*innen in den Werkstätten, Arbeitsgeräusche auf der Bühne.

Das Jahr 2020 war eine Achterbahn der Gefühle für mein Team und mich. Am schwierigsten ist für uns die Unplanbarkeit der Zukunft. Denn das Virus nimmt keine Rücksicht auf Proben und Premierentermine. Dem müssen wir uns leider fügen und auf bessere Zeiten hoffen.

Ein Gutes hatte die Krise: Ich habe festgestellt, dass es Solidarität zwischen den Theatermacher*innen gibt. Ich bin froh darüber, dass wir mit Klaus Lederer einen Kultursenator haben, der sich für die Belange aller Kulturschaffenden einsetzt. Das lässt mich auf einen positiven Ausgang der Situation hoffen“, glaubt Theaterchef Martin Woelffer.

Das Jahr 2020

Die Komödie am Kurfürstendamm im Schiller Theater hatte große Pläne für 2020: Mit „Mord im Orientexpress“ plante Woelffer die aufwendigste Produktion, die sein Theater jemals realisiert hat.

Die Zeichen dafür standen auf Erfolg: Schon zwei Wochen vor der Premiere, die am 22. März 2020 stattfinden sollte, waren die Hälfte der Karten für die erste Spielserie verkauft.

Unzählige prominente Gäste wollten das Theaterspektakel unter der Regie von Katharina Thalbach, in dem sie Hercule Poirot verkörpern sollte, und an dem unter anderem auch die Geschwister Pfister sowie Anna und Nellie Thalbach beteiligt waren, zum Start sehen.

Ganz Berlin sprach über das Vorhaben. Doch dann erklärte der Berliner Senat, dass Kultureinrichtungen wegen der Pandemie ab dem 13. März schließen sollten.

Der erste Lockdown

Die Proben zu der Inszenierung wurden abgebrochen, für die Belegschaft Kurzarbeit beantragt.

Der Lockdown, ursprünglich nur für fünf Wochen geplant, zog sich bis in den Sommer.

Im Juni 2020 trafen sich der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender in den Kulissen des in voller Fahrt angehaltenen Orientexpress mit Katharina Thalbach und Martin Woelffer, um sich über die Situation der Privattheater und die Probleme von Schauspieler*innen in der Corona-Krise zu informieren.

Neustart

Erst am 12. August öffnete die Komödie als erstes Berliner Theater wieder für die Zuschauer: unter dem Motto „Komödie. Stadt. Strand.“ – mit ausgefeiltem Hygienekonzept und viel Abstand.

„Niemals vorher hatten wir uns mit Infektionsschutzverordnungen oder der Luftaustauschrate unserer Klimaanlage beschäftigt. Vor der Wiedereröffnung im Sommer 2020 gehörten diese Themen allerdings zu unseren Hausaufgaben.

Hinzu kam, dass von 1056 Plätzen nur ca. 360 belegt werden konnten. Wirklich gerechnet hat sich das nicht“, resümiert Martin Woelffer, „aber wir wollten unbedingt wieder spielen und dank der finanziellen Unterstützung der Kulturverwaltung ist der Neustart gelungen.

Das Publikum hatte wieder Lust auf Theater und keine Probleme damit, Mund-Nasen-Schutz zu tragen. Das Feedback, das wir von den Zuschauern bekommen haben, war durchweg positiv. Umso mehr hat uns überrascht, dass Anfang November die Kultureinrichtungen wieder schließen mussten“, äußert sich Woelffer.

Zuvor hatten 300 Zuschauer jeden Abend bei „Rio Reiser – Mein Name ist Mensch“ gejubelt. „Die Stimmung war großartig – trotz Abstand“, erinnert sich der Theaterchef.

Der zweite Shutdown

Im Gegensatz zum 1. Lockdown konnte im November weiter geprobt werden. Das ganze Theater arbeitete auf die Premiere von Alan Ayckbourns „Schöne Bescherungen“ hin, eine Weihnachtskomödie mit u. a. Marion Kracht, Katja Weitzenböck und Timothy Peach.

Doch auch diese, für den 4. Dezember geplante Premiere, musste abgesagt werden, denn der Shutdown wurde verlängert. Ein kleiner Lichtblick für Publikum und Martin Woelffer waren die erfolgreichen Streamings eines Weihnachtskonzerts mit den Berlin Comedian Harmonists und des Kabarettistischen Jahresrückblicks.

Pläne für 2021

„Ich weiß gar nicht genau, wieviel Spielpläne die Leiterin des Produktionsbüros im vergangenen Jahr geschrieben und wieder verworfen hat“, äußert sich Woelffer.

„Für 2021 stehen bisher Gastspiele von Ulrich Tukur, Gayle Tufts und Familie Flöz und Bodo Wartke fest.

Wann wir ´Mord im Orientexpress´ herausbringen können, wissen wir derzeit noch nicht sicher. Ich glaube aber ganz fest daran, dass unsere Zuschauer*innen Katharina Thalbachs Inszenierung in diesem Jahr sehen werden.

Neue Projekte möchte ich erst ankündigen, sobald spruchreif ist, wann es einen zweiten Neustart geben kann. Dass wir Ende des Jahres Alan Ayckbourns Weihnachtskomödie ´Schöne Bescherungen´ zeigen, steht allerdings bereits fest“, verrät der Theaterchef.

komoedie-berlin.de